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© Drew Coffman / unsplash.com

14.02.2022 / Theologie / Lesezeit: ~ 8 min

Autor/-in: Hanna Willhelm

Das Geheimnis einer Ehe

Was hat Gott sich gedacht, als er die Ehe erfunden hat?

Eine theologische Annäherung an ein zutiefst menschliches und zugleich geistliches Thema.

„What is love?“ sang Haddaway Anfang der 1990er und brachte damit eine ganze Generation Discogänger und Radiohörer zum Philosophieren. Die Frage bleibt aktuell, auch ohne Eurodancebeats. „Was ist Liebe?“. Und einen Schritt weitergeführt, „Was ist das Geheimnis einer stabilen Partnerschaft?“

Wie würden Sie diese Fragen beantworten? Mir fallen dazu Eigenschaften wie Treue, Vergebung oder Annahme ein. Aber auch Stichworte wie Erotik, Faszination, gemeinsames Lachen und gemeinsame Aufgaben gehören dazu.

Gegensätzlichkeit, ein Neuanfang und Verbindlichkeit

Die Bibel fasst das Geheimnis einer Beziehung zwischen Mann und Frau schon auf ihren ersten Seiten so zusammen: „Das erklärt, warum ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlässt und sich an seine Frau bindet und die beiden zu einer Einheit werden“ (1. Mose 2,24). Das ist die Grundmelodie für das, was Juden- und Christentum unter einer Ehe verstehen.

Das Zusammenspiel der Geschlechter und ein Neuanfang abseits der Ursprungsfamilien gehören zu dieser Melodie. Verbindlichkeit und Einheit sind weitere grundlegende Akkorde. Was mit Verbindlichkeit gemeint ist, ist schnell erklärt: Hier geht es um den rechtlichen Rahmen, das Standesamt.

In der Lebens- und Glaubenswelt des Alten Orients und der Antike war klar, dass ein Trauschein dazu gehört, wenn ein Mann und eine Frau zusammenleben wollen. Klar war außerdem, dass eine solche Beziehung auf Dauer ausgelegt war – „bis das der Tod Euch scheide.“

Eins mit Leib und Seele

Das zweite, was angesprochen wird, ist die Einheit. Da geht es natürlich um Sex, um das körperliche Eins-Sein. Aber eben nicht nur. Die Bibelausgabe „Hoffnung für alle“ deutet mit ihrer Übertragung des Verses an, dass mehr damit gemeint ist. Dort heißt es: „Darum verlässt ein Mann seine Eltern und verbindet sich so eng mit seiner Frau, dass die beiden eins sind mit Leib und Seele.“ (1. Mose 2,24).

Ich glaube, in diesem „Eins-Sein von Leib und Seele“ kommen wir dem Geheimnis einer Ehe näher. Der rechtliche Rahmen bildet das äußere Gefüge. Er soll beiden Partnern und möglichen Kindern als sichere Grundlage für das gemeinsame Leben dienen. Aber dieser Rahmen sagt nichts darüber aus, wie es in der Beziehung selbst aussieht. Hier sind die beiden Partner gefragt.

Nur durch ihren gemeinsamen Einsatz entsteht die dauerhafte und unzertrennbare Einheit, nach der wir uns als Menschen in einer Partnerschaft letztlich sehnen. Das macht Spaß und ist erfüllend, wenn es gerade gut läuft. Es ist aber auch ein gutes Stück Arbeit an sich selbst und der Beziehung, wenn der Alltag und zwei unterschiedlich gestrickte Persönlichkeiten aufeinandertreffen.

Ein Ankerort in einer turbulenten Welt

Verbindlichkeit und Arbeit – das ist eine eher nüchterne Sicht auf Partnerschaft und Ehe. Andererseits ahnen wir, dass nur so das wachsen kann, was wir uns unter Liebe vorstellen. Es geht um ein Zuhause, um ein Angenommensein für mich als Person mit meinen Stärken und Schwächen. Um es mit Haddaways Worten auszudrücken: „I want no other, no other lover. This is our life, our time. When we are together, I need you forever.“ („Ich möchte keine andere, keine andere Geliebte. Das ist unser Leben, unsere Zeit. Wenn wir zusammen sind, dann brauche ich Dich für immer.“)

Die Ehe soll jedem Menschen in dieser komplexen und unsicheren Welt ein Stück Heimat schenken. Nebenbei bemerkt: Auch Familie, tiefe Freundschaften und die Kirche als Gemeinschaft von Christen sind solche Ankerorte für die Seele. Sie sollen jedem einzelnen vermitteln: Du bist aufgehoben, jemand sorgt sich um Dich. Du bist wichtig für uns und wir begleiten Dich. Wir lieben Dich und prägen Dich, so wie Du uns liebst und uns prägst. In einer Ehe findet das alles noch einmal verdichtet wie unter einem Brennglas und jeden Tag bis zum Lebensende neu statt.

