Navigation überspringen
© Cole Keister / unsplash.com

29.01.2021 / Zum Schwerpunktthema / Lesezeit: ~ 4 min

Autor: Markus Baum

Die Wahrheit ist irgendwo da draußen

Warum verweigern sich Menschen der Wirklichkeit und suchen die Wahrheit sonstwo?

 

 

Wenn die Wirklichkeit kompliziert ist und Erklärungen nicht sofort zur Hand sind, beginnen viele Menschen zu spekulieren. Und rätselhaft ist auf dieser Welt vieles – auch wenn die Wissenschaften inzwischen viel erklären können. Aber je schlüssiger die wissenschaftliche Deutung der Welt ist, umso mehr scheint der Zweifel um sich zu greifen: Kann das alles sein? 

 Es gibt offenbar eine Sehnsucht nach dem Unerwarteten, Verstörenden, ganz Andersartigen. Diese Sehnsucht bringt ihre eigene Erfüllung hervor – sie liefert letztlich Stoff für ganze Buchreihen und für Fernsehserien. Längst haben sich im Namen dieser Sehnsucht eigene Chatgruppen gebildet, und ganze Webportale befassen sich mit dem Mysteriösen, nur schwer zu Benennenden.

Das Grundmuster hinter dieser Sehnsucht scheint Unsicherheit zu sein. Was verschweigt die Regierung? Gibt es da etwas, was wir wissen sollten? Die Wahrheit ist irgendwo da draußen, sie ist jedenfalls nicht hier. Eben mysteriös. Ein ungelöstes Rätsel. Und dahinter steckt der Verdacht: Es muss eine größere und tiefere Wahrheit geben. Umfassender und geheimnisvoller als das, was wir mit unseren fünf Sinnen erfahren und begreifen können. Es wird uns etwas vorenthalten. Und wer uns mit ganz einfachen oder auch mit komplizierten innerweltlichen Antworten abzuspeisen versucht, verfolgt womöglich finstere Interessen. Deshalb: Vertrauen Sie niemandem!

Ganz offensichtlich ist diese Welt mehr als das, was wir sehen, fühlen, messen und berechnen können. Und für vieles, was im Leben eines Menschen geschieht, finden wir keine Worte, haben wir keine Erklärung. Auch für vieles Schöne und Gute nicht.

 

In der Hauptsache geht es aber nicht so sehr um die wunderbaren Seiten dieser vermuteten größeren Wahrheit, sondern eher um das Unheimliche, Mysteriöse. Es spricht die abergläubische Seite in vielen von uns Menschen an. Auch in mir – ich will mich davon gar nicht freisprechen.

Aberglaube ist so etwas wie eine Hypersensibilität. Als abergläubischer Mensch reagiere ich zur Abwechslung mal nicht auf Pollen oder andere allergene Stoffe in der Umwelt, sondern auf Leerstellen, auf schlichte Erklärungen, auf ganz und gar nicht aufregende oder einfach nicht vorhandene Zusammenhänge zwischen Ereignissen und bestimmten Wahrnehmungen.

Dass zwei oder gar drei Dinge ganz zufällig zusammentreffen, das soll ja durchaus vorkommen: Die Ampel springt um auf grün, im selben Moment klingelt das Smartphone, und womöglich bellt auch noch der Hund auf dem Rücksitz. Zufall. Nur kann ich als abergläubischer Mensch so eine einfache Erklärung nicht akzeptieren. Dahinter muss doch noch mehr stecken! Das gibt’s doch nicht!

Wem es an Phantasie mangelt, der oder die findet bei Dr. Google oder auf einen Hilferuf in der What’sApp-Gruppe hin bestimmt originelle Vorschläge, wie dieses rätselhafte Phänomen zu erklären ist: Ampelschaltung vom Hund ausgelöst oder der Hund vom Ampelgrün in Aufregung versetzt oder doch vom Handy gesteuertes Kläffen und Umspringen der Ampel?

Das Beispiel war ja noch harmlos. Es gibt aber auch immer wieder zufällige (oder nur scheinbar zufällige oder doch gewollte, arrangierte, geplante?) Zusammentreffen mit prominenter Beteiligung. Und da werden manche Menschen dann doch hellhörig. Die Kanzlerin spricht – zapp, Stromausfall. Zeitgleich donnern auch noch Bundeswehr-Eurofighter der Fliegerstaffel Nörvenich übers Haus. Und schon schlägt der Verstand Mystery-Alarm. Da ist doch was im Busch! Was für eine Verschwörung ist da im Gange? Wer hat so viel Macht, dass er der Kanzlerin mitten in der Pressekonferenz den Saft abdrehen kann und dem halben Land gleich mit? Und was hat die Luftwaffe damit zu tun?

Wer suchet, der oder die findet dann auch Antworten, die das eigene Gruselbedürfnis befriedigen. Irgendjemand wird schon eine Theorie haben von einem bestimmten Player auf der Weltbühne, der hinter den Kulissen in perfider Weise die Strippen zieht, oder von einer bestimmten Gruppe, die angeblich unvorstellbar großen Einfluss hat, eben weil sie ihr Unwesen im Verborgenen treibt. Und nur die besonders Wachen bekommen mit, was für unsägliche Dinge da im Hintergrund laufen.

Wenn ich erst einmal auf diesem gedanklichen Gleis bin, komme ich kaum mehr auf die Idee zu überprüfen, ob das, was ich mir da einreden lasse oder selbst einrede, auch wirklich stichhaltig ist. Dabei bin ich doch anfangs davon ausgegangen, dass es eine höhere, größere, umfassendere Wahrheit geben muss. Und nun bin ich bei einer obskuren angeblichen Wahrheit gelandet, die außer mir und einigen wenigen Auserwählten keiner kennt! Wie bin ich dahin geraten? War das eigentlich mein Plan?

Wir alle sind auf der Suche nach Erklärungen für rätselhafte Phänomene oder seltsame Ereignisse, ganz gleich, ob wir sie selbst beobachten oder ob sie uns selbst widerfahren oder ob wir durch andere davon Kenntnis bekommen.

Wir alle versuchen das Unsagbare und Unfassbare einzuordnen. Und der christliche Glaube kann dabei helfen, kann als Deutungshilfe dienen.

 

Ja, es gibt Eindrücke und Vorgänge in dieser Welt, die sind zum Gruseln. Aber was mir buchstäblich über die Hutschnur geht, das kann ich getrost Gott überlassen. Ich kann mich mit dem Handfesten befassen, mit dem, was ich mit meinen fünf Sinnen wahrnehmen kann. Und will mich in Geduld üben, denn vieles Rätselhafte klärt sich ja irgendwann doch auf, Gott sei Dank.
 


Banner zum Schwerpunktthema Wahrheit

 Markus Baum

Markus Baum

  |  Programmreferent
Exilschwabe, seit 1982 in Diensten des ERF. Leidenschaftlicher Radiomacher, Liebhaber der deutschen Sprache und Kenner der christlichen Musiklandschaft. Übersetzt Bücher ins Deutsche und schreibt gelegentlich selber welche. Singt gern mit Menschen. Verheiratet, drei erwachsene Kinder.

Ihr Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.

Kommentare (1)

Stefan /

Vielen Dank Markus für Deinen Beitrag. Ich denke gerade in diesen turbulenten Zeiten in denen Corona unser Leben so arg bestimmt, ist es gut zu denken und sich auch einzugestehen wie medienverseucht wir eigentlich sind.
Der Herr segne und behüte Dich.
LG

Das könnte Sie auch interessieren