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© Annie Spratt / unsplash.com

05.03.2022 / Serviceartikel / Lesezeit: ~ 7 min

Autor/-in: Micaela Kassen

Prävention von sexuellem Missbrauch

Wie man Kinder und Jugendliche schützen kann.


Es sind Zahlen, die betroffen machen: Laut Polizeilicher Kriminalstatistik werden jedes Jahr etwa 14.000 Kinder in Deutschland Opfer von sexuellem Missbrauch, dabei sind Mädchen dreimal häufiger als Jungen betroffen.1

Sexueller Missbrauch kann überall stattfinden – in der Familie, in der Schule oder in Flüchtlingsunterkünften. Auch in der Kirche gibt es Opfer von sexuellem Missbrauch, wie die jüngsten Skandale rund um das Erzbistum Köln wieder aufgezeigt haben. Doch was ist mit dieser Form der Gewalt genau gemeint und wie zeigt sie sich?
 

Was ist sexueller Missbrauch?

Hiermit ist gemeint, „ein Kind ohne dessen Einverständnis oder gegen seinen Willen [zu] streicheln oder lieb[zu]kosen, [zu] küssen, körperliche Nähe [zu] erzwingen, ein Kind ohne Notwendigkeit an den Genitalien [zu] berühren, ein Kind sexuell [zu] stimulieren, sexuelle Handlungen durch ein Kind an sich vornehmen [zu] lassen, Kinder zu sexuellen Posen auf[zu]fordern [und] Kinder nackt oder in sexuell aufreizenden Positionen [zu] fotografieren“.2

Konkret heißt das: Jede sexuelle Handlung, die ein Erwachsener an einem Kind oder Jugendlichen vornimmt, ist Missbrauch. Sexualität ist grundsätzlich dann problematisch, wenn einer der Partner nicht aus eigenem Antrieb und aufgrund einer reifen, persönlichen Entscheidung daran teilnimmt. Kinder und Jugendliche, die noch am Anfang ihrer sexuellen und emotionalen Entwicklung stehen, sollten deswegen niemals von Erwachsenen zu intimen Handlungen eingeladen, überredet, genötigt oder gar gezwungen werden. Immer wenn dies passiert, wird das Machtungleichgewicht zwischen Erwachsenen und Kind ausgenutzt.

Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen ist eine Straftat! 2021 beschloss die Bundesregierung mehrere Gesetzesverschärfungen, so dass Täter mit höheren Gefängnisstrafen als bisher rechnen müssen. Doch der Weg bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung ist lang, auch weil die polizeiliche Ermittlungsarbeit in solchen Fällen schwierig ist. Oft gibt es keine Zeugen oder die minderjährigen Opfer können das Erlebte nicht in Worte zu fassen.

Das Weiße Kreuz gibt auf ihrer Seite weitere Einblicke in die aktuelle Gesetzeslage. Außerdem finden sich dort hilfreiche Handlungsvorschläge, zum Beispiel wenn ein Anfangsverdacht besteht. Sexualisierte Gewalt – Weisses Kreuz
 

Welche Folgen kann sexueller Missbrauch haben?

Sexueller Missbrauch zieht immer schwere Folgen nach sich, und das auf mehreren Ebenen:

Für das betroffene Kind fängt es bei körperlichen Verletzungen an, doch der Schaden reicht viel tiefer: Opfer leiden oft unter psychosomatischen Störungen, intellektuell-kognitiven Beeinträchtigungen und psychischen Erkrankungen – wie z.B. Depressionen, Panikattacken und posttraumatische Belastungsstörungen.

Vor allem, wenn der Missbrauch durch Vertrauenspersonen wie Familienmitglieder oder Lehrer erfolgt, ist die emotionale Entwicklung eines Kindes besonders gefährdet.

Männer und Frauen, die sexuellen Missbrauch erlebt haben, berichten oft davon, dass sie erst als Erwachsene das ganze Ausmaß des erlittenen Traumas begreifen konnten. Die Erfahrungen des Ausgeliefertseins und der Hilflosigkeit können auch Jahrzehnte später ihr seelisches Wohlbefinden beeinträchtigen.

Sexueller Missbrauch hat aber nicht nur für das Kind verheerende Folgen, sondern betrifft das ganze Umfeld. Er zerstört Familien, Kirchengemeinden, Jugendgruppen, Sportverbände. Vor allem, wenn der Missbrauch lange unerkannt bleibt und es keine Anlaufstellen für Betroffene gibt, um frühzeitig besorgniserregende Erfahrungen zu melden. Der öffentliche Vertrauensverlust, wenn Missbrauchsfälle bekannt werden, ist dabei nur die Spitze des Eisbergs.
 

