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© Priscilla Du Preez / unsplash.com

21.09.2023 / Serviceartikel / Lesezeit: ~ 10 min

Autor/-in: Hanna Willhelm

Die Zehn Gebote für Anfänger und Fortgeschrittene

Was unsere Redakteurin aus Luthers Erklärungen zu den Zehn Geboten gelernt hat.

Als Hanna Willhelm die Sendung Die Zehn Gebote – Gottes Grenzen für meine Freiheit vorbereitet, setzt sie sich auch ausführlicher mit dem Großen Katechismus von Martin Luther auseinander. Darin geht der Reformator die Zehn Gebote einzeln durch und erklärt, was sie bedeuten. Die Sprache ist dabei – typisch Luther – manchmal deftig und herb und von den geistlichen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen seiner Zeit geprägt. Nicht alles lässt sich daraus für unsere heutige Zeit übertragen. 

Trotzdem sprechen die fast 500 Jahre alten Erklärungen zu den Zehn Geboten die Redakteurin an. Hier schreibt sie über einige Impulse, die sie aus dem Großen Katechismus für sich mitgenommen hat.

Martin Luther – ein Profi für die Zehn Gebote … 

Ich gebe zu, dass ich anfangs keine allzu hohen Erwartungen an eine Beschäftigung mit Martin Luthers Katechismus gehabt habe. Die Zehn Gebote sind mir vertraut und ich habe mich sowohl beruflich als auch privat schon mit ihnen auseinandergesetzt. Kann ich da noch etwas Neues lernen? 

Umso mehr hat mich Luthers eigener Umgang mit den Zehn Geboten überrascht, ja beschämt. Als Theologieprofessor und Pfarrer hätte er ihren Inhalt ohne Weiteres ein wenig von oben herab behandeln können, nach dem Motto: Ich erkläre dem einfachen Volk die Grundlagen des christlichen Glaubens, während ich mich längst in höheren Sphären der Theologie bewege.

… und ein Schüler, der nie auslernt! 

Luther nimmt aber eine ganz andere Haltung ein. Er schreibt: „Ich muss ein Kind und Schüler des Katechismus bleiben und bleibs auch gerne.“ Aus diesem Grund gehörte es zu Luthers Morgenritual, neben anderen biblischen Texten auch immer wieder die Zehn Gebote zu lesen.

Seine Begründung dafür ist so schlicht wie einleuchtend: Gott selbst ist vom Anfang bis zum Ende der Menschheitsgeschichte damit beschäftigt, uns Menschen beizubringen, dass wir die Zehn Gebote halten sollen. Und wenn das Gott ein solches Anliegen ist, dann sollte ich als Mensch nicht so tun, als hätte ich die Zehn Gebote damit abgehakt, dass ich sie hin und wieder lese oder sie einmal auswendig gelernt habe.

Luthers demütige Einstellung zu den Zehn Geboten hat deswegen etwas Heilsames und Korrigierendes für mich. Die Anfrage seines Katechismus an mich lautet hier: Bin ich bereit, ebenfalls ein Leben lang eine Schülerin der Zehn Gebote zu bleiben? Erwarte ich, dass Gott immer wieder neu durch sie in mein Leben hineinspricht, mich korrigiert und ermutigt?

Das erste Gebot: Keine anderen Götter 

Die meisten der Zehn Gebote regeln das Zusammenleben zwischen uns Menschen. In den ersten drei Geboten spricht Gott aber zuallererst die Beziehung des einzelnen zu ihm an. Das finde ich bemerkenswert.

In der Antike lebten die Menschen sehr viel weniger individualistisch geprägt als wir heute. Der Clan übte gemeinsam die Religion aus und oft ging es dabei um die Erfüllung von Riten und Ritualen. So lange alle Mitglieder der Sippe mitmachten, war es – so vermute ich – für den Kultus nicht ganz so wichtig, ob der einzelne auch mit dem Herzen dabei war.

Es geht um Gott und mich 

Gott fordert die Menschen in den Zehn Gebote jedoch durchweg zum persönlichen Handeln auf. Er spricht das Du an: „Du sollst...“. Und gleich zu Beginn geht es um das Du und Gott. Gott möchte den ersten Platz im Leben eines Menschen haben.

