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© Lee Jiyong / unsplash.com

21.07.2021 / Kommentar / Lesezeit: ~ 3 min

Autor: Vera Nölke

Kirche, setz die Segel!

Gemeinden können sich im Wandel der Zeit verändern.


Im Jahre 2020 wird Realität, was sich vermutlich nie jemand hätte ausdenken können: Ein Pfarrer predigt einer leeren Kirche. Die Predigt wird gefilmt und den Besucherinnen und Besuchern, die aufgrund von Hygiene-Konzepten nicht kommen können, online zur Verfügung gestellt. Und da passiert das Überraschende: Kirchengemeinden erleben, dass außerhalb der Kirchenmauern viele Menschen an der Ermutigung, die der christliche Glaube bietet, interessiert sind und es ihnen auch weiterhilft. Angebote im Internet haben ganz unterschiedliche Menschen in ihrem Alltag erreicht. Wie gehen Kirche und Gemeinden mit dieser Veränderung um?

Das, was bisher vertraut war und gut gepasst hat, ist längst nicht mehr für viele passend. Das heißt: Was Kirchen und Gemeinden über die Jahre hinweg anbieten, steht nicht mehr konkurrenzlos im Raum. Die Angebote der Kirchen stehen eher am Rand der Gesellschaft oder gehen an den Bedürfnissen von vielen vorbei. Der Kirchenbesuch hat heute nicht mehr den Stellenwert wie früher.
 

Der Wind hat sich gedreht

Seit mehreren Jahren ist sich die evangelische Kirche dessen bewusst, dass sie zu den Menschen gehen muss. Kirche will und muss sich herauswagen aus ihrer Komfortzone, aus den Kirchenmauern heraustreten und zu den Menschen gehen. Bei ihnen sein.
 

Ja, aber!

Das Altbekannte funktioniert: Gemeinden laden ein zu Angeboten und die Menschen kommen. Sie feiern Gottesdienste und Andachten und erleben Gemeinschaft. Das ist ein Schatz, der sollte nicht aufhören. Gerade nach der Einsamkeit und den erlebten Einschränkungen durch Corona kann und sollte Gemeinde einen Raum bieten, „wieder“ in Kontakt zu kommen.

Christliche Gemeinschaften haben dabei „Schätze“: Ob es das Reden und Zuhören in den Kreisen und der Seelsorge ist, Kontakte knüpfen durch die Mitarbeit und dass Menschen nach und nach den Alltag teilen mit Höhen und Tiefen, auch Streit und schwierige Themen gemeinsam aushalten – das ist ein Schatz, den Kirche sich bewahren sollte.
 

Vielfalt in der digitalen Welt und vor Ort

Die Angebote von Pastorinnen und Pastoren, von Gemeinden und Kirchenverbänden werden vielfältig. Durch Corona ist das digitale Angebot sprunghaft gewachsen. So finden sich Predigten, Gottesdienste und Morgen- oder Abendgebete auf YouTube, Story-Gottesdienste auf Instagram, Gebet auf Twitter, Live gestreamte Gottesdienste auf Facebook und über Videoplattformen wie Zoom.

Auch vor Ort sind neue und kreative Angebote entstanden: eine PopUp-Church in Hamburg, ein Bauwagen im Wohngebiet, eine Wohnzimmerkirche freitagabends - das alles ist Gemeinde. Nicht nur die, die sich Sonntag morgens versammeln.
 

Beständig ist der Wandel

Hinausgehen ist nicht das Einzige, was Kirche braucht. Um ein über Jahrhunderte gewachsenes und prägendes Muster zu verändern, braucht es auch das Umdenken von Grund auf.

Das bekannteste Modell stammt noch aus dem Mittelalter und war – überspitzt gesagt: „Gelehrter Pfarrer predigt und (be)lehrt von der Kanzel herunter seine Schäfchen“. Das war über einen langen Zeitraum auch gut und wichtig. Doch jetzt ist Zeit für was Neues. Und ein Neuanfang braucht den Mut, zu hinterfragen. Was vom bewährten Modell möchte ich erhalten in der Gemeinde und wo braucht das Modell Anpassung? Konkret auf die Angebote bezogen: welche Angebote der Kirche treffen die Bedürfnisse der Menschen heute? Im Hier und Jetzt?

Die Belehrung ist nicht mehr der erste Zugang zu den Menschen. Predigten, in denen Bibelstellen ausgelegt und erklärt werden sind dennoch wichtig. Doch vielleicht gibt es neue Wege und Formen, die Bibel gemeinsam zu entdecken? Eine Dialogpredigt im Gespräch mit der Gemeinde bietet z.B. die Chance, Fragen und Zweifel der Zuhörerinnen und Zuhörer aufzunehmen.

Predigen geht nicht nur von der Kanzel herab, sondern auch durch gemeinsame Aktionen, ein Lachen, ein offenes Ohr. Vielleicht braucht es an manchen Stellen nicht nur einen neuen Anstrich, sondern einen Neubau.
 

Alles beginnt mit Fragen

Praktisch gesprochen: Wer neu baut, muss hier und da etwas einreißen - wer hinterfragt und verändert, der bekommt auch Gegenwind. Ein Umdenken würde jahrhundertelange Tradition der Kirche zerstören. Und dazu gehören auch viele liebgewonnene und kraft schenkende Traditionen.

In diesem Gegenwind stecken wichtige Bedenken für den Neustart, denn er warnt davor, Kraft schenkendes nicht über Bord zu werfen. Ein möglicher und gewinnbringender Umgang mit diesen Bedenken wäre, sie anzuhören und aus diesen heraus zu erarbeiten: Welche Richtlinien wollen wir für Gemeinde in Zukunft?
 

Nicht der Wind, sondern die Segel

Die Reise an Bord eines Segelschiffes lehrt einen: „Nicht der Wind, sondern die Segel bestimmen die Richtung.“ Und die Segel setzen die Mannschaft an Bord. Also: wie möchten Sie in Zukunft die Segel für die Gemeinde setzen, in der Sie Mitglied sind?

 Vera Nölke

Vera Nölke

  |  Redaktions-Volontärin

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Kommentare

Markus H. /

Ich halte nichts von Internetchristentum. Glaubensweitergabe funktioniert nur von Mensch zu Mensch und nicht anonym im Internet oder auf Papier. Sämtliche Kirchen (ich selbst bin katholisch) und Glaubensgemeinachaften müssen endlich lernen, auf die Menschen zuzugehen, von Haustür zu Haustür . Von selbst kommt niemand.

Kerstin K. /

Vorerst sollte man viele Online- Angebote beibehalten,denn weiterhin sitzen eine Menge Leute sicherheitshalber in ihrem privaten Lockdown.Es sollte in Abständen gecheckt werden,ob noch eine angemessene Anzahl von Menschen dem Angebot folgt.
Gemeindebezogen sollte unbedingt genauer hingegeben werden und die Menschen identifiziert werden,die keinen Zugang zum Digitalen haben,und sie sollten angerufen und/oder unter Coronaregeln aufgesucht werden.Praktische Hilfsangebote für diesen Personenkreis mehr

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