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© Ryan Riggins / unsplash.com

03.09.2021 / Zum Schwerpunktthema / Lesezeit: ~ 6 min

Autor: Andreas Odrich

Von der Sehnsucht nach weniger

Einfach sein: Andreas Odrich hat die Kraft der einfachen Momente schon oft gespürt.


„Viel Kraft!“ Mit diesen Worten zog nach der Flut im Ahrtal eine Frau einen Wagen hinter sich her mit Lebensmitteln und Getränken für die Flutopfer und ihre Helfer und sie legte ihnen die Hand auf die Schulter. Eine einfache kleine Geste, völlig unspektakulär, die in diesen Momenten aber doch Menschen stärken und im wahrsten Sinne des Wortes Schutt- und Schlammberge versetzen konnte.

Ich schätze, dass man sich noch lange an diese Frau erinnern wird, genauso wie an den einen oder andere improvisierten Grillabend mit den Helfern, während manches routiniert luxuriöse Buffet aus „Normalzeiten“ bald in Vergessenheit geraten dürfte. Musste erst die Flut kommen, um uns neu ins Gedächtnis zu rufen, was wirklich wichtig ist, was wirklich zählt im Leben?
 

Ich bin kein Goldrandtyp 

Ich mag nicht für die Menschen in den Flutgebieten entscheiden, wie sie diese Situation zu empfinden haben, das maße ich mir nicht an. Mir kommt aber entgegen, dass ich kein Goldrandtyp bin. Natürlich habe ich nichts dagegen, wenn das Ambiente gepflegt und das Geschirr sauber ist. Aber die Tasse muss nicht zwingend aus Meißner Porzellan sein. Wichtiger sind mir andere Dinge – Ruhe, Geborgenheit, ein schöner Moment, ein guter Kaffee nach einem strapaziösen Tag, der Sonntag auf dem Spielplatz mit den Enkeln, Klönen mit Freunden und Familie, das ausführliche Frühstück mit meiner Frau, Zusammensein mit Menschen, die ich mag.

Im Augenblick ruhen und das im Deutschen so schön wörtlich ausgedrückte „Da-sein“ genießen, als wenn die Zeit stehen geblieben wäre, das sind für mich die wertvollsten Momente.

Geistlich ist das ähnlich. Als „Berufschrist“ bin ich viel herumgekommen, habe unzählige kirchliche Veranstaltungen, Gottesdienste und christliche Festivals erlebt und manches davon mitgestaltet und mitverantwortet. Ich stelle fest: auch hier reicht mir ein schlichter, stiller Andachtsraum mit einem Kreuz, an dessen Eingangstür ein Schild hängt mit der Bitte, einfach mal still zu sein, und allein Gott reden lassen.
 

Angeblich wollen wir es alle einfach 

Ich sehne mich nach dem Einfachen. Angeblich stehe ich mit dieser Sehnsucht nicht allein. Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat diese Suche nach dem Einfachen im vorigen Jahr mitten in der Corona-Krise als Megatrend der 20er Jahre des 21. Jahrhunderts identifiziert, zumindest was die weltliche Seite betrifft. 

Seine These: Durch die Beschränkungen würden wir erkennen, „was wirklich zählt im Leben“. Wir würden weniger Kreuz- und Urlaubsfahrten brauchen, weniger Konzert- und Restaurantbesuche, das Leben würde einfach schlichter werden mit einem neuen Blick fürs Wesentliche. 

Doch der Blick fürs Wesentliche richtete sich in der meinungserforschten Bevölkerung vor der Flut dann doch eher in Richtung Konsum. So fielen die vermeintlichen Verfechter des einfachen Lebens unter anderem in Baumärkte ein und zerrten in bislang ungeahntem Ausmaß Swimmingpools, Hochbeete, monströse Grillstationen sowie jede Menge Renovierungsmaterial nach Hause. 
 

Einfach leben ist nicht so einfach  

Die Folgen treffen auch andere Bereiche. Als Freunde von uns sich zu Weihnachten per Gutschein gegenseitig Fahrräder schenkten („Auch bei uns gibt es noch sooo viele schöne Ecken zu entdecken“), mussten sie feststellen, dass die Räder über den Jahreswechsel um ein paar hundert Euro teurer geworden waren. Wer „einfach leben“ will in unserer Konsumgesellschaft, der hat dazu keine Chance. 

Wenn diese Konsumgesellschaft erst einmal das einfache Leben als Einnahmequelle entdeckt hat, ist das einzig Karge am Ende die Leere im Portemonnaie. Aber so war das mit dem einfachen Leben garantiert nicht gemeint.

 

Jesus lädt dazu ein, alles loszulassen 

So suche ich in der Bibel nach Antworten. Dort fordert Jesus z. B. seine Jünger in Lukas 14,33 auf, alles loszulassen. Das spricht mich an. Aber es wäre zu kurz gegriffen, Jesus auf den Verfechter einer „Simply-Life“-Bewegung zu reduzieren, bei der jeder nur etwas weniger Tassen und Bücher im Schrank hat als die anderen. 

Jesus geht es um eine komplette Umkehr und Neuausrichtung. Luther spricht in seiner Übersetzung der genannten Passage vom Entsagen. Das klingt radikal, und so ist es auch gemeint.

