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© Andrea Tummons / unsplash.com

12.06.2021 / Andacht / Lesezeit: ~ 9 min

Autor: Steffen Brack

Solidarisch, praktisch, gut (2)

Meinen Mitmenschen lieben – das ist ebenso wichtig wie meine Liebe zu Gott.

 

 

Jesus spricht über die beiden wichtigsten Gebote, die Gott gegeben hat: Gott lieben und unsere Mitmenschen lieben, genauso wie uns selbst. Dabei zeigt Jesus auch, wie wir das denn nun wirklich leben können. Und wie unsere Liebe beim anderen ankommt. Auslöser ist ein jüdischer Bibelexperte, der zu Jesus kommt.
 

Liebe im Doppelpack

Die Frage nach dem ewigen Leben. Die stellt er, der jüdische Experte für die heiligen Schriften Israels. Und Lukas schildert in seinem Bericht, wie das Gespräch zwischen den beiden Männern weitergeht:

Jesus antwortete: »Was steht denn im Gesetz? Was liest du dort?« Der Gesetzeslehrer antwortete: »Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit aller deiner Kraft und deinem ganzen Verstand! Und: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!« »Du hast richtig geantwortet«, sagte Jesus. »Handle so, dann wirst du leben.« (Lukas 10,26-28).

 

Im Grunde genommen beantwortet Jesus die Frage des jüdischen Schriftgelehrten gar nicht. Denn er stellt ihm eine Gegenfrage. Erstaunlich finde ich, dass der Schriftexperte sich darauf einlässt. Aber aus welchem Grund auch immer, er tut es. Jesus verweist seinen Gesprächspartner mit seiner Frage auf das Alte Testament, das in der Übersetzung auch hier unglücklicherweise mit „Gesetz“ wiedergegeben wird: „Was steht denn im Gesetz – also im Alten Testament? Was liest du dort?“

Es ist offensichtlich: bei der Frage nach dem ewigen Leben ist für Jesus nur das von Bedeutung, was in den Schriften des Alten Testaments steht. Heute gilt Gleiches natürlich auch für das Neue Testament. Aber das gab es ja noch nicht, als dieses Gespräch zwischen Jesus und dem Schriftgelehrten stattfindet.

Und warum auch immer er sich darauf einlässt - der Spezialist für die Auslegung der Hebräischen Bibel antwortet mit zwei Bibelzitaten aus dem Alten Testament: „Liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit aller deiner Kraft und deinem ganzen Verstand!“ Dieser Satz ist ein Zitat aus dem 5. Buch Mose, Kapitel 6, Vers 5. Und das ist einer der ganz zentralen Texte des Alten Testaments. Der Abschnitt beginnt mit den Worten: „Höre Israel!“ (5. Mose 6,4). Auf Hebräisch heißt das „Shema Jisrael“. Deshalb wird die Passage auch oft das „Shema“ genannt. Sie ist das Glaubensbekenntnis Israels.

Das Gebot, das der Gelehrte hier zitiert ist das Herzstück des jüdischen Glaubens. Das Zentrum dieses Glaubens ist also die Liebe zu Gott. Und es beschreibt die ungeteilte Hingabe an ihn. Vier Mal heißt es von ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit deiner ganzen Kraft, mit ganzem Verstand. Die Begriffe Herz, Seele, Kraft und Verstand beschreiben hier den Menschen als Ganzes. Deshalb lassen sich die einzelnen Ausdrücke auch nicht eindeutig voneinander abgrenzen.

Gott meint mich als ganzen Menschen. Und mit allem, was ich bin und habe und mit allem, was mich ausmacht, soll ich ihm gehören. Ihn Lieben. Den Verstand in der Beziehung mit Gott außen vorlassen - wie das heute immer wieder verstanden wird – davon kann hier keine Rede sein. Gott spricht ganz offensichtlich alles in uns Menschen an. Und deshalb soll ich ihn auch lieben mit jedem Aspekt und jeder Faser meines Lebens.

Mich freut das, denn ich habe mittlerweile kein Interesse mehr daran, irgendetwas von meiner Person zurückhalten zu müssen, wenn ich mich auf Gott einlasse. Er hat offenbar Interesse an meiner ganzen Person. Und da muss ich nichts von mir verstecken oder zurückhalten.

Das zweite Gebot zitiert der Bibelexperte aus dem 3. Buch Mose, Kapitel 19, Vers 18: Liebe deinen Nächsten bzw. deinen Mitmenschen wie dich selbst!“ Das ist vielleicht etwas überraschend. Denn viele meinen ja, die Nächstenliebe sei etwas ganz Typisches für den christlichen Glauben. Das ist sie sicher auch, aber das Gebot, den Mitmenschen zu lieben – dieses Gebot hat Gott schon seinem Volk Israel gegeben. Und deshalb ist es auch im Alten Testament zu finden.

