Wie kann ich Gott trotz des Leids in der Welt vertrauen? Wie ist das eigentlich mit Himmel und Hölle? Und hört mich Gott überhaupt, wenn ich bete?
Fragen und Zweifel können es uns schwer machen, an Gott zu glauben. Als Theologin und Autorin kennt Elena Schulte diese Fragen. Auf viele hat sie selbst keine finalen Antworten gefunden, aber sie ist sich sicher: Wer sich auf die Suche nach Gott macht, von dem lässt er sich finden. Was dabei hilft und wie sie schwierige Glaubensfragen für sich beantwortet, erzählt Elena Schulte im Interview.
ERF: Viele Menschen wünschen sich, Gott kennenzulernen, aber spüren, dass ihre Fragen und Zweifel ihnen im Weg stehen. Sie wollen erst Antworten finden, bevor sie sich auf Gott einlassen. Was würdest du jemandem raten, der so an den Glauben herangeht?

Elena Schulte: Erstmal finde ich das sehr ehrlich und gut – und ich glaube, Gott findet das auch gut. Es ist total gewissenhaft, nicht zu sagen: Ach, da gehe ich jetzt drüber hinweg, sondern dem Raum zu geben, dass da noch Widerstand in mir ist. Das auszuhalten, finde ich wertvoll. Und dann ist die Frage: Was mache ich damit? Lasse ich das zum Ausschlusskriterium werden? Nach dem Motto: Wenn sich das nicht klärt, kann ich nicht glauben, Ende der Geschichte.
Oder gehe ich darüber mit Gott in Kontakt? Gott kann total gut mit unseren Fragen und unseren Zweifeln umgehen. Das heißt nicht, dass er sie immer gleich ausräumt, aber er weiß sowieso darum. Er will uns mitten in den Zweifeln begegnen. Ich denke da an Thomas, den man schnell als Zweifler abtut, der dieselbe Ehrlichkeit hatte und sagte: „Ich kann das nicht glauben, solange ich das nicht gesehen habe.“ Und was macht Jesus? Er zeigt sich ihm, weil er das braucht.
Ich glaube, wenn wir in dieser Ehrlichkeit zu Gott gehen, findet er Wege, uns genau so begegnen, wie wir brauchen.
Wenn ein Mensch Sehnsucht nach Gott hat, dann denke ich immer: Gott hat noch so viel mehr Sehnsucht nach dir.
Er sagt: Wer auf die Suche nach mir geht, von dem will ich mich finden lassen. Damit meint er nicht: Du musst sehr angestrengt suchen und ich werde mich sehr angestrengt vor dir verstecken. Er will sich von uns finden lassen, denn seine Sehnsucht nach uns ist ungleich größer ist als unsere nach ihm.
Hilfen bei der Gottessuche: Gebet und Bibel
ERF: Viele Menschen fragen sich: Wie kann ich überhaupt die Suche nach Gott beginnen? Wie finde ich den Weg zu Gott?
Elena Schulte: Einfach mit Gott reden, ob laut im Wald oder leise im Herzen. Das ist ein sehr direkter Weg. Das fühlt sich am Anfang vielleicht speziell an, weil man es nicht kennt. Aber ich kann einfach vor Gott aussprechen, was für Gedanken, was für Zweifel und Fragen ich habe.
Ein zweiter Weg, den Kontakt zu Gott zu suchen, ist, indem ich in der Bibel lese. Er hat uns sein Wort gegeben, damit wir mehr über ihn erfahren können. Die Bibel ist ein lebendiges Wort, in dem er uns begegnen will. Also beginn einfach, darin zu lesen und das nicht rein sachorientiert. Guck mit den Fragen, die du hast, in Gottes Wort. Begegnet Gott dir hier in Bezug auf die Fragen, die du mitgebracht habe?
ERF: Manchmal wirft Bibellesen ja mehr Fragen auf, als ich vorher schon hatte. Vielleicht stoße ich auf Dinge, die nicht mit wissenschaftlichen Erkenntnissen oder meinem Gottesbild zusammenpassen. Was mache ich dann?
Elena Schulte: Geh nicht darüber hinweg, aber bleib da auch nicht stehen. Denn wenn jemand in der Bibel liest, steckt da etwas dahinter – eine Sehnsucht, eine Suche. Wenn ich in meiner Suche an diesen Punkt komme, ist die eigentliche Frage: Bin ich jetzt zufrieden oder ist diese Sehnsucht immer noch da?
Wenn die Sehnsucht noch da ist, sollte ich mich nicht damit zufriedengeben, dass ich noch nicht gefunden habe, was ich gesucht habe, sondern dranbleiben und die Dynamik nutzen, die da drinsteckt.