Martin Luther deutet das Verbot, andere Götter zu haben, dabei positiv: Ich darf und soll mich mit meinem Leben dem einen, lebendigen Gott ganz und gar anvertrauen und von ihm Gutes erwarten. Alle anderen Götter würden mich sowieso enttäuschen. 

Diese positive Deutung hat mich ebenfalls herausgefordert. Ich habe das Götterverbot lange als eine Art Ausschlusskriterium verstanden: Nichts soll mir so wichtig werden wie Gott. Kein Geld, keine Beziehung, kein Status, keine Likes. Nun kann ich das vom Verstand her einhalten, ohne dass mein Herz dabei Gott gehört. Wenn Gott mich in diesem Gebot aber vor allem zu Vertrauen und Hingabe auffordert, dann ist das Gebot erst dann wirklich erfüllt, wenn ich meine Beziehung zu Gott aktiv hege und pflege, wenn mein ganzes Sein ihm gehört.

Weiß ich, was gut für mich ist? 

Für Luther heißt das praktisch, dass ich mit all meinen Problemen und Sorgen zuallererst zu Gott gehe und von ihm Hilfe erwarte. Ich soll davon ausgehen, dass mir Gott als mein Vater Gutes gibt und an meinem Leben regen Anteil nimmt. Er schreibt: „Was du zuvor bei den Heiligen gesucht oder auf den Mammon [= Geld, Besitz; Anm. d. Autorin] und sonst vertraut hast, des versiehe dich alles zu mir und halte mich für den, der dir helfen und mit allem Guten reichlich überschütten will.“ 

Gott hat einen exklusiven Anspruch auf mein Leben. Diese Erkenntnis kann schmerzhaft sein. Vor allem da, wo ich gerne meinen eigenen Kopf durchsetzen würde oder meinen Wert in etwas anderem als in der Beziehung zu ihm suche. Denn bewusst oder unbewusst gehen wir Menschen gerne davon aus, dass wir selbst wissen, was gut für uns ist. 

Wo ich mich stattdessen jedoch auf den Anspruch des ersten Gebotes einlasse, schenkt Gott mir in der Beziehung zu ihm eine Geborgenheit, eine Kraft, einen Halt und eine Hoffnung, wie sie bei anderen „Göttern“ nicht zu finden sind. So gesehen ist die Aufforderung, keine anderen Götter zu haben, keine Einschränkung, sondern ein Geschenk.

Das vierte Gebot: Eltern (und Politiker) ehren

Luthers Auslegung zum vierten Gebot bringt Reibungspotenzial mit sich. Luther sieht in dem Gebot, die Eltern zu ehren, einen größeren Auftrag, als sie „nur“ zu lieben. Der Reformator weist darauf hin, dass Ehre etwas ist, das nach biblischem Verständnis sonst vor allem Gott gebührt. Wenn Gott also möchte, dass wir unsere Eltern ehren, dann bringt er damit zum Ausdruck, wie viel ihm daran gelegen ist, dass wir sie nicht abschätzig behandeln. Bei allen Konflikten, die wir mit unseren Eltern (und Schwiegereltern) haben, geht es darum, sich eine respektvolle Haltung ihnen gegenüber zu bewahren. 

Positiv gesehen bedeutet das zwar auch, dass ich meine Eltern nicht unbedingt zu lieben brauche, um dieses Gebot zu erfüllen. Es geht nicht um gute Gefühle oder Sympathie. Trotzdem kann es einiges kosten, den eigenen Eltern aufrichtig Respekt entgegenzubringen, wenn unterschiedliche Sichtweisen oder Ansprüche zwischen den Generationen aufeinanderprallen.

Kann ich in meinen Eltern etwas Wertvolles sehen? 