Der Begriff für Nächster bzw. für Mitmensch bedeutet „jemand, der in der Nähe ist; eine Person, mit der ich etwas zu tun habe“. Daraus haben jüdische Ausleger damals den Schluss gezogen, dass Gott damit nur die Angehörigen eines Volkes und einer Glaubensgemeinschaft meint. Also die jüdischen Landsleute. Doch im Kapitel 19 des 3. Mosebuches heißt es auch ausdrücklich: „Unterdrückt nicht die Fremden, die bei euch im Land leben, sondern behandelt sie genau wie euresgleichen. Jeder von euch soll seinen fremden Mitbürger lieben wie sich selbst. Denkt daran, dass auch ihr in Ägypten Fremde gewesen seid. Ich bin der Herr, euer Gott!“ (3. Mose 19,33-34). Das ist eindeutig.

Aber die Rückfrage des Bibelgelehrten greift genau diese jüdische Diskussion auf. Dass nämlich mit dem Nächsten wohl doch nur ein Zugehöriger des jüdischen Volkes gemeint sein kann. Lukas schreibt: „Aber der Mann wollte sich rechtfertigen und fragte weiter: »Wer gehört denn eigentlich zu meinen Mitmenschen?«“ Und obwohl ja auch das schon im Alten Testament beantwortet wird – dass nämlich Gott mit dem nächsten jeden Mitmenschen meint – obwohl das schon im Alten Testament beantwortet wurde, verdeutlicht Jesus das jetzt noch einmal mit einer Geschichte.
 

Eine Geschichte, die berühmt geworden ist

Und die Geschichte ist so einfach, dass sie jeder sofort verstehen kann – wenn sie oder er die Geschichte verstehen will. „Jesus nahm die Frage auf und erzählte die folgende Geschichte:

»Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab. Unterwegs überfielen ihn Räuber. Sie nahmen ihm alles weg, schlugen ihn zusammen und ließen ihn halb tot liegen. Nun kam zufällig ein Priester denselben Weg. Er sah den Mann liegen und ging vorbei. Genauso machte es ein Levit, als er an die Stelle kam: Er sah ihn liegen und ging vorbei. Schließlich kam ein Reisender aus Samarien. Als er den Überfallenen sah, ergriff ihn das Mitleid.

Er ging zu ihm hin, behandelte seine Wunden mit Öl und Wein und verband sie. Dann setzte er ihn auf sein eigenes Reittier und brachte ihn in das nächste Gasthaus, wo er sich weiter um ihn kümmerte. Am anderen Tag zog er seinen Geldbeutel heraus, gab dem Wirt zwei Silberstücke und sagte: ›Pflege ihn! Wenn du noch mehr brauchst, will ich es dir bezahlen, wenn ich zurückkomme.‹« (Lukas 10,30-35).

 

Ich erinnere mich noch gut, als ich mit dem Bus nach Jerusalem fuhr. Die Straße schlängelte sich in Serpentinen derart steil bergauf, dass ich immer dachte, ich bin in den Alpen. Jerusalem liegt im Vergleich zum Umland sehr hoch. Deshalb spricht Jesus hier in seiner Geschichte davon, dass der Mann, der von Jerusalem nach Jericho reist, bergab geht. Auf dieser Strecke von 27 Kilometern geht es 1000 Höhenmeter nach unten. Jesus beschreibt den Mann nicht näher. Es bleibt auch offen, ob es ein Jude ist oder nicht. Denn das spielt keine Rolle. Wichtig ist nur: der Mann wird überfallen und ist jetzt in großer Not. Er braucht Hilfe. Und zwar dringend.

Aber Hilfe ist ja schon unterwegs. Denn ein Priester kommt vorbei. Und er sieht den Verletzten auch. Das betont Jesus ausdrücklich. Ein Priester kennt natürlich die beiden Gebote – von der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten. Die beiden Gebote die der Bibelgelehrte gerade zitiert hat. Aber – er geht vorbei. Wie bitte? Das kann doch nicht sein. Ein Priester verweigert einem Menschen in Not seine Hilfe? Wie ist das möglich? Aber genau so präsentiert Jesus seine Geschichte. Was auch immer den Priester dazu veranlasst, dem Überfallenen nicht zu helfen: an dem Liebesgebot den Mitmenschen gegenüber wird er schuldig.

Doch der erstaunte Zuhörer atmet auf. Denn noch einmal kommt jemand vorbei. Auch diesmal ein frommer Israelit, ein Levit, jemand der am Tempel besondere Aufgaben übernehmen darf. Doch der verhält sich nicht anders als der Priester vor ihm. Und auch er sieht den Menschen in Not – und lässt ihn einfach liegen. Das ist heute oft nicht viel anders.

Seit Jahrzehnten findet auf Deutschlands Straßen immer wieder der gleiche Test statt: Ein Verkehrsunfall wird täuschend echt in Szene gesetzt. Und Schauspieler übernehmen die Rolle schwer verletzter Unfallopfer. Die Szenerie ist eindeutig: hier wird Hilfe gebraucht – und zwar ganz dringend. Aber ein Fahrzeug nach dem anderen fährt einfach weiter. Und nur die allerwenigsten halten an. Das ist schockierend. Unseren Mitmenschen zu lieben wie uns selbst: Das scheint für uns Menschen nicht selbstverständlich zu sein.

