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© Juri Gianfrancesco / unsplash.com

07.05.2023 / Theologischer Artikel / Lesezeit: ~ 10 min

Autor/-in: Steffen Brack

Gesehen! Wahrgenommen! Beachtet! (2)

Wege aus der Einsamkeit.

 

 

Immer mehr Menschen fühlen sich einsam. Doch jeder einsame Mensch liegt Gott am Herzen. Wie sehr, darüber habe ich in Teil 1 dieses Artikels schon einiges geschrieben. Und hier folgt nun die Fortsetzung.
 

Gemeinsam gegen die Einsamkeit

Noch ein Beispiel aus der Bibel. Paulus war ein jüdischer Gelehrter. Und ehe er selbst eine dramatische Begegnung mit dem auferstandenen Jesus hatte, war er einer der erbittertsten Feinde der ersten Christen. Der ersten Jesus-Leute.

Paulus war unverheiratet. Er war also alleinstehend, oder Single wie wir heute sagen (1. Korinther 7,8). Aber auch Paulus hat nicht gezögert, gute Freunde zu bitten, dass sie zu ihm kommen und ihm in seiner Einsamkeit beistehen. „[Lieber Timotheus!] Nun bitte ich dich: Komm doch so schnell wie möglich zu mir!“ (2. Timotheus 4,9; vgl. auch 1. Korinther 16,11).

Und auch wenn Paulus sehr viel daran liegt, dass er Menschen um sich hat, die ihm beistehen, macht er doch auch die Erfahrung, dass das nicht immer möglich ist. Und dann erfährt er, dass Gott ihn nicht verlässt.

Paulus schreibt dazu an seinen Schüler und Freund Timotheus: „Bei meiner ersten Gerichtsverhandlung stand mir niemand bei. Alle ließen mich im Stich. Gott möge ihnen verzeihen. Gott aber hat mir geholfen. Er hat mir Kraft gegeben, so dass ich selbst an diesem Ort die rettende Botschaft von Jesus verkünden konnte und Menschen aus aller Welt sie hörten. Er hat mich vor dem sicheren Tod bewahrt. Auch in Zukunft wird mich Gott vor allen bösen Angriffen schützen, bis er mich in sein himmlisches Reich aufnimmt. Ihm gebühren Lob und Ehre in alle Ewigkeit. Amen.“ (2. Timotheus 4,16-18).

Wenn alle Stricke reißen und uns keine Menschen mehr zur Seite stehen, dann ist das mitunter genau der Zeitpunkt, an dem wir erfahren, dass Gott dennoch da ist. Und er uns beisteht.

 

Gott sieht mich!

Im Leben geht es ja manchmal drunter und drüber. Die Phasen, in denen alles ruhig und beschaulich dahinläuft, scheinen eher die Ausnahme zu sein. Ein Kind hat Sorgen, weil es große Probleme in der Schule hat. Eine Mutter sieht kaum noch ein Vorwärtskommen. Die beiden Kinder, der Haushalt, die Halbtagsstelle, ihre Ehe und die Gemeindeaufgaben. Das kann sie kaum unter einen Hut bringen. Eine altgewordene Witwe versinkt in ihrer Trauer und Einsamkeit. Ein Familienvater verzweifelt an dem immer größer werdenden Leistungsdruck in seinem Beruf.

Doch wir sind in all den Veränderungen und dem Wirbel unseres Lebens nicht allein. „Gott sieht mich!“ (1 Mose 16,13). Das erfuhr eine Sklavin. Vor viertausend Jahren. Hagar. Sie war schwanger, weil Sara und Abraham die Geduld verloren hatten. Auf Gottes Verheißung, auf ihr Kind, wollten sie nicht länger warten.

Als Saras Sklavin sollte Hagar für den ersehnten Nachkommen sorgen. Als Hagar dann schwanger war, wurde sie stolz und verachtete Sara. Was diese natürlich zurückgab. So floh Hagar in ihrer Not und ihrem Elend in die Wüste. Aber dort sprach Gott zu ihr: „... der Herr hat gehört, wie du gelitten hast.“ (1 Mose 16,11). Und so erkannte sie: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ (1 Mose 16,13).