Die Ehe als geistliches Sinnbild

Ich finde es faszinierend, dass sich diese so modern anmutende Vorstellung einer Partnerschaft schon so früh in der Bibel findet, dass es früher gar nicht mehr geht. Allen Unkenrufen zum Trotz geht es in den alten biblischen Texten bei der Ehe eben nicht nur darum, dass die eigenen Kinder die Altersversorgung sicherstellen oder der patriarchale Clan sein Erbe vergrößert.

Im Gegenteil: Die Ehe ist von Anfang an ein tiefes, biblisches Bild für die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch, für seine Liebe und Treue zu uns Menschen. Auch die Nähe, die der Schöpfer bei aller Unterschiedlichkeit zu seinem Geschöpf sucht, liegt in diesem Symbol verborgen. Letzteres spiegelt sich in der Gegensätzlichkeit von Mann und Frau, die trotzdem zu einer Einheit werden.

Gott gibt dem Menschen das Sinnbild der Ehe als ein geistliches Leitbild mit auf seine Lebensreise. Der Mensch soll verstehen, wie Gott ist und wie er sich Beziehung vorstellt – die zwischen Gott und Mensch und die zwischen Mensch und Mensch.

Für was stehen Braut und Bräutigam?

Wie kommt die Theologie nun darauf, dass die Ehe ein solches Sinnbild für tiefere geistliche Wahrheiten ist? Eine Antwort darauf erschließt sich durch die alte Umschreibung der Ehe als Bund fürs Leben. Gott schließt im Alten Testament zunächst einen relativ exklusiven Bund mit dem Volk Israel. Jesus stiftet im Neuen Testament durch sein Sterben und Auferstehen dann einen neuen Bund für alle Menschen.

Aber egal ob Altes oder Neues Testament: Im Bund legt sich Gott den Menschen gegenüber quasi vertraglich fest, zeigt sich als verlässlicher, absolut treuer Bündnispartner. Die Ehe ist das fehlerhafte und doch gut nachvollziehbare Miniaturabbild dieser unverbrüchlichen Treue.

Zum anderen ist es die Bildsprache der Bibel selbst, die diesen Vergleich nahelegt. Gott vergleicht sich in den biblischen Texten des Alten Testamentes immer wieder mit einem Bräutigam. Das Volk Israel ist die Braut. Sie wird von Gott von ganzem Herzen geliebt, ist ihm aber immer wieder untreu und geht mit anderen Göttern sozusagen fremd. Gott wiederum ringt um ihr Vertrauen, möchte einen Neuanfang für die Beziehung.

Die alttestamentlichen Propheten greifen dieses sehr intime und ausdruckstarke Bild der Gemeinschaft zwischen Gott und seinem Volk wiederholt auf. Das geht sogar so weit, dass die symbolische Bildsprache für den Propheten Hosea um das Jahr 750 v. Chr. in einem handfesten Auftrag gipfelt: Er soll eine Prostituierte heiraten und mit ihr Kinder bekommen, wohl wissend, dass sie ihm untreu werden wird.

Im Neuen Testament nimmt Jesus die gleiche Symbolik auf. Er erzählt verschiedene Gleichnisse, in denen es darum geht, dass er der Bräutigam ist und die Gläubigen, bzw. die christliche Gemeinde die Braut. Das Bild des Hochzeitsfestes zwischen beiden wird dabei zur ultimativen Hoffnung und Vorfreude auf die Ewigkeit. Dort endlich leben Gott und Mensch in einer so engen und unkaputtbaren Beziehung zusammen, wie es für Mann und Frau in der Ehe sein sollte. 

Die für viele von uns süßlich-kitschige anmutende „Jesus-Minne“ der mittelalterlichen christlichen Mystiker und auch mancher heutige Lobpreissong haben hier ihren Ursprung. Nüchterne Menschen haben mit dieser gefühlsgeladenen Symbolik manchmal ihre liebe Mühe. Bei ihnen läuft der Glaube eher über den Verstand, die emotionale Ebene spielt nur eine untergeordnete Rolle.

Das Bild der Ehe ist eine Einladung an jeden Christen, sich Gott auch von dieser Seite her zu nähern und sich darauf einzulassen.

Zwischen Theologie und Praxis

Vielleicht denken Sie jetzt: „Das sind ja alles schöne und interessante Gedanken über die Ehe, aber die Wirklichkeit sieht anders aus.“ Gescheiterte Ehen stehen neben solchen, die es auf dem Papier noch gibt, bei der sich die Partner aber längst auseinandergelebt haben. Es gibt Missbrauch in der Ehe, Intrigen und Machtspielchen.

Ganz abgesehen davon entscheiden sich viele Menschen heute für ein anderes Lebenskonzept im Blick auf Partnerschaft und Beziehung. Verliert das biblische Bild der Ehe da nicht an Aussagekraft? Müssten Christen heute nicht nach anderen, der Zeit gemäßen Bildern suchen?