Zurück zur Geschichte von Jesus. Denn der erzählt nun noch von einem dritten Menschen, der bei dem schwer verletzten Mann vorbeikommt. Doch das ist ein Samariter, ein Mensch aus Samarien. Die Juden damals haben die Samariter verachtet. Ja regelrecht gehasst haben sie diese Menschen. Aber dieser Reisende erfüllt Gottes Gebot: Liebe deinen Nächsten. Und diese Liebe ist ganz praktisch. Der Samariter tut alles, was nötig ist, um den Verwundeten zu versorgen. Er empfindet Mitleid. Und der Mann aus Samarien belässt es nicht bei seinem Mitgefühl. Sondern das bewegt ihn dazu, zu handeln.

Ich denke, das ist ein ganz wichtiger Punkt, um zu begreifen, was Gott mit seinem Gebot meint: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.“ Nächstenliebe beschreibt Jesus hier als etwas ganz Praktisches. Sie bedeutet alles Nötige zu tun, um meinem Nächsten zu helfen. Und natürlich nimmt der Samariter den Geschundenen mit. Bringt ihn in die Obhut einer Unterkunft – und übernimmt auch noch die Pflegekosten.

Was mich erstaunt: Jesus scheut nicht davor zurück, seinen jüdischen Gesprächspartner derart heftig zu provozieren. Denn ausgerechnet ein Mensch aus dem verhassten Volk der Samariter ist derjenige, der das Gebot von der Nächstenliebe befolgt. Als einziger. Das ist wohl nicht ganz einfach zu akzeptieren für den jüdischen Bibelfachmann.

Schließlich fragt Jesus: „»Was meinst du? Wer von den dreien hat an dem Überfallenen als Mitmensch gehandelt?« Der Gesetzeslehrer antwortete: »Der ihm geholfen hat!« Jesus erwiderte: »Dann geh und mach du es ebenso!«“ (Lukas 10,36-37). Die Frage des Gelehrten war: „Wer gehört denn eigentlich zu meinen Mitmenschen?“ Aber Jesus dreht die Frage um. Es geht nicht darum, darüber zu diskutieren, wer denn alles zu den Menschen gehört, die ich lieben soll. Und vor allem, wer alles nicht dazu gehört. Sondern die Frage muss heißen: Bin ich bereit für andere ein Mensch zu sein, der sie liebt? Der ihnen hilft? Vor allem auch dann, wenn sie in Not geraten sind?

Dazu noch eine Geschichte. Eine, die sich wirklich so ereignet hat. Ich traf einen Pastor, der erzählte: Zu mir kamen einmal ein paar Frauen aus unserer Gemeinde. Und sagten zu mir: Lieber Pastor. Wir wollen gerne in unserer Gemeinde einen Hilfe-Arbeitskreis gründen. Der Pastor war davon nicht besonders überzeugt und dachte bei sich: Ein Hilfe-Arbeitskreis. Was soll das denn sein? Brauchen wir in unserer Gemeinde nicht ganz andere Arbeitskreise? Aber er sagte: Gut. Ihr könnt ja mal damit starten. Das ließen sich die Frauen nicht zweimal sagen. Und sie legten los. Überall, wo Menschen aus der Gemeinde oder auch wo Menschen sonst Hilfe brauchten, waren sie da.

Eines Tages starb die Mutter einer Familie. Und der Vater stand nun mit seinen Teenager-Kindern ganz alleine da. Und da kamen sie natürlich auch, die Frauen aus der Gemeinde vom Arbeitskreis für Hilfe. Sie haben jeden Tag für die Familie gekocht, mit den Teenies Hausaufgaben gemacht, das Haus geputzt und aufgeräumt. Der Vater konnte beruhigt zur Arbeit gehen. Und bis zum Abend, wenn er nach Hause kam, war jemand vom Hilfe-Arbeitskreis da und war für die Kinder ansprechbar.

Der Pastor erzählte dann: die Nachbarn fingen an, den Vater und die Kinder zu fragen: Ja, was sind das denn für Leute, die euch so eifrig helfen? Das sind Frauen aus unserer Gemeinde. Und das hat die Menschen in der Umgebung sehr beeindruckt, wie die Frauen dieser Familie geholfen haben. Der Pastor meinte am Ende seiner Erzählung: Ich werde nie wieder fragen, wozu denn eine Arbeitsgruppe gut sein soll, die ihren Mitmenschen hilft und ihnen beisteht.


Hier gelangen Sie zum ertsen Teil des Artikels.


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 Steffen Brack

Steffen Brack

  |  Redakteur und Theologe
Theologe und Redakteur, verheiratet, drei Kinder. Begeistert von Gottes unerschütterlicher Liebe.

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