Ich kann natürlich sagen: Ich kann das alles nicht glauben. Aber bin ich damit zufrieden, dass das der Punkt ist, an den ich gekommen bin und an dem ich stehen bleibe und vielleicht auch aussteige? Denn dann ist ja die Konsequenz, dass ich immer unzufrieden bleibe. Für mich wäre das keine coole Alternative, ich würde eher sagen: Bleib da dran, bis deine Seele bei Gott Heimat findet.
Hört Gott mich wirklich, wenn ich bete?
ERF: Wir sprachen bereits über das Gebet. Eine Frage, die sich viele Menschen und teils sogar langjährige Christen immer wieder stellen, ist: Hört Gott mein Gebet?
Elena Schulte: Wir haben meist den Wunsch, dass Dinge funktionieren. Also, ich bete, Gott hört und am besten antwortet er so, wie ich es mir vorgestellt habe. Wenn wir von dieser Kausalität „Gebet, Erhörung, Wunscherfüllung“ ausgehen, ist das tatsächlich schwierig. Denn Gebet ist kein Automat, wo ich oben die Münze reinwerfe und unten rauskommt, was für ein Feld ich angetippt habe.
Ich selbst kenne diese Gedanken total. Mich hat mal eine Freundin gebeten, für eine konkrete Situation an dem Nachmittag zu beten, die schwierig war. Ich habe ihr gesagt: „Ja, das mache ich“ und ich habe so einen halben Satz gebetet. Dann war ich abgelenkt und habe es vergessen. Sie schrieb mir abends: „Danke für dein Gebet. Es ist sofort erhört worden. Es war richtig gut heute Nachmittag.“ Ich dachte nur: Wenn du wüsstest. Ich habe überhaupt nicht gebetet.
In einer anderen Situation war eine Frau in unserer Gemeinde schwer krank und wir haben uns ganz oft getroffen, um für sie zu beten, und sie ist einfach verstorben. Ich kriege diese Spannung nicht aufgelöst. Ich kann Gebet nicht erklären. Es funktioniert einfach nicht. Aber das ist vielleicht gar nicht das, worum es geht. Ich habe mal gelesen, dass Gebet die Einladung in ein Geheimnis ist, nämlich in das Geheimnis, Gott zu begegnen.
Es geht beim Beten gar nicht so sehr darum, ein Ergebnis zu erzielen, sondern in eine Beziehung einzutreten.
Wenn ich Gebet so verstehe, kriegt das eine andere Dimension als nur: Ich habe gebetet, er hat das nicht gemacht, also funktioniert Gebet nicht. Dass Gott mich hört und ernst nimmt, mir aber auch einfach begegnen will und die Gemeinschaft mit mir liebt und schätzt, das ist zum einen etwas, worauf ich vertrauen muss, weil es nicht greifbar ist. Zum anderen ist es etwas, was ich erleben werde, wenn ich bete. Aber dafür muss sich jeder selbst in dieses Geheimnis einladen lassen.
ERF: Erwarten wir manchmal zu viel vom Gebet? Eine direkte Antwort, ein unmittelbares Eingreifen, eine intensive Gotteserfahrung?
Elena Schulte: Ich würde niemals diese Erwartung aufgeben, denn es wäre schade zu sagen: Naja, ich bete mal, aber erwarten tue ich sowieso nichts. Aber vielleicht sollte ich das nicht zur Bedingung machen, dass es nur dann gut war, wenn es mir jedes Mal durch Herz und Seele gegangen ist.
In dem Buch „Gott wohnt in deinem Alltag“ macht die Autorin einen schönen Vergleich, und zwar mit Essen. Sie sagt: Nicht jedes Essen ist ein Festmahl. Manchmal schaffe ich es nur, mir zwischen Tür und Angel eine Scheibe Brot reinzuschieben, aber die ist nicht weniger wichtig, weil sie mich nährt. Ich werde merken, wenn ich über einen zu langen Zeitraum nichts esse, egal, ob das nur schnell ein Müsli oder eine Scheibe Brot war.
Aber ab und zu gibt es Mahlzeiten, bei denen man stundenlang in der Küche steht und mit Freunden ein Drei-Gänge-Menü zu sich nimmt, das einem noch nach Jahren in Erinnerung ist. Doch von dem her, wie es einen nährt, ist weder das eine noch das andere wichtiger, weil alles dazu beiträgt, dass ich weiterlebe.
Das hat die Autorin mit dem Gebet verglichen. Nicht jede Begegnung mit Gott ist so, dass ich in fünf Jahren noch davon erzähle. Aber auch das kurze Stoßgebet oder das kurze Denken an Gott oder das Gebet, das ich nicht zu Ende gesprochen habe, erhält mich am Leben, weil die Beziehung zu Gott mich am Leben erhält.