Für manche klingt das bedrohlich: „ein Gott, der mich sieht“. Denn sie verbinden damit die Vorstellung: Gott beobachtet mich ständig. Und wehe, ich tue etwas, was ihm nicht gefällt. Doch Hagar erlebt das hier ja ganz anders. Der Gott, der sie sieht – dieser Gott sieht sie in Ihrer Not. Und er ist da, um ihr zu helfen.

Ein Pfarrer soll einmal einen schönen Kirschbaum in seinem Garten gehabt haben. Die Zweige hingen über die Mauer. Dort bedienten sich die Kinder des Dorfes. Das ärgerte den Pfarrer. Deshalb stellte er ein Schild auf. Darauf stand: „Gott sieht alles!“ Am nächsten Tag konnte man darunter lesen: „Ja, aber er verrät uns nicht!“

Mir ist es nicht immer möglich, auf Gott zu „sehen“. Aber er sieht mich. Und das finde ich viel wichtiger. Er sieht mich in meinem täglichen, ganz alltäglichen Tun und Denken. Er sieht mein Fühlen und Wollen, mein Gelingen und Versagen. Er kennt meine Sorgen, meine Nöte und meine Ängste.

Er sieht mich immer und nie verliert er mich aus seinem gütigen und barmherzigen Blick. „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Das tut mir gut. Das hilft mir. Gott sieht mich. Immer. Er sieht mich und steht mir bei. Jeden Tag.

Ohne andere Menschen um uns her werden wir auf Dauer einsam. Und das „ist nicht gut“ hat Gott ja gesagt. Es gibt aber auch eine Einsamkeit, die wir ab und an ganz bewusst aufsuchen sollten. Nämlich um ab und zu ganz allein zu sein: mit uns selbst. Und ganz allein mit Gott. Jesus hat das immer wieder getan.

In dem Bericht über Jesus, den sein Begleiter Markus geschrieben hat, heißt es dazu: „Am nächsten Morgen stand Jesus vor Tagesanbruch auf und zog sich an eine einsam gelegene Stelle zurück. Dort betete er allein.“ (Markus 1,35).
 

Gott zum Anfassen

1. Mose 32,23-33

Ganz allein sein mit Gott. Das kann uns Menschen helfen, Gott auch noch einmal ganz anders kennenzulernen als bisher. Und es kann dazu führen, dass wir dabei an uns selbst Seiten kennenlernen, von denen wir bislang noch gar nicht wussten, dass sie existieren.

Bis heute fasziniert mich eine solche Begegnung zwischen einem Menschen und Gott, die nachts in der Einsamkeit stattfindet. Vor fast 4.000 Jahren. Es ist die Begegnung zwischen Jakob und Gott. Und was ist das für eine Erfahrung, die der Mann hier macht. Oder sage ich besser, machen musste?

Seit Jahren ist Jakob auf der Flucht. Zuerst vor dem Zorn seines Bruders Esau. Ihn hatte er um den Segen ihres Vaters betrogen. Jahre später flieht er wieder. Diesmal vor Laban, seinem Schwiegervater. Bis Gott schließlich eingreift und zu Laban im Traum spricht: „Hüte dich davor, Jakob zu bedrohen!" (Kapitel 31,24).

Nun ist er fast wieder zu Hause. Esau, sein Bruder, kommt ihm entgegen. Mit 400 Männern. Und Jakob hat Angst. Er sucht nach Möglichkeiten, seinen Bruder zu besänftigen.

Jetzt ist es Nacht. Gerade hat Jakob seine Familie über den Fluss gebracht. Den Jabbok. Allein bleibt er zurück. Da geschieht es. „Plötzlich stellte sich ihm ein Mann entgegen und kämpfte mit ihm bis zum Morgengrauen.“ (Kapitel 31,25).

Ich war auf einer Skifreizeit in der Schweiz – im Jahr nach dem Mauerfall in Berlin. Einige Christen aus der ehemaligen DDR waren mit dabei. Zum ersten Mal konnten sie in der Schweiz Ski fahren. Wir hatten eine herrliche Zeit. Auf dieser Freizeit schauten wir auch einen neu gedrehten Film über das Leben von Abraham, Isaak und Jakob.

