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© Jon Tyson / unsplash.com

29.11.2023 / Serviceartikel / Lesezeit: ~ 6 min

Autor/-in: Sarah-Melissa Loewen

Glaube trotz Demenz

Mit Demenzkranken Gottesdienst feiern – geht das? Norbert Rose ermutigt zu mehr Inklusion in Gemeinden.

 

 

Die Vergesslichkeit nimmt zu, der Alltag gerät durcheinander und vieles, was vorher selbstverständlich war, gelingt nicht mehr. Demenz hat weitreichende Auswirkungen auf den Alltag und das persönliche Erleben eines Menschen – für den Erkrankten selbst und die Menschen in seinem Umfeld.

Norbert Rose (Foto: ERF)
Norbert Rose ist Seelsorgeleiter im Bibelkonferenzzentrum Langensteinbacher Höhe. Er engagiert sich seit vielen Jahren in der Begleitung von Menschen mit demenziellen Veränderungen und berät pflegende Angehörige. (Foto: ERF)

Im Leben eines Christen ist die Krankheit auch eine Herausforderung für den Glauben. Wenn man seinen Glauben nicht mehr ausformulieren kann, vergessen hat, was und woran man eigentlich glaubt – hat man dann mit dem Gedächtnis auch seinen Glauben verloren? Nein, sagt Norbert Rose. Denn mit dem persönlichen Ja eines Menschen zu Jesus, antwortet Gott mit einem bedingungslosen Ja zu seinem Kind. Daran ändert auch die Demenz nichts, ist der Pastor und Seelsorger überzeugt.

Um an Demenz erkrankte Menschen auch in ihrem christlichen Glauben zu unterstützen und zu begleiten, ist es zunächst einmal wichtig, die Krankheit zu verstehen. Hilfestellungen gibt Norbert Rose in seinem Buch „Fremd und doch vertraut“. Darin informiert er über das Krankheitsbild, teilt praktische Tipps und gibt Anregungen zur Gestaltung von gottesdienstlichen Feiern.
 

Glauben leben mit demenzkranken Menschen

Wie kann man mit dementen Menschen Glauben leben und gestalten? Kann ein Mensch überhaupt noch geistliche Impulse aufnehmen, wenn er alles vergisst? Nicht in dem Sinn der Erkenntnisvermittlung. Das gelingt nicht, weiß Norbert Rose aus Erfahrung.

Vielmehr sollte man versuchen, alte geistliche Erfahrungen der Betroffenen zu reaktivieren durch Lieder, Lesungen und Liturgien, die die Menschen schon lange kennen. „Wenn wir zum Beispiel Psalm 23 lesen oder das Glaubensbekenntnis miteinander sprechen, haben die meisten Menschen überhaupt keine Mühe, das völlig korrekt mitzusprechen.“

Mit diesen gottesdienstlichen Formen sind geistliche Gewissheiten verbunden. So machen die Erkrankten die Erfahrung, dass nicht alles vergessen und verloren ist, sondern dass manches nur verschüttet ist. Außerdem erleben demente Menschen in Gottesdiensten auch Gemeinschaft – und das ist das Eigentliche, um das es bei solchen gottesdienstlichen Feiern geht, so Rose.

Darum sind gottesdienstliche Feiern für demente Menschen nicht überflüssig oder unnütz. Denn wenn ein Mensch ein Leben lang im Glauben gelebt hat und am Ende auch in der Demenz zumindest noch einige Stunden erleben kann, in denen er wieder Glaubensgewissheit hat, haben wir enorm viel gewonnen, betont Norbert Rose.
 

Musik und Gesang reaktivieren Erinnerungen

Geistliche Lieder und das gemeinsame Singen im Gottesdienst ist ein wichtiger Bestandteil des Glaubens. Musik und Gesang sind auch im Umgang mit Demenz ein wichtiger Zugangsweg. Es gibt im Gehirn verschiedene Areale, die für unterschiedliche Aufgaben zuständig sind. Die eine Gehirnhälfte ist für Künstlerisches und Kreatives zuständig, die andere Seite für Konkretes und Sprache.

„Wenn ich einem dementen Menschen vorschlage, dass wir ein bestimmtes Lied zusammen singen, wird er mich möglicherweise mit großen Augen anschauen und nicht wissen, was ich meine. Wenn ich aber anfange zu singen, singt er plötzlich mit und erinnert sich sowohl an die Melodie als auch an den Text“, teilt Rose seine Erfahrung mit an Demenz Erkrankten.

Zu dem Buch von Norbert Rose gibt es eine Musik-CD mit bekannten Chorälen „Vertraut – Lieder, die mein Herz berühren“. Die Lieder sind bewusst in tieferer Tonlage gehalten, damit ältere Menschen mitsingen können. Zu allen Liedern des Albums gibt es ein separat erhältliches Begleitbuch mit passenden Andachten und ergänzendem Arbeitsmaterial.

