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© Caju Gomes / Unsplash.com

26.09.2020 / Erfahrungsbericht / Lesezeit: ~ 4 min

Autor/-in: Rebecca Schneebeli

Selbstverständlich dankbar?

Wie Dankbarkeit wachsen kann, obwohl Erwartungen nicht erfüllt werden.

Wenn plötzlich nichts mehr selbstverständlich ist…

Ein Punkt war da mein diesjähriger Urlaub. Für dieses Jahr hatte ich viele Urlaubspläne. Im Januar dachte ich sogar noch, dass für all meine Pläne meine Urlaubstage nie reichen würden. Dann kam der Lockdown und etliche Länder machten die Grenzen dicht. Es schien unklar, ob ich im Sommer überhaupt würde verreisen können. Und ich? Ich war natürlich enttäuscht, aber ich war vor allem dankbar. Zunächst dankbar, dass Maßnahmen zu meinem Schutz ergriffen wurden, dann dankbar, dass Reisen wieder möglich wurde, und schließlich dankbar, dass ich meine Auslandsreise trotzdem kostenfrei stornieren konnte.

Noch nie habe ich mich so sehr über eine erfolgreiche Stornierung gefreut oder darüber, meine Pläne zu ändern. Denn das Wissen, dass ich überhaupt zur Erholung wegfahren konnte, sah ich als großes Geschenk Gottes. Auch dass ich gesund wieder aus diesem Urlaub zurückkam, war für mich nicht selbstverständlich, sondern göttliche Bewahrung.

Plötzlich war alles ein Geschenk: Dass ich aufwachte und gesund war. Dass ich meine Arbeit weiterhin ausüben und im Homeoffice arbeiten durfte. Dass jeden Monat trotz der Kurzarbeit meines Mannes genug Geld auf dem Konto war. Ja, ich schränkte mich ein. Es war und blieb eine stressige Zeit. Es gab Tage, die ich gefühlt nur im Arbeitszimmer unserer Wohnung verbrachte: Morgens bis nachmittags arbeitete ich dort, abends erledigte ich am selben Schreibtisch privaten Papierkram. Bis heute ist dies eine Herausforderung für mich. Aber die Dankbarkeit überwiegt. Die Dankbarkeit, weil nichts mehr selbstverständlich ist.

Plötzlich war alles ein Geschenk: Dass ich aufwachte und gesund war. Dass ich meine Arbeit im Homeoffice ausüben konnte. Dass jeden Monat genug Geld auf dem Konto war.

Die Frage „Warum ich?“ fördert Bitterkeit und Neid

Denn eines habe ich gelernt: Wenn etwas anfängt, für mich selbstverständlich zu werden, endet die Dankbarkeit. Alle Bemühungen, dankbarer zu werden, zielen letztlich ins Leere, sobald ich annehme, mir stände etwas von Rechts wegen zu. Stattdessen reagiere ich dann schnell mit Zorn oder Bitterkeit, sollte es mir irgendwann einmal verwehrt werden.

Auch vor Corona musste ich schon Reisen absagen, aber damals habe ich dies komplett anders wahrgenommen. Es war für mich ein Zeichen dafür, dass etwas in meinem Leben im Gegensatz zu dem Leben anderer schiefläuft.

Wenn etwas selbstverständlich für mich wird, endet die Dankbarkeit. Alle Bemühungen, dankbarer zu werden, zielen letztlich ins Leere, sobald ich annehme, mir stände etwas von Rechts wegen zu.

Eine neue Perspektive einnehmen

Dieses Gefühl der Benachteiligung kann sehr tief gehen. Bei mir entstand es aus verschiedenen Situationen in meinem Leben, in denen ich anderen gegenüber tatsächlich im Nachteil war. Dieses Empfinden der damaligen Ungerechtigkeit hat sich so tief eingebrannt, dass ich es bis heute nicht lassen kann, immer wieder diese toxische Frage zu stellen: „Warum ich?“

Interessanterweise war die Corona-Pandemie jedoch eine der ersten Krisenzeiten in meinem Leben, in der ich mir diese Frage erstaunlich selten stellte. Denn mit einem Mal gab es die anderen, die es besser hatten, nicht mehr. Oder zumindest waren die Abstufungen kleiner geworden. Jeder hatte plötzlich zu kämpfen und es war sichtbar, dass die Pandemie allen viel abverlangte. Man sagt ja immer: Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Auf einmal erkannte ich, dass es wirklich so ist.

Und mir dämmerte: Auch wenn mich größere Probleme bislang verschont hatten, bot mir das noch längst keine Garantie auf Lebenszeit – auf jährlichen Urlaub, finanzielle Sicherheit und Gesundheit. Mehr als je zuvor wurde mir bewusst, wie gut mein Leben vorher gewesen war und wie viel schwere Dinge andere Generationen zu schultern gehabt hatten.

Auch wenn mich größere Probleme bislang verschont hatten, bot mir das keine Garantie auf Lebenszeit – auf jährlichen Urlaub, finanzielle Sicherheit und Gesundheit. Mehr als je zuvor wurde mir bewusst, wie gut mein Leben bislang gewesen war.

 

Auch wenn ich mich schon immer für Geschichte interessiert habe und daher wusste, wie gut ich es im Vergleich zu der Generation meiner Großeltern hatte, wurde mir erst in und durch die Krise bewusst, wie schön und bewahrt mein Leben tatsächlich gewesen ist. Und durch den Blick auf andere Regionen der Welt stellte sie sich erneut ein: Die Dankbarkeit. Mit einem vollen Kühlschrank daheim zu bleiben schien mir ­– verglichen mit der Lage anderer Menschen – ein noch recht kleines Übel zu sein. Natürlich steht auch bei mir die große Frage im Raum: „Wie geht es nach der Krise weiter? Werden wir dann alle ärmer sein? Werde ich ärmer sein?“

Aber ich habe etwas Entscheidendes gelernt: Ich kann auch dann dankbar sein, wenn ich nicht alles habe, was ich früher für selbstverständlich hielt. Auch mit weniger ist ein gutes Leben möglich. Entscheidend für mein Glück ist nicht die Anzahl an Freizeitaktivitäten am Wochenende, nicht der ersehnte Traumurlaub oder Konsum, sondern die Perspektive, dass das Gute, was mir widerfährt, ein Geschenk ist und keine Selbstverständlichkeit.

Mit dieser Perspektive möchte ich in die Zukunft blicken und ich möchte mir diese Perspektive auch für die Zeit erhalten, wenn vieles, was jetzt nicht mehr selbstverständlich für mich ist, wieder ein normaler Teil meines Alltags geworden ist.

Entscheidend für mein Glück ist nicht die Anzahl an Freizeitaktivitäten am Wochenende, nicht der ersehnte Traumurlaub oder Konsum, sondern die Perspektive, dass das Gute, was mir widerfährt, ein Geschenk ist und keine Selbstverständlichkeit.

 

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 Rebecca Schneebeli

Rebecca Schneebeli

  |  Redakteurin

Sie schätzt an ihrem Job, mit verschiedenen Menschen und Themen in Kontakt zu kommen. Sie ist verheiratet und mag Krimis und englische Serien.

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