Im Original hört sich das bei Luther so an: „So lerne nun zum ersten, was die Ehre gegen die Eltern heiße, in diesem Gebot gefordert, nämlich dass man sie vor allen Dingen herrlich und wert halte als den höchsten Schatz auf Erden. Darnach auch mit Worten sich züchtig gegen sie stelle, nicht übel anfahre, poche noch poltere; sondern lasse sie recht haben und schweige, ob sie gleich zu viel tun.“ 

Als ob das nicht genug der Herausforderung wäre, weitet Luther dieses Gebot auf Menschen und Ämter aus, die Verantwortung tragen und Autorität haben. Für ihn geht es im vierten Gebot auch darum, die Obrigkeit eines Landes zu ehren, um ein altes, aber treffendes Wort zu bemühen.

Respekt, ohne immer nachzugeben 

Damit steht dieses Gebot in einem nicht kleinen Konflikt mit der menschlichen Skepsis und dem menschlichen Selbsterhaltungstrieb gegenüber allem, was irgendwie über uns zu bestimmen hat - sei es in der Familie, in der Firma, der Politik, der Justiz oder in der Kirche.

Luther hat persönlich die Spannung erlebt, die entstehen kann, wenn man das vierte Gebot einhalten will. Als er beschloss, gegen den Willen seines Vaters Theologie zu studieren, hat sich die Vater–Sohn–Beziehung für lange Zeit merklich abgekühlt. Luther hat sich dennoch weiter um eine gute Beziehung zu ihm bemüht. Auf dem Reichstag zu Worms hatte Luther mehr Gelegenheit als ihm lieb war, die Obrigkeit zu ehren, ohne seine eigenen Werte zu verraten.

Wenn man sich seine späteren Schriften gegen den katholischen Klerus durchliest, bekommt man allerdings auch den Eindruck, dass Luther seinem eigenen Rat untreu geworden ist, was den respektvollen Ton angeht.

Der Reformator weiß also aus eigener Erfahrung um das große Konfliktpotenzial, das in diesem Gebot steckt. Deswegen betont Luther auch, dass es beim vierten Gebot nicht um den sprichwörtlichen Kadavergehorsam geht. Eltern und Obrigkeiten haben den Auftrag zum Wohl der Menschen zu handeln, die ihnen anvertraut sind. Wo sie das nicht tun, werden sie ihr Handeln vor Gott rechtfertigen müssen.

Das achte Gebot: Kein falsches Zeugnis reden 

Oberflächlich betrachtet, lässt sich kaum ein Gebot leichter befolgen als das achte. Die wenigsten Menschen kommen in ihrem Leben in eine Situation, in der sie in der Gefahr stehen, vor Gericht falsch auszusagen oder einen Meineid zu leisten. Martin Luther zieht in seiner Auslegung aber auch hier die Grenzen für die Bedeutung des Gebotes weiter. Das tut er ganz in Übereinstimmung mit dem, was Jesus in der Bergpredigt zu den Zehn Geboten sagt.

Für Luther geht es beim achten Gebot nicht nur um falsche Zeugenaussagen vor Gericht, sondern auch darum, den Ruf eines anderen Menschen nicht fahrlässig oder willentlich zu beschmutzen. Wer über andere herzieht, um sie zu beschämen oder bloßzustellen, bricht für Luther genauso das achte Gebot, wie jemand, der vor Gericht eine Falschaussage trifft.

Schützt das siebte Gebot das Eigentum des einzelnen („Du sollt nicht stehlen“), geht es im achten Gebot um den Schutz des guten Rufs. Der ist eine Art körperloses Eigentum, ein Schatz, ohne den wir nicht leben können. Denn wer von allen verachtet oder schief angesehen wird, weil sein guter Name zu Unrecht ruiniert ist, büßt für lange Zeit einen Großteil seiner Lebensqualität ein.

Keine Schadenfreude, kein Ablästern, kein Tratsch 

Der Reformator weiß aus persönlicher Erfahrung, wovon er spricht. Rufmordkampagnen, die Verbreitung von hässlichen Gerüchten oder Shitstorms sind keine Erfindung der Neuzeit. Luther und seine Ehefrau Katharina haben das bereits vor 500 Jahren zu spüren bekommen.