Jesus will einen Perspektivwechsel, eine Fokussierung auf das Wesentliche. Es geht ihm um das alleinige Glauben und Vertrauen in ihn und um eine bedingungslose Nachfolge.

 

Falsche Götter und Götzen würden hier nur stören, aber auch die Fokussierung auf Materielles.

Und so sind es immer wieder die „einfach“ Glaubenden, die Jesus suchen, und Hilfe und Wegweisung von ihm nicht nur erhoffen dürfen, sondern auch bekommen. 
 

Sein einfaches Wort reicht 

„Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund“, sagt der Hauptmann zu Kafarnaum in Matthäus 8,8 zu Jesus. Der Hauptmann, der nicht zur traditionellen religiösen Kerngemeinde gehört, hat ein völlig unverstelltes, einfaches Gottvertrauen. „Sprich nur ein Wort“ – nicht mehr und nicht weniger soll Jesus tun, damit der Mitarbeiter des Hauptmanns gesundet. Aber genau dieses einfache Vertrauen ist mehr als genug, weil der Hauptmann weiß, dass dieses eine Wort eine unbändige Kraft entfalten kann.

Die Antwort Jesu auf dieses Ansinnen geschieht auf zweierlei Weise. Die vermeintlich religiös Wissenden, die der Szenerie nahezu empört beiwohnen („Was nimmt sich dieser Ungläubige heraus!?!“), werden von Jesus brutal in die Schranken gewiesen. Ihnen prophezeit Jesus statt Heilung „Heulen und Zähneklappern“. Den Hauptmann aber schickt er mit einer befreienden Botschaft nach Hause: „Es soll dir geschehen, wie du geglaubt hast.“ Matthäus notiert: „Und in derselben Stunde wurde sein Diener gesund“ (Matthäus 8,13).

Natürlich fordern diese Geschichten nicht dazu auf, künftig auf jeden Arztbesuch zu verzichten. Aber sie befreien mich davon, wieder und wieder zu zweifeln. Einmal und einfach beten reicht. Das entlastet und hält den Kopf frei. Jesus ist da, und das muss, nein, das darf genügen.
 

Einfach vertrauen, ein Lernprozess 

Dieses Vertrauen müssen die Nachfolger Jesu, seine Jünger, auch erst Stück für Stück lernen. Etwa im 6. Kapitel des Johannes-Evangeliums. 5.000 Männer nebst ihren Familien sind Jesus gefolgt. Am Abend brauchen alle diese Menschen etwas zu essen. Noch schnell zum Bäcker? Aber wo soll dieser die Brote hernehmen und vor allem, wer soll das bezahlen? Die Jünger kommen ins Trudeln, geraten in Aktivismus. Doch Jesus sorgt dafür, dass die Menschen sich niederlassen. Fünf Brote und zwei Fische werden reichen.  

Auch hier ist es wieder das eine einfache Wort Jesu, das genügt. Wenn die Jünger unter seiner Regie das Essen verteilen, ist genug für alle da. Sein Wort stillt den Hunger, macht Gier überflüssig und stiftet Gemeinschaft und Zufriedenheit. Alle lagern nunmehr beieinander. Im Angesicht Jesu hat der Verteilungskampf ein Ende. 
 

„Einfach“ kann so einfach sein 

Und so wird das einfache Leben für mich schließlich zu einer Herzenshaltung. Sie ist ausgerichtet auf den Frieden und auf die Geborgenheit, die ich in Jesus Christus finde. Ich will lernen, wie mich durch diese Herzenshaltung das Dasein an sich ausfüllt. 

Das Einfache darf dabei auch einfach bleiben. Ein herzlich gemeintes „Komm rein, es ist zwar nicht aufgeräumt“, ist für mich mehr wert als manch aufwendige Einladung, wo es dann etwas gesetzt und verkrampft zugeht – nicht der äußere Rahmen, sondern die tatsächliche Begegnung mit einem anderen Menschen zählt.

Nach all den Videokonferenzen in anderthalb Corona-Jahren merke ich erst, wie kostbar das eigentlich ist. Und, wie schön, ich kann tatsächlich „einfach so“ durch den Wald wandern, ohne den neuesten „Lifestyle“-Normen zu entsprechen.  

Geistlich muss ich weder mir und schon gar nicht Gott etwas vorturnen. Vor ihm kann und darf ich einfach sein. Bei Gott gibt es keinen Erfüllungs- und Erfolgsdruck. Er empfängt mich mit offenen Armen, schenkt Gnade und Vergebung.

 

Das ist für mich der eigentliche Reichtum – und natürlich die riesige Hilfsbereitschaft, die mit Herz, Hand, Gebet und Portemonnaie in den Tagen der Flut offenbar wurde. 

 

Andreas Odrich leitet im ERF die Redaktion Aktuelles/Gesellschaft. Glaube hat für ihn immer Auswirkungen auf die Umgebung des Einzelnen und beeinflusst dadurch auch das gesellschaftliche Klima. Jeder kann etwas bewegen. 

 

 Andreas Odrich

Andreas Odrich

  |  Leiter Redaktion Aktuell

Er leitet die Redaktion Aktuelles und Gesellschaft. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und ist begeisterter Opa von drei Enkeln. Der Glaube ist für ihn festes Fundament und weiter Horizont zugleich.

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