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© Priscilla du Preez / unsplash.com

23.11.2021 / Theologie / Lesezeit: ~ 3 min

Autor/-in: Katrin Faludi

Mein Bibelbuch (13)

Ein persönlicher Blick in die Heilige Schrift: Katrin Faludi über das Buch Prediger.

 

 

Mich fasziniert Sprache. Ihre präzise Schärfe auf der einen Seite. Ihre einladende Mehrdeutigkeit andererseits. Die Räume, die sie uns bietet, Gedanken und Ideen auszuloten. Sich darin zu verlieren. Der Wandel, den ihre Bedeutung erfährt. Die Unmöglichkeit, eine Sprache perfekt in die andere zu übersetzen, weil die Bilder nie komplett übereinstimmen.

So ist es mit dem Buch „Prediger“. Sein Auftakt ist berühmt. Martin Luther formuliert ihn: „Es ist alles ganz eitel“, sprach der Prediger. „Es ist alles ganz eitel.“

Luther versucht, das Bild zu übersetzen, das der Prediger mit seinen Worten malt. Denn wörtlich schreibt der Verfasser im Hebräischen: „Hauch der Hauche, sprach Kohelet, Hauch der Hauche, das alles – Hauch.“

Dieses Wort „Hauch“ rahmt das gesamte Buch ein und durchdringt es zugleich. Der Prediger spielt mit diesem Begriff, der zum Symbol für das gesamte menschliche Leben wird. Es ist nichts als Wind. Wind kommt, ungesehen, und geht genauso. Er ist flüchtig, unbedeutend, an sich nutzlos. Das meint Luther auch mit „eitel“, dem Wort, das wir heute unter einer anderen Bedeutung kennen. Das Leben ist nichts als ein Windhauch, sagt der Prediger.

Das klingt erst mal düster. Pessimistisch. Nihilistisch sogar. Aber das ist nur die Oberfläche. Denn, wer den Worten des Predigers aufmerksam folgt, stellt fest: Er hat sein Leben bewusst gelebt, er hat Vieles erlebt und durchlebt. Er hat Regelmäßigkeiten erkannt. Alles hat seine Zeit. Er hat aber auch festgestellt: Das Leben ist irgendwie unscharf.

Wer nicht scharf sieht, der braucht etwas, das ihm das Leben scharfstellt, damit es Konturen bekommt. Die jüdischen Lehren aus der Zeit des Predigers boten sich als solche Linsen an. Wer durch sie hindurch sah, wusste, wie er auf das Leben zu sehen hat. Etwa: Befolge Gottes Gebote und es wird dir gutgehen. Befolgst du sie nicht, wird es dir schlechtgehen. Das wurde damals so gelehrt. Wird es auch heute noch.

Der Prediger hat in seinem Leben durch diese Linse geschaut und festgestellt: Das Bild stimmt nicht. Fromme Menschen erleben Schlechtes und manchem Bösen geht es ganz wunderbar. Und auch wenn sich über die Jahrhunderte viel geändert hat – das ist auch heute noch so. Der Prediger bricht mit so mancher Weisheit aus der Bibel. Seine Gedankengänge sind skeptischer, zweifelnder. Und ich bin so froh, dass auch diese Unschärfe, die das Leben mit sich bringt, die Uneindeutigkeit ihren Platz in der Bibel findet.

Diese Unschärfe ist störend für jene, die sich nach leichten Antworten sehnen. Zugleich ist sie aber auch eine Einladung an alle, die vom Fliegen träumen. Das Leben, der Wind, ist nicht nur flüchtig und vergänglich. Man kann sich von diesem unsichtbaren Wind auch in neue Höhen tragen lassen und den Flug genießen. Sich tragen lassen von dem Unsichtbaren und Geheimnisvollen.

Letztlich ist alles ein Geheimnis. Und wir können uns tragen lassen von dem großen Geheimnisvollen, dem der Prediger mit Respekt und Demut begegnet. Vielleicht hat er von allen Autoren der Bibel das Wesen Gottes am besten beschrieben – indem er dem Geheimnis, das Gott ist, den größten Raum gibt. Indem er die Leerstellen offenlässt. Mit der unausgesprochenen Einladung, sich ihnen zu nähern.

Alles ist Hauch. Alles ist Haschen nach Wind. Wir können das Leben weder festhalten noch begreifen. Wir können Gott weder festhalten noch begreifen. Dieser Hauch, den wir Leben nennen, ist sein Atem in dieser Welt. Alles ist Hauch.

 

Weitere Informationen zum Thema Bibel finden Sie auch auf unserem Dossier:

 

 Katrin Faludi

Katrin Faludi

  |  Redakteurin

In Offenbach geboren, mit Berliner Schnauze aufgewachsen. Hat Medienwissenschaft und Amerikanistik studiert, ist danach beim Radio hängengeblieben und beschäftigt sich mit Themen rund um den Glauben. Außerdem schreibt sie Bücher, liebt alles, was mit Sprache(n) und dem Norden zu tun hat und entspannt gerne beim Landkartengucken. Mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern wohnt sie in Bad Vilbel.

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