Und schon damals war diese Szene für mich absolut faszinierend. Ich saß noch nachts allein im Gemeinschaftsraum und schaute mir diesen Kampf zwischen Gott und Jakob an. Immer wieder. Den Gott wollte ich auch kennenlernen. Immer besser.

Den Gott, der alles vorbereitet hatte, um Jakob jetzt hier alleine zu begegnen. Und ihn in einen Ringkampf zu verwickeln. Es ist die Nacht vor der gefürchteten Begegnung mit Esau. Jakob hat Angst.

Immer wieder hat er sich in seinem Leben mit Täuschungen, Tricks und Lügen durchgeschlagen. Sogar mit Betrug. Das hat ihm auch viel Ärger eingebracht - und Not. Aber Gott stand ihm dennoch zur Seite. Er begleitete Jakob - und segnete ihn.

Doch in dieser Nacht tritt Gott ihm plötzlich entgegen. Und ringt mit Jakob. Der weiß anfangs gar nicht, wer ihn da plötzlich packt. Es ist dunkel. Und für Jakob ist das zunächst erst einmal ein Mann. Der plötzlich mit ihm im Clinch ist. Mehr weiß er noch gar nicht.

Jakob hat ja auch gar keine Zeit zu überlegen. Er ist nun gefordert, alle seine Kräfte aufzubieten, um von dem Unbekannten nicht besiegt zu werden. Er weiß ja nicht, worum es geht. Und er muss mit dem schlimmsten rechnen.

Was geschieht hier eigentlich? Warum ringt Gott selbst mit Jakob? Wieso geht er mit ihm in den Clinch? Das Wort „ringen“ ist in der hebräischen Sprache mit dem Wort „Staub“ verwandt. Gott macht sich staubig. Merkwürdig. Jakob hat Angst. Und Gott verwickelt ihn in einen handfesten Ringkampf? Das habe ich noch in keiner Seelsorgefortbildung so gehört.

So stelle ich mir Gott gewöhnlich auch nicht vor. Können Sie sich z. B. Jesus in einer Rangelei mit Petrus vorstellen? Immerhin. Beide waren Handwerker. Die wussten wohl auch ihre Körperkraft einzusetzen.

Was mich fast noch mehr verwundert. Es heißt hier, Gott war Jakob nicht überlegen. Ich verstehe das so. Als meine beiden älteren Kinder noch kleiner waren, schoben wir immer mal wieder den Wohnzimmerzimmertisch zur Seite. So konnten wir auf dem großen Teppich ein bisschen ringen. Meinem Sohn machte das viel Spaß. Meiner Tochter auch. Sie sagte dann oft. „Gell Papa. Du kämpfst jetzt nicht voll. Sondern so, dass ich gewinnen kann?“ Daran erinnert mich der Ringkampf zwischen Gott und Jakob.

Gott fordert Jakob zwar alles ab, aber so, dass der am Ende als „Gewinner“ dastehen kann. Gottes eigentliche Überlegenheit zeigt sich auch. Als Jakob in dieser Nacht nicht aufgibt und Gott standhält, berührt er Jakob an der Hüfte. Das genügt schon, um sie zu verrenken.

Vielleicht beginnt Jakob jetzt zu ahnen, mit wem er es zu tun hat. Sein „Gegner“ nutzt den Vorteil nicht aus. Jakob, der sonst immer geflohen war, wenn es zu Auseinandersetzungen kam, kann jetzt nicht mehr weglaufen. Aber er lässt auch nicht los. Er hält Gott fest. „Lass mich los“, sagt Gott, „der Morgen dämmert schon!" Aber Jakob erwidert: „Ich lasse dich nicht eher los, bis du mich gesegnet hast!“ (Vers 27).

Jakob –sein ganzes Leben lang hat er immer gekämpft, um nicht zu kurz zu kommen. Sein Name „Jakob“ heißt Fersenhalter. Bei der Geburt hielt er seinen Zwillingsbruder an der Ferse fest. Schon da wollte er nicht zurückstehen. Und immer wieder versucht er, seinem älteren Bruder gegenüber nicht zu kurz zu kommen. Bis er ihn schließlich um den Segen des Erstgeborenen betrügt.