Wie erkenne ich Gottes Reden?
ERF: Wenn wir zu Gott beten, wünschen wir uns auch, dass er uns antwortet. Es gibt Menschen, die schnell sagen: Gott hat zu mir gesprochen. Andere grübeln lange: War das wirklich Gott oder meine eigene Stimme? Wie erkenne ich Gottes Reden?
Elena Schulte: Ich glaube, ich kann alles zu einem Wunder oder zum Reden Gottes machen und ich kann alles Reden Gottes zu Zufall oder Einbildung machen. Ich war mal spazieren und hatte Sehnsucht nach Gott und hab gedacht: Gott, wenn du da bist, lass mich ein Tier sehen. Dann flog ein Vogel vorbei und ich habe gedacht: Ein Vogel ist im Wald ungefähr das einfachste Tier, was es geben kann. Geht noch ein anderes? Dann lief ein Eichhörnchen an mir vorbei. Da dachte ich: Ach Gott, das war richtig gut.
Im nächsten Moment habe ich gedacht, dass das Eichhörnchen wahrscheinlich auch vorbeigelaufen wäre, wenn ich nicht vorher gebetet hätte. Macht es das besser oder schlechter, wenn ich sage, dass das Eichhörnchen Zufall war? Dann habe ich mich vielleicht eines Wunders beraubt.
Jesus sagt an einer Stelle: „Mein Vater ist ständig am Werk.“ Aber sehe ich, wo Gott am Werk ist? Und wenn ich über etwas stolpere, einen Bibelvers, einen Gedanken, einen Satz, den mir jemand sagt, warum sollte das nicht Gott sein? Gott ist überall, er ist einfach präsent und er findet seine Wege. Vielleicht läuft 25-mal ein Eichhörnchen an uns vorbei und beim 26. Mal kriegen wir ein warmes Gefühl im Herz. Vielleicht war es 26-mal Gott, vielleicht war es auch nur einmal Gott.
Ich glaube, ein Gradmesser ist immer: Passt es zu Gott, was ich da höre oder erlebe? Passt es zu dem, was er insgesamt in seinem Wort über sich sagt? Passt es zu seinem Charakter?
Wenn das so ist, glaube ich, dass wir nicht immer zu 100 Prozent auflösen müssen, ob ein Restzweifel bleibt, dass es doch Zufall war.
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Wieso lässt Gott Leid zu?
ERF: Vielen Menschen fällt es angesichts des Leids in der Welt schwer, an Gott zu glauben. Sie fragen sich: Wie kann ich einem Gott vertrauen, der so viel Leid zulässt?
Elena Schulte: Gott hat nie gesagt, dass es kein Leid geben wird. Hätte er gesagt „Wenn du Christ wirst, dann ist alles super“ und dann ist nicht alles super, hätte er definitiv gelogen. Wir hätten so gerne, dass Gott das gesagt hat, hat er aber nicht.
Steht es in seiner Macht, Leid zu beenden? Ja. Aber da denke ich auch: Wo soll er denn anfangen? Wenn ich so in die Welt schaue, na klar, da soll Gott auf jeden Fall die Bösen bestrafen. Jetzt habe ich aber über meine Freundin gelästert. Da soll Gott natürlich nix machen, das wäre ja blöd für mich.
Wo fängt das an, dass Gott eingreifen soll? Soll er auch bei mir eingreifen, wenn ich dafür sorge, dass Unrecht in dieser Welt passiert? Oder soll er nur bei den ganz Bösen eingreifen, die die schlimmen Sünden begehen?
Ich glaube, wir haben diesen Gedanken manchmal nicht zu Ende gedacht. Wenn Gott alles Leid in der Welt ausräumen würde, wären wir nur noch Marionetten. Oder wir wären schon im Himmel.
Die andere Frage ist: Wie halte ich Leid aus, ohne an einen Gott zu glauben? Würde es mir besser gehen, wenn mein Ehepartner stirbt und ich Gott gleich mit sterben lasse, weil ich nicht an ihn glauben kann, wenn das passiert? Ich kann jetzt nur aus meiner Sicht sprechen, aber dann habe ich gar nichts mehr. Dann habe ich auch keinen mehr, an den ich mich mit meinem Leid wenden kann.
Ich muss aber auch nicht mit einem netten Lächeln zu Gott gehen und sagen: „Danke, dass das passiert ist. Du wirst schon wissen, wofür. Ist alles in Ordnung. Ich trage das gerne.“ Ich kann hingehen und heulen und ihm vor das Schienbein treten und sagen, dass ich da überhaupt nicht drauf klarkomme. Er kann diese Ehrlichkeit aushalten, aber ich habe eine Adresse dafür und Gott kann mir darin begegnen. Meistens sind es die Menschen, die das größte Leid erlebt haben, die noch viel mehr an Gott festhalten.