Vereinfacht gesagt funktioniert das Gehirn so, dass immer sehr komplexe Netzwerke beteiligt sind. Selbst dann, wenn vieles im Gehirn bereits verloren gegangen ist oder Gehirnzellen schon abgestorben sind, reicht das Netzwerk noch aus, um altes Wissen zu reaktivieren. „Daher ist eine Mischung aus Sprache und Emotionen, aus Musik und Text und Inhalt mit das Beste, was man mit einem Demenzkranken machen kann. Dadurch wird das ganze Gehirn aktiviert und tatsächlich kann dadurch viel Emotionalität, viele Erinnerungen und auch Gewissheiten wieder auftauchen.“
 

Toleranz für demenzkranke Menschen in der Kirche

Der Besuch eines Gottesdienstes ist zentraler Bestandteil eines gläubigen Christen. Doch wie feiert man Gottesdienste mit dementen Menschen? Während seiner Zeit im Diakoniewerk arbeitete Norbert Rose in einem Seniorenheim, in dem er spezielle Gottesdienste für Menschen mit demenziellen Veränderungen anbot.

Alle Beteiligten waren dort auf Störungen eingestellt. „Das kommt relativ häufig vor. Der demente Mensch darf stören und er wird stören. Ich habe häufig erlebt, dass jemand kurz nach Beginn der Predigt brüsk aufsteht und sagt ,Schluss jetzt‘. Die Menschen haben kein Zeitempfinden mehr und haben dann das Gefühl, ‚Ich sitze hier schon seit einer Stunde im Gottesdienst und der spricht immer noch‘, obwohl es gerade erst zwei Minuten sind.“

Nicht nur lautstarke Zwischenrufe und Bewegung im Saal prägen einen Gottesdienst mit dementen Menschen, auch körperliche Vorgänge können von Erkrankten möglicherweise nicht mehr kontrolliert werden. „Das ist auch für Menschen, die sich mit der Erkrankung auskennen, anfangs sehr gewöhnungsbedürftig. Auch ich als Pastor musste mir sagen: Ich muss da jetzt durch. Aber wir wollen diese Menschen hier haben. Darum würden wir niemals sagen: Du darfst jetzt nicht mehr kommen, weil du störst. Denn wir machen diese Gottesdienste ja extra für sie.“

Wenn man Gottesdienste feiert, bei denen auch Menschen mit demenzieller Erkrankung dabei sind, dann sollte es erlaubt sein, dass sie stören, weil sie stören werden. 
 

Eine Kirche für die Kranken und Schwachen

Nobert Rose wirbt dafür, dass auch durchschnittliche Kirchengemeinden sich mit dem Thema Demenz beschäftigen und lernen, wie diese Krankheit funktioniert, denn: „Die Demenzerkrankungen nehmen zu. Es ist nicht so, dass wir das bald überstanden hätten, sondern die Prognosen gehen eher dahin, dass die Anzahl der demenziell Erkrankten zunehmen wird. Deswegen ist es wichtig, dass möglichst viele Menschen in der Gemeinde sich damit auskennen, um zu unterstützen.“

Doch er sieht Gemeinden vor allem auch deshalb in der Verantwortung, sich mit dem Thema zu beschäftigen und sich auf demente Gottesdienstbesucher einzustellen, weil es Gemeindemitglieder betrifft, die sich möglicherweise ein Leben lang aktiv am Gemeindeleben beteiligt haben, als Mitarbeiter, als Mitfinanzierer.

„Wenn ich mir vorstelle, dass die Gemeinde für den Erkrankten ein Zentrum seines Lebens und Glaubens war und plötzlich heißt es, ‚Bitte komm nicht mehr, weil wir es nicht ertragen‘. So wie wir unruhige kleine Kinder ertragen können und müssen, so sollen wir auch alte Menschen ertragen“, ist er überzeugt.

Rose wirbt dafür, auch Menschen mit Demenz im Gottesdienst willkommen zu heißen, denn dadurch wird deutlich, dass auch Schwache und Kranke ihren Platz in der Kirche haben. Ganz im Sinne Jesu, der sagte: „Nicht die Starken brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heißt: ‚Ich will Barmherzigkeit und nicht Opfer‘“ (Matthäus 9,12-13).

Auf diese Weise haben auch pflegende Angehörigen die Chance, am Gemeindeleben teilzunehmen. Nobert Rose weiß, dass in der Regel sie für das störende oder unangenehme Verhalten des Erkrankten verantwortlich gemacht werden und sich auch verantwortlich dafür fühlen.

Wenn das Verhalten und die Reaktionen des Erkrankten unberechenbar sind, ist es nachvollziehbar, dass die Begleiter mit ihm lieber zu Hause bleiben. „Dann wäre es gut, wenn eine Gemeinde sagen würde, ‚Bitte komm doch, wir wissen ja, woran es liegt‘. Aber dazu müsste eine Gemeinde verstehen, was Demenz eigentlich bedeutet.“

Genau das beabsichtigt Norbert Rose mit seinem Buch. Er möchte möglichst viele Menschen über die Krankheit aufklären und um mehr Verständnis für die Erkrankten und ihre Angehörigen werben. Die Aufgabe der Gemeinde und anderer Mitchristen sieht er auch darin, die Situation mitauszuhalten und mitzutragen.
 

 Sarah-Melissa Loewen

Sarah-Melissa Loewen

  |  Redakteurin

Sie hat Literatur- und Kulturwissenschaften studiert und war schon immer von guten Geschichten in Buch und Film begeistert. Doch sie findet, die besten Geschichten schreibt Gott im Leben von Menschen. Als Redakteurin erzählt sie diese inspirierenden Lebens- und Glaubensgeschichten. Sie lebt mit ihrem Mann in der schönsten Stadt am Rhein.

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