„Schatz, wie sehr vertraust du dieser Steckdose?“
Skeptisch beäuge ich die halb aus der Wand ragende Konstruktion, deren Kabel seitlich herausschauen. Ich stehe in unserer Ferienwohnung im Ausland und versuche, den Wasserkocher in Gang zu bringen.
Ich wünsche mir sehnlichst eine Tasse Kaffee – wenn auch nur die Instantvariante, die wir hier als beste Option ausgemacht haben. Mein Mann öffnet einen Küchenschrank und sagt: „Warte mal, vielleicht finden wir noch…“ Weiter kommt er nicht. Die Schranktür fällt ihm entgegen.
Ich seufze.
Im Wohlstand leben kann ich – aber im Mangel?
So habe ich mir unseren Urlaub nicht vorgestellt. Wochenlang hatten wir uns darauf gefreut, monatelang dafür gespart und geplant. Jetzt ärgere ich mich über eine Unterkunft, deren Mängelliste länger ist, als ich in der Bewertung auflisten kann. Der Abfluss im Bad riecht unangenehm, der Boden ist schief, sodass wir bergab liegen, und die Unterhaltung der Nachbarn dringt wortgetreu durch die Zimmerdecke an mein Ohr.
Ein Wohnungswechsel wäre zu teuer und aufwendig, und wir sprechen nicht die Landessprache. Den Stress wollen wir uns nicht antun.
Während ich vor mich hin grummele, kommt mir ein Bibelvers des Apostels Paulus in den Sinn. Er schreibt in einem Brief: „Ich habe gelernt, in jeder Lage zurechtzukommen und nicht von äußeren Umständen abhängig zu sein: Ich kann Not leiden, ich kann im Wohlstand leben; mit jeder Lage bin ich vertraut.“ (Philipper 4,11–12)
Im Wohlstand leben kann ich ziemlich gut. Da gebe ich Paulus recht. Aber Paulus redet hier auch von Not beziehungsweise Mangel – so heißt es in einer anderen Übersetzung. Denn er schreibt diese Zeilen, während er im Hausarrest sitzt, aber für seinen Lebensunterhalt selbst aufkommen muss. Daher ist er auf Unterstützung von Freunden angewiesen.
Doch überraschenderweise beeinflussen die prekären Umstände seine Laune nicht. Ich frage mich: Warum fällt mir das eigentlich so schwer?
Gewohnheit ist kein Anspruch
Das war nicht immer so. Als Studentin habe ich in verschiedenen WG-Zimmern mit wechselnden Mitbewohnerinnen gewohnt und lebte statistisch gesehen unter der Armutsgrenze. Während eines Auslandsjahrs schlief ich teilweise in 16-Bett-Zimmern und trank morgens ein Glas gechlortes Leitungswasser zum Frühstück. Damals hat mich das kaum gestört.
Heute sieht das anders aus. Ich habe mich an vieles gewöhnt – im Sinne von „viel“: an guten Kaffee aus dem Vollautomaten, ein bequemes Bett mit meinem Lieblingskissen und eine Wohnung, die allen erdenklichen Komfort und Schnickschnack bietet – wie zum Beispiel einen extra Wasserhahn in der Küche mit eingebautem Wasserfilter (herzlichen Dank an die Vorbesitzer).
Das ist alles nicht grundsätzlich verkehrt.
Aber ich merke, wie schnell aus dieser Gewohnheit ein Anspruch wird. Und wie es mir die Laune verdirbt, wenn dieser Anspruch nicht erfüllt wird.
Paulus hingegen kommt mit viel und wenig zurecht, ohne dass er seine Freude verliert.
Doch er gibt auch zu: Genügsamkeit ist keine angeborene Eigenschaft. Er musste sie lernen. Den Schlüssel dafür gibt er uns direkt mit: „Allem bin ich gewachsen durch den, der mich stark macht.“ (Vers 13)“
Die Kraft, mit allen Umständen umzugehen, zieht Paulus nicht aus sich selbst heraus, sondern aus der Beziehung zu Gott.
Genügsamkeit ist eine Entscheidung
Auch ich hätte behauptet, dass ich ein genügsamer Mensch bin. Im Urlaub stellte ich allerdings fest:
Genügsamkeit lernt man kaum im Wohlstand, sondern erst, wenn man tatsächlich mit Mangel konfrontiert wird.
Natürlich ist es etwas gewagt, in einer Urlaubssituation von Mangel zu sprechen. Viele Menschen können sich überhaupt keinen Urlaub leisten und sind froh, wenn sie genug zu essen haben.
Von daher möchte ich diese Situation auch nicht größer machen, als sie war. Dennoch ist mir in diesem Moment aufgefallen, wie sehr ich an meinem komfortablen Leben hänge und wie unflexibel ich geworden bin.
Also habe ich gebetet: „Gott, ich möchte mir von einer schrottreifen Ferienwohnung nicht meine Freude nehmen lassen. Lenke meinen Blick auf alles, was gut ist.“ Die bewusste Entscheidung, mich nicht länger zu ärgern, hat mir sehr geholfen.
Am Ende habe ich die Tage in den Bergen sehr genossen. Wir nahmen die endlosen Mängel mit einem gewissen Galgenhumor und witzelten herum, wo die Ausstattung wohl herkam (Sperrmüll oder Haushaltsauflösung?). Außerdem wurden wir erfinderisch, wenn es ans Wasserkochen oder die Nachtruhe ging. Kleiner Tipp: Bergauf schläft es sich besser als bergab.
Unsere Kinder fanden es übrigens die beste Ferienwohnung, die wir hatten: „Das Sofa hat so eine schöne grüne Kuscheldecke.“ Und ich hatte auf einmal eine viel größere Wertschätzung für alles, was daheim selbstverständlich ist.
Wie geht es dir damit? Kommst du mit Mangel zurecht? Und an welchen Stellen lohnt es sich, deinen Blick neu auf all das Gute zu lenken, das dich umgibt?
Deine Meinung zählt!
Was hat dich inspiriert, berührt oder zum Nachdenken gebracht?