Deswegen spricht Luther in seiner Auslegung deutlich den Umgang mit unserem Mundwerk an. Traurig stellt er fest: „Denn es ist eine (…) schädliche Plage, dass jedermann lieber Böses denn Gutes von dem Nächsten sagen hört; und wiewohl wir selbst so böse sind, dass wir nicht leiden können, dass uns jemand ein böses Stück nachsage, sondern jeglicher gern wollte, dass alle Welt Goldenes von ihm redete, doch können wir nicht hören, dass man das Beste von andern sage.“ 

Autsch, das sitzt! Es ist so viel leichter, etwas Schlechtes über eine unsympathische Person zu sagen, als die guten Seiten an ihr zu suchen und darüber zu sprechen. Das erste bereitet mir Genugtuung, das zweite kostet mich Überwindung. Auch hier hält mir der Reformator in seiner Auslegung der Zehn Gebote einen Spiegel vor, in dem ich nicht nur schöne Charaktereigenschaften von mir erblicke.

Gerüchte vor Gericht? 

Noch ein anderer Aspekt aus Luthers Ausführungen zum achten Gebot will ich kurz erwähnen. Er scheint mir eine wichtige Korrekturhilfe für unsere Zeit zu sein, in der sich Gerüchte oder Vermutungen rasend schnell medial verbreiten und verselbstständigen. 

Der Wittenberger Theologe schreibt, dass wir andere nicht öffentlich für ihr Fehlverhalten verurteilen sollen, es sei denn, uns ist die Verantwortung dazu angetragen worden. Weiter fordert Luther seine Leser dazu auf, dass sie das rechtswidrige oder falsche Verhalten eines Menschen ausschließlich dann in der Öffentlichkeit anklagen sollen, wenn sie belastbare Beweise haben und bereit sind, mit der Angelegenheit vor Gericht zu gehen. Ansonsten ist Luther zufolge der private Rahmen der richtige Ort, um ein Fehlverhalten anzusprechen. 

In meinen Augen sind das zwei praktische Messlatten, die ich an meine Posts und Kommentare auf Social Media anlegen kann: Ist es erstens überhaupt meine Angelegenheit, meinen Senf zu etwas dazuzugeben? Und bin ich mir zweitens sicher, dass das, was ich sage, der Wahrheit entspricht und in der Sache nützlich ist? Wenn ich nur eine dieser Fragen mit Nein beantworten kann, dann ist es besser, die Klappe zu halten.

Die Zehn Gebote als Anleitung für ein ganzheitliches Leben 

„Nimm sie nur vor und versuche dich wohl, lege alle Kraft und Macht daran; so wirst du wohl so viel zu schaffen gewinnen, dass du keine anderen Werke oder Heiligkeit suchen noch achten wirst.“ So schreibt es Martin Luther in den Schlussworten seiner Erklärungen zu den Zehn Geboten.

Der Reformator ist überzeugt davon, dass Christen sich nicht durch große Werke, besondere Gebäude und Events oder einen besonders religiösen Lebensstil hervortun sollen. Stattdessen sollen sie einfach im Alltag nach diesen Geboten leben. Wer das versucht, habe erstens genug zu tun und lebe zweitens so, wie Gott es möchte.

Auch das ist eine heilsame Anfrage an unsere Zeit, in der auch in christlichen Kreisen manchmal viel Wert auf Äußerlichkeiten oder messbaren Erfolg gelegt wird. Mir hilft diese Sicht, in den unzähligen Möglichkeiten unseres westlichen Lebensstils beim Wesentlichen zu bleiben und das Wesentliche zu tun: Gott und meine Mitmenschen zu lieben. In dieser Reihenfolge.

Bei der Umsetzung darf ich übrigens fest mit Gottes Gnade und seiner Kraft rechnen. Denn ohne Gottes Hilfe – auch davon ist Luther überzeugt – gelingt ein solches Leben nicht.

 Hanna Willhelm

Hanna Willhelm

  |  Redakteurin

Hanna Willhelm ist Redakteurin, Autorin und begeisterte Theologin. Ihre Faszination für die Weisheit und Bedeutung biblischer Texte möchte sie gerne anderen zugänglich machen.  In der Sendereihe "Das Gespräch" spricht sie am liebsten mit Gästen über theologische und gesellschaftlich relevante Themen. Sie liebt Bücher und lebt mit ihrer Familie in Mittelhessen.

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