Ich kann Jakob gut verstehen. Auch ich habe einen älteren Bruder. Es ist nicht immer leicht der „Kleine“ zu sein. Und ältere Brüder können ihre Überlegenheit auch weidlich ausnutzen.

Aber nun wird Jakob klar, was er wirklich braucht. Gottes Segen. Gottes Zuspruch. Er muss nicht mit allen Tricks kämpfen, damit er nicht zu kurz kommt. Er muss sich auch nicht den Segen des Erstgeborenen stehlen. Was er braucht, bekommt er hier. Vom lebendigen Gott. Der ihn in dieser Nacht gestellt hat. Um ihm das klar zu machen. An Gottes Zuwendung und Begleitung allein liegt es, ob Jakobs Leben gelingt. Mehr braucht er nicht. Aber auch nicht weniger. Und Gott segnet ihn. (Vers 32).

Die Hände, die ihn zuvor fest gepackt haben, berühren Jakob jetzt, um ihn zu segnen. Wie gut. Der starke Vater aus dem Himmel segnet ihn. Das tut mir auch gut. Den Gott brauche ich auch. Der Mathematiker Blaise Pascal hat es einmal so geschrieben: „Nicht der Philosophen Gott, sondern der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.“

Noch etwas berührt mich hier sehr. „Die Sonne ging gerade auf, als Jakob weiterzog. Er hinkte, weil seine Hüfte ausgerenkt war.“ (Vers 33). Von Gott gesegnet heißt nicht unbedingt, ohne Blessuren davon zu kommen. Jakob hinkt. Bei jedem Schritt weiß er: „Gott ist stärker als ich. Und doch hat er mir heute Nacht einen „Sieg“ geschenkt. Er will mein Bestes. Was ich brauche, ist sein Segen. Und den hat Gott mir gegeben.“ Auch hinkend, verletzt, gehandicapt können wir von Gott Gesegnete sein.

Mich erinnert das an einen schönen Satz aus dem Film Seabiscuit. Darin geht es um die Geschichte eines berühmten Rennpferdes und dreier Männer. Es ist die Zeit der großen Wirtschaftskrise in den USA. In einer Szene soll ein Rennpferd erschossen werden, weil sein Bein gebrochen ist. Da bietet ein Pferdetrainer dem Besitzer an, sich um das Pferd zu kümmern. Als er später gefragt wird, warum er ein Rennpferd mit gebrochenem Bein versorgt, sagt er: „Man wirft doch nicht ein Leben weg, nur weil es ein bisschen beschädigt ist."

Die Zeiten, die wir ganz alleine mit Gott haben, können uns verändern. Sie können dazu führen, dass wir Gott ein ganzes Stück besser kennenlernen. Und dass wir uns selbst besser kennenlernen. Dass ich mehr begreife, wer ich selbst bin. Wo es mir leichter fällt, Gott zu vertrauen. Und wo es mir eher schwerfällt.
 

Entdeckungen in der Einsamkeit

Vor Jahren hat der Vorstand der Freien Evangelischen Gemeinden in Deutschland, Peter Strauch, ein neues Buch geschrieben. Mit dem Titel: „Entdeckungen in der Einsamkeit“. In einer Lebenskrise hat er sich zurückgezogen. Und war dann eine ganze Zeit lang irgendwo an der Küste. Ganz allein. Nur er war da. Und Gott.

Diese Zeit hat ihm geholfen. So konnte er seine Krise durchstehen. Und er war wieder fähig zurückzukehren. Zurück in sein Leben. Und in seinen Beruf. Aber die Zeit an der Küste hat ihn verändert. Seine Beziehungen wurden vertieft. Seine Beziehung zu Gott, zu sich selbst und zu anderen Menschen. Über seine Erfahrungen damals schreibt er in seinem Buch.

 

 Steffen Brack

Steffen Brack

  |  Coach Evangelisation & Follow-Up

Theologe und Redakteur, verheiratet, drei Kinder. Begeistert von Gottes unerschütterlicher Liebe.

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