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© Priscilla du Preez / unsplash.com

29.12.2021 / Theologie / Lesezeit: ~ 3 min

Autor/-in: Markus Baum

Mein Bibelbuch (35)

Ein persönlicher Blick in die Heilige Schrift: Markus Baum über den Hebräerbrief.

 

 

Wenn ich die freie Auswahl hätte, dann hätte ich zum Hebräerbrief vielleicht noch das Markusevangelium genommen. Denn der Hebräerbrief steht im Neuen Testament aus gutem Grund so weit hinten – kurz vor Schluss gewissermaßen: Er setzt einiges voraus, er ist ohne das, was die vier Evangelien über Jesus berichten, nicht zu verstehen. Man kann es auch positiv ausdrücken: Der Hebräerbrief ist etwas für Menschen, die schon erste Bekanntschaft mit Jesus gemacht haben.

Wer schon ein wenig über Jesus weiß, erfährt im Hebräerbrief eine Menge mehr über ihn – und lernt verstehen: Jesus von Nazareth, der Sohn der Maria, der Sohn Gottes, kam nicht einfach und ansatzlos irgendwoher und geht irgendwohin. Der Hebräerbrief liefert gewissermaßen die Matrix, den Hintergrund. Er stellt Jesus in einen gewaltigen, alle Zeitalter überspannenden Zusammenhang. Das macht dieses Buch für mich so spannend.

Warum heißt dieses Buch überhaupt Hebräerbrief? Wer immer dieses bemerkenswerte Schriftstück verfasst hat, war bestens vertraut mit der Hebräischen Bibel – also mit den Schriften des Alten Testaments. Außerdem auch vertraut mit dem religiösen Kult am herodianischen Tempel in Jerusalem, mit der Rolle und den Aufgaben des Hohepriesters und ihrer Bedeutung. Er war selbst Hebräer, im Judentum aufgewachsen – vermutlich in einer der griechisch sprechenden jüdischen Gemeinden in Kleinasien oder in Ägypten. Er hat Augen- und Ohrenzeugen von Jesus gekannt. Hatte also Informationen aus erster Hand.

Was er von Jesus begriffen hat, ist nichts weniger als revolutionär. Jesus ist für ihn das Siegel der Propheten – wichtiger und bedeutender als alle Propheten vor ihm und übrigens auch nach ihm. Jesus ist für ihn das Urbild des Hohepriesters – und die ultimative und überzeitliche Verkörperung des Hohepriesters. Zugleich ist Jesus aber auch das ultimative Opferlamm.

Damit strapaziert der Hebräerbrief die Vorstellungskraft seiner Leserinnen und Leser ganz ordentlich. Dass es einen Hohepriester gibt, der sich selbst aufopfert und damit das rituelle Sühneopfer am Versöhnungstag überflüssig macht, das war und ist für viele Menschen eine Zumutung. Für viele andere war und ist es eine befreiende Botschaft.

An Jesus und an der Bedeutung, die Menschen ihm zugestehen, scheiden sich die Geister. Der Autor des Hebräerbriefs behauptet: Wer Jesus folgt, muss ihm bis zum Kreuz auf dem Richtplatz vor den Toren Jerusalems folgen – und sollte bereit sein, dass er oder sie auch die Schmach teilt, die Jesus erlitten hat (Hebräer 13,13). Das ist starker Tobak, das schmeckt nicht jeder und nicht jedem. Aber es ist eben auch keine harmlose, süße Brause, sondern eine gehaltvolle Botschaft. Herausfordernd und in der Lage, Leben zu verändern und neu auszurichten.

Als ob das noch nicht genug wäre, ist der Hebräerbrief auch noch gespickt mit Perlen jüdisch-christlicher Bibelauslegung. Mit Sätzen vom Kaliber „Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat“ (Hebr. 10,35). Oder mit der Erklärung, was Glauben ausmacht: Es ist „eine feste Zuversicht dessen, was man erhofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht“ (Hebräer 11,1).  

Alles in allem: Der Hebräerbrief ist ein biblisches Buch vielleicht nicht gerade für Anfänger, aber wer die Evangelien schon gelesen hat, der oder die kann sich auch an dieses außergewöhnliche Stück Bibel herantrauen.

 

Weitere Informationen zum Thema Bibel finden Sie auch auf unserem Dossier:

 

 Markus Baum

Markus Baum

  |  Programmreferent

Exilschwabe, seit 1982 in Diensten des ERF. Leidenschaftlicher Radiomacher, Liebhaber der deutschen Sprache und Kenner der christlichen Musiklandschaft. Übersetzt Bücher ins Deutsche und schreibt gelegentlich selber welche. Singt gern mit Menschen. Verheiratet, drei erwachsene Kinder.

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