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© Willi Epp / privat

12.11.2023 / ERF Global Hope / Lesezeit: ~ 4 min

Autor/-in: Sonja Kilian

Eine Flucht ist kein Abenteuer

Willi Epps Familie muss aus Glaubensgründen fliehen, als er ein kleiner Junge ist.


Es ist eine kalte Nacht im Februar. Das deutsche Dorf im Südural liegt still und weiß unter einer dichten Schneedecke. Doch die Eltern des kleinen Willi lassen sich von der Ruhe vor dem Sturm nicht täuschen. Sie spüren die Kälte, die Dunkelheit und vor allem die Ungewissheit, die auf sie lauert.

Nervös packen sie ihre letzten Habseligkeiten, um mitten in der Nacht heimlich zu fliehen. Sie müssen gehen, bevor der Vater verhaftet wird. Irgendwohin, ins Ausland, wo sie in Sicherheit sind.
 

Flucht mit Schlitten und Eisenbahn

Für den sechsjährigen Willi Epp ist die Flucht ein großes Abenteuer. Er steigt mit anderen Familienmitgliedern in einen der zwei Schlitten, die von Traktoren gezogen werden. Darauf befinden sich jeweils ein beheizbarer Kasten mit Haushaltsgegenständen und Nahrung. Willi winkt einigen besorgten Bekannten, die zurückbleiben. Der Abschiedsschmerz ist groß. Viele können ihre Tränen nicht zurückhalten.

Doch zumindest die Sorge, entdeckt und an der Abfahrt gehindert zu werden, stellt sich als unbegründet heraus. Gott ist den Reisenden gnädig: Ein Schneesturm, der später zu passender Zeit losbricht, verwischt alle Spuren und macht es unmöglich, den Treck nachzuverfolgen.

Gott ist den Reisenden gnädig: Ein Schneesturm verwischt alle Spuren und macht es unmöglich, den Treck nachzuverfolgen.

 

In der nächstgelegenen Stadt erreicht die Familie den Bahnhof und steigt in die Eisenbahn. Auch das ist ein Erlebnis für Willi, der vorher noch nie mit dem Zug gefahren ist. Mit dicken, warmen Kleidern fährt die Familie aus dem kalten Uralgebirge Richtung Süden an die chinesische Grenze nach Zentralasien. In der warmen Region angekommen sieht Willi zum ersten Mal Kamele in der Nähe eines Bahnhofs Rast machen. In Kirgisistan findet die Familie zunächst eine neue Bleibe.
 

Vom Uralgebirge über Kirgistan nach Estland

In ihrer früheren Heimat, der damaligen Sowjetunion, erleben die „Russlanddeutschen“ viele Nachteile. Der zweite Weltkrieg hat sie zu Feinden der Regierung gemacht. Als Christen hatten Willis Eltern es in dem atheistischen Staat sowieso schon schwer. Religion und Kirche waren verboten. Die Geheimpolizei wollte Willis Vater verhaften.

Rund zehn Jahre nach ihrer Flucht muss Familie Epp Kirgistan unter anderem aus gesundheitlichen Gründen wieder verlassen. Sie ziehen mit anderen Deutschstämmigen nach Estland.

Hier wird Willi Epp als junger Mann 1972 zum sowjetischen Militärdienst eingezogen. Die Mitnahme einer Bibel ist verboten. Willi gelingt es trotzdem, ein Neues Testament in die Kaserne hineinzuschmuggeln. Regelmäßig liest er darin und findet Trost und Kraft in den Bibelworten, die er teilweise auswendig lernt und verinnerlicht.
 

Mehrmals wegen seines Glaubens versetzt

Der christliche Glaube von Willi bleibt jedoch nicht verborgen. Zur Strafe muss er seinen Ausbildungsplatz in Moskau verlassen und wird weit weg in den Süden nach Usbekistan geschickt. Freigang oder Urlaub sind ihm komplett verwehrt. In der unbeliebten Nachtschicht kann er zunächst ungehindert in der Bibel lesen, doch auch dabei wird er schließlich entdeckt.

Nur knapp entkommt Willi dem Gefängnis. Erneut wird er in eine andere Einheit versetzt. Durch ein kleines Wunder gelangt er bald wieder an eine neue Ausgabe eines Neuen Testaments. Genauso erstaunlich ist die Geschichte, wie dieses Buch eines Tages verschwindet:

Willi macht sich Gedanken, wer seine wertvolle Heilige Schrift entdeckt haben könnte. Viele Tage vergehen, ohne dass er es herausfindet. Es kommt ihm allerdings komisch vor, dass mehrere Soldaten ihm plötzlich Fragen zum christlichen Glauben stellen. Dann wird er auch noch von einem Offizier auf die Bibel angesprochen. Sicherheitshalber schweigt Willi zunächst.

Doch schnell stellt sich heraus: Ein Soldat hat das Neue Testament in Willis Jackentasche entdeckt und es an Kameraden verliehen, bis es schließlich beim Offizier gelandet ist, der interessiert darin gelesen hat. Der Vorgesetzte fragt höflich, ob er das Buch behalten darf.  Das erlaubt Willi ihm gerne.

Ein Soldat hat das Neue Testament in Willis Jackentasche entdeckt und es an Kameraden verliehen, bis es schließlich beim Offizier gelandet ist, der interessiert darin gelesen hat.

 