Ich glaube, es ist gut, wenn Christen jeder Generation versuchen, sich Gott mit der Hilfe von aktuellen Bildern zu nähern. Gleichzeitig bin ich aber auch davon überzeugt, dass wir die alten Symbole nicht einfach über Bord werfen können. Das liegt zum einen daran, dass Gott selbst diese Bildsprache gewählt hat. Zum anderen glaube ich, dass er mit dem Bild der Ehe eine Saite in uns Menschen zum Klingen bringt, die universal und zeitlos verständlich ist.

Unabhängig davon, wie eine Kultur den Begriff der Ehe versteht und füllt, steckt dahinter die zutiefst menschliche Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach Verlässlichkeit und Angenommensein.

Damit weist die Ehe letztlich über die rein menschliche Beziehungsebene hinaus. Sie soll eine Ahnung davon wecken, dass der Mensch mehr braucht als eine erfüllte Liebesbeziehung mit einem Partner. Er braucht eine Liebesbeziehung zu Gott. Vor diesem Hintergrund wird übrigens auch der Lebensentwurf eines Singles aus christlicher Sicht unendlich wertgeschätzt und aufgewertet.

Denn Jesus macht klar: In der Ewigkeit wird es keine Ehen mehr geben. Was aber bleibt, ist die enge Beziehung zwischen Gott und dem einzelnen Menschen, sowie den Menschen untereinander.

Leben zwischen Ideal und Scheitern

Deswegen bleibt das Symbol der Ehe trotz allem menschlichen Scheitern ausdrucksvoll und gültig. Die Bibel ist nicht blind für menschliches Versagen. Sie schildert von der ersten Seite an sehr nüchtern und ehrlich gescheiterte Familien- und Paarbeziehungen. Gott hat kein Problem damit, den Menschen in diesen kaputten Beziehungen zu begegnen, ihr Leben zu segnen und zum Guten zu wenden. Das sollten sich Christen vor Augen halten, wenn sie mit ihrer Idealvorstellung einer christlichen Ehe anderen Menschen das Leben schwer machen.

Andererseits lässt Gott menschliches Scheitern auch nicht als Ausrede zu, um an seiner Vorgabe Abstriche zu machen. Er will den einzelnen Christen viel mehr dazu bringen, sich nach seinem Ideal auszustrecken, indem er oder sie sich von Jesus verändern lässt. Das Ziel ist dabei nicht, nach menschlichem Maßstab der perfekte Partner oder die perfekte Partnerin zu werden.

Es geht darum Jesus, seinem Handeln und seinem Wesen ähnlicher zu werden –im Beziehungsalltag einer Ehe, aber auch in allen anderen zwischenmenschlichen Beziehungen, seien es Freundschaften oder Bekanntschaften.

Dem Ehe-Geheimnis auf der Spur

Aber noch einmal kurz zurück zur Ehebeziehung. Es ist und bleibt eine Herausforderung für jedes Ehepaar, sich dem göttlichen Ideal anzunähern. Warum das so ist, drückt der neutestamentliche Autor und Apostel Paulus in seinem Ratschlag an Ehepartner so aus: „Erinnert euch an das Wort: «Ein Mann verlässt seine Eltern und verbindet sich so eng mit seiner Frau, dass die beiden eins sind mit Leib und Seele.» Das ist ein großes Geheimnis. Ich deute dieses Wort auf die Verbindung zwischen Christus und seiner Gemeinde“ (Epheser 5,31-32).

Paulus gebraucht für das deutsche Wort „Geheimnis“ im griechischen Grundtext hier das Wort „Mysterion“. Damit sind die „geheimen Gedanken, Pläne und Veranstaltungen Gottes“ gemeint, „die sich dem menschlichen Verstande, überhaupt jeder nicht göttlichen Beobachtung entziehen, und daher denen, für die sie bestimmt sind, offenbar gemacht werden müssen.“ (Worterklärung „Mysterion“ in Walter Bauer, Wörterbuch zum Neuen Testament, Verlag Walter de Gruyter Berlin/ New York, 1988⁶.)

Das Geheimnis der Ehe, dieser göttlich-menschlichen Institution, erschließt sich uns also nicht von selbst. Wir brauchen göttliche Nachhilfe, um ihm auf die Spur zu kommen. Das bleibt ein lebenslanger Lernprozess – aber einer, der sich lohnt.
 

 Hanna Willhelm

Hanna Willhelm

  |  Redakteurin

Hanna Willhelm ist Theologin und Redakteurin im Bereich Radio und Online. Sie ist fasziniert von der Tiefe biblischer Texte und ihrer Relevanz für den Alltag. Zusammen mit ihrer Familie lebt die gebürtige Badenerin heute in Wetzlar und hat dabei entdeckt, dass auch Mittelhessen ein schönes Fleckchen Erde ist.

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