ERF: Wie kann ich lernen, Gott in solchen Situationen weiterhin zu vertrauen?
Elena Schulte: Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, Leid vollumfänglich zu fühlen. Also nicht zu denken, weil ich Christ bin, ist der Schmerz nicht so schmerzhaft oder die Trauer nicht so traurig oder die Hoffnungslosigkeit nicht so hoffnungslos. In dem Moment darf ich einfach hinspüren und erkennen: „Das tut richtig weh, das hat an meinem Vertrauen gerüttelt. Das raubt mir gerade die Luft zum Atmen und die Lust am Leben.“
Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir hoffen, dass alles Leid durch den Glauben ein bisschen abgefedert wird. Vielleicht stimmt das auch. Gleichzeitig ist es aber schon Teil der Heilung, alle Gefühle zu fühlen. Und darin zu spüren:
Gott ist auch in meiner Trauer. Gott ist in meinen Fragen, in meiner Verzweiflung und in meiner Hoffnungslosigkeit. Und ja, er ist die Hoffnung und deswegen ist meine Hoffnungslosigkeit nicht bodenlos.
Nur weil ich Christ bin und weiß, dass zum Beispiel mein verstorbener Partner im Himmel ist, ist das doch nicht weniger traurig. Das wäre irgendwie komisch. Ich darf dem ehrlich begegnen, wie doll das wehtut. Aber vielleicht mit der Vorstellung: Gott ist da. In seiner Gegenwart und vor seinem Angesicht fühle ich diesen Schmerz, fühle ich diese Verzweiflung und die Fragen. In alledem hält er mich, aber nicht ohne den Schmerz.
Himmel und Hölle – was kann ich mir darunter vorstellen?
ERF: Wir sind schon nebenbei auf das Thema Himmel gekommen. Da stellt sich automatisch die Frage: Warum kommt nicht jeder Mensch in den Himmel. Warum bestraft ein guter Gott Menschen mit der Hölle? Wieso gibt es die überhaupt?
Elena Schulte: Gott ist nur gut, weil es eine Hölle gibt. Gott könnte gar nicht gut sein, wenn es keine Hölle gäbe. Denn dann gäbe es zu ihm keine Alternative. Und wir könnten uns nur für ihn entscheiden. Aber wenn es nur eine Seite gibt, für was soll ich mich dann entscheiden? Dann ist die Entscheidung längst gefallen.
Es ist damit eine Perspektivfrage: Ist der Himmel die Belohnung und die Hölle die Strafe oder ist beides eine Konsequenz? Wenn ich hier eine Entscheidung treffe, treffe ich diese Entscheidung für ewig. Wenn ich hier entscheide „Ich will mit Gott leben“, trägt diese Entscheidung mich in die Ewigkeit mit Gott. Und wenn ich hier sage „Ich habe überhaupt keinen Bock, mit diesem Gott zu gehen“, dann nimmt Gott mich ernst.
Das ist ein liebender Gott, der mir die Entscheidung überlässt und mich in meiner Entscheidung ernst nimmt. Er könnte auch sagen: „Du kannst sagen, was du willst, aber am Ende des Tages entscheide ich das für dich.“ Aber dann ist er ein Herrscher, der mir keine Entscheidungsfreiheit lässt und mich nicht ernst nimmt in dem, was ich will.
Letztlich ist ein Leben mit Gott oder Getrenntsein von Gott nur die Konsequenz von dem, was ich entscheide und was Gott mir in seiner Güte zugesteht, entscheiden zu dürfen.
ERF: Wie kann ich mir den Himmel denn vorstellen?
Elena Schulte: Ich bin noch nicht da gewesen, aber in der Bibel steht: „Was kein Auge je gesehen und was kein Ohr je gehört hat, das hält Gott für die bereit, die ihn lieben.“ Und Jesus sagt: „Ich gehe euch voraus, um euch eine Wohnung zu bereiten.“ Ich weiß noch, wie meine Jüngste davon gehört hat und fragte: „Sind dann ganz viele Barbies in meiner Wohnung?“
Gott weiß doch, was wir lieben. Er bereitet etwas vor, was einfach schön ist, weil er da ist. Es steht auch in der Offenbarung: „In dieser neuen Welt braucht es kein Licht mehr, weil Gott selbst das Licht ist.“ Ich glaube, es wird unfassbar sein. Und vielleicht viel näher dran an dem, was wir schon kennen, nur in paradiesisch. Ich bin gespannt darauf.
ERF: Vielen Dank für das Interview.
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