Prävention bei potenziellen Opfern

In den letzten Jahren gab es viele Initiativen, das Thema sexuelle Gewalt stärker ins Bewusstsein von Eltern und der Gesellschaft zu bringen. Auch wenn es keine 100% Sicherheit gibt, können Eltern Präventionsmaßnahmen ergreifen, um ihr Kind vor Übergriffen zu schützen:
 

Prävention mit Kindern

Um mein Kind zu schützen ist es wichtig, dass ich das Selbstbewusstsein und das Selbstbestimmungsrecht meines Kindes stärke.

Dies kann dadurch geschehen, dass ich meinem Kind folgende Botschaften vermittle3:

  • Dein Körper gehört dir! (Körperliche Selbstbestimmung)
  • Deine Gefühle sind wichtig! (Vertrauen auf die eigene Intuition)
  • Es gibt angenehme und unangenehme Berührungen.
  • Du hast das Recht, NEIN zu sagen! (Erlaubnis zum Widerstand)
  • Es gibt gute und schlechte Geheimnisse („Schlechte“ darf man weitersagen)
  • Sprich darüber, hole Hilfe! (Info über konkrete Hilfsangebote)
  • Du bist nicht schuld! (Die Verantwortung liegt beim Erwachsenen)
     

Um das Selbstbewusstsein zu stärken, ist es allgemein wichtig, die Gefühle meines Kindes ernst zu nehmen und auf diese einzugehen. Im Alltag kommt es allzu oft vor, dass man unbedacht Aussagen macht, mit denen man den Gefühlen des Kindes ihre Legitimität abspricht.

Folgende Sätze können einen negativen Effekt haben und sollten vermieden werden4:

  • Der Pullover kratzt nicht!
  • Das ist doch nicht schlimm!
  • Das ist doch kein Grund zum Ausflippen!
  • Das ist nicht zu heiß!
  • Das magst du doch auch!
  • Das ist doch kein Grund zum Heulen!
  • Stell dich nicht so an!
  • Das schmeckt doch gut!
  • Das tut doch gar nicht weh!
  • Davor hat man keine Angst!
     

Am Wichtigsten ist es, dass ich eine Vertrauensbeziehung zu meinem Kind aufbaue. Erziehe ich mein Kind autoritär oder trete ich mit hoher Ängstlichkeit und Unsicherheit gegenüber meinem Kind auf und erfülle dessen Grundbedürfnisse nicht, gehört dies zu bedeutenden Risikofaktoren, dass mein Kind Opfer von sexuellem Missbrauch wird. Es gilt: Liebe schützt Kinder am besten.

Zusätzlich kann ich mein Kind an einem Präventionsprogramm teilnehmen lassen, um dessen Selbstbewusstsein zu stärken, Grenzsetzung zu erlernen und sich im Falle eines Missbrauchs einer Bezugsperson anzuvertrauen. Hier kann beispielsweise die Initiative Trau dich! der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) weiterhelfen.

Hilfreich ist auch, dem Kind Anlaufstellen aufzuzeigen, wo es sich anonym hinwenden kann, wenn es Hilfe braucht, zum Beispiel die Nummer Gegen Kummer (Tel. 116111).
 

Prävention mit Jugendlichen

Als Elternteil kann ich sexuellem Missbrauch vorbeugen, wenn ich meiner oder meinem Jugendlichen dabei helfe, Medienkompetenz zu erlangen. Ich kann beispielsweise bestimmte Verhaltensregeln vereinbaren, wenn mein Kind das Internet nutzen möchte. Wichtige Hinweise sind, dass persönliche Daten, wie etwa Handynummern und Adressen, nicht weitergegeben werden dürfen. Jugendliche müssen über digitale Formen der sexuellen Nötigung, wie das sog. „Cyber-Grooming“, informiert werden.  

Mein jugendliches Kind kann darüber hinaus an Präventionsangeboten teilnehmen, die helfen, Verhaltensweisen für bestimmte Situationen zu erlernen, um sich selbst schützen zu können, z.B. Am Ende der Angst für 13 bis 17-Jährige. Hier können Methoden zur Selbstbehauptung und Selbstverteidigung erlernt werden.
 

Prävention als Kirche

Auch Kirchen und Gemeinden können ihren Beitrag leisten, Kinder und Jugendliche vor Missbrauch zu schützen. Kirche kann vertrauenswürdige Kinder- und Jugendleiter einsetzen, die dabei helfen, ein gesundes Selbstbewusstsein aufzubauen und gesunde Beziehungen zu entwickeln. Kirche kann ein Ort oder eine Anlaufstelle sein, an dem sich Kinder gut aufgehoben fühlen.

Als Einrichtung sollte ein Schutzkonzept entwickelt werden bzw. Präventionsmaßnahmen ergriffen werden, damit Missbrauch in den eigenen Räumen nicht leicht stattfinden kann. Dafür sollte sich die Frage gestellt werden, welche Möglichkeiten ein Täter oder eine Täterin nutzen könnte und wie beispielsweise ein nicht grenzverletzender Umgang mit Kindern und Jugendlichen aussieht.

Kirche soll zu einem Ort werden, an dem kompetente Ansprechpersonen gefunden werden können – vertrauenswürdige Personen, die zuhören und helfen. Es ist wichtig, dass Kinder und Jugendliche auch Ansprechpersonen außerhalb der Familie haben, damit Missbrauch – wenn er in der Familie passiert – auch aufgedeckt und beendet werden kann.

Ein paar Tipps dazu, wie ein Schutzkonzept in der Kirche entwickelt werden kann5:

  • Der Schutz vor sexueller Gewalt sollte im Leitbild der Kirche verankert werden
  • Mitarbeitende der Kirche sollten offen gegenüber präventiven Ansätzen sein
  • Alle haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden sollten ein Grundwissen zu sexuellem Missbrauch haben bzw. für die Relevanz des Themas sensibilisiert werden
  • Regelungen für Situationen, die für sexuelle Gewalt ausgenutzt werden könnten, sollten gemeinsam – mit allen Mitarbeitenden – formuliert werden und in den Verhaltenskodex aufgenommen werden
  • Kirche kann Präventionsangebote für Eltern anbieten, die helfen, ihre Kinder im alltäglichen Umgang zu schützen oder Informationen weitergeben, z.B. an welche Stellen sie sich bei Verdacht auf sexuellen Missbrauch innerhalb oder außerhalb der Einrichtung wenden können
     

Fazit

Folgendes ist wichtig zu wissen: Erstens ist sexueller Missbrauch leider keine Ausnahme und passiert keinesfalls nur selten. Zweitens: In den meisten Fällen stammen Täter aus dem sozialen Umfeld des Kindes und entsprechen nicht dem Klischee des „bösen Fremden“. Und drittens: Auch wenn keine körperliche Gewalt angewendet wird, heißt das nicht, dass kein Schaden beim Kind entsteht.

Ist ein Kind oder Jugendlicher noch so selbstbewusst oder hat es gelernt, Grenzen zu setzen, kann es sich nicht in jedem Fall vor sexuellem Missbrauch schützen. Mein Kind braucht die Hilfe eines Erwachsenen und ist auf diese angewiesen. Als Elternteil sollte ich mir daher immer meiner Schutzfunktion bewusst sein.

Darüber hinaus ist es wichtig, dass eine vertrauensvolle und offene Gesprächskultur geschaffen wird, damit Missbrauch weder verschwiegen noch akzeptiert wird – sei es zuhause, in der Kita, der Schule oder im Verein.

Bei Verdacht auf sexuellem Missbrauch ist das Hilfe-Telefon unter der Nummer 0800 22 55 530 zu erreichen.

 

1 Heimann 2020, S.28
2 Maywald 2019, S.12
3/4 Schlicher 2020
5 Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. (o. D.). Schutzkonzepte. Initiative Kein Raum für Missbrauch.

Literatur
Heimann, D. (2020): Statistische Betrachtungen: Hell- und Dunkelfeld von Straftaten. In J. Fritzsche (Hrsg.), Gewaltprävention in Erziehung, Schule und Verein (S. 21- 33). Springer. 

Maywald, J. (2019): Gewalt durch pädagogische Fachkräfte verhindern: Die Kita als sicherer Ort für Kinder. Herder. 

Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs beim Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. (o. D.). Schutzkonzepte. Initiative Kein Raum für Missbrauch. Abgerufen am 27. Februar 2022, von https://www.kein-raum-fuer-missbrauch.de/schutzkonzepte

Schlicher, A. (2020): Sexueller Missbrauch – Beratung und Prävention (Basiswissen Beratung). Beltz Juventa.

 

 Micaela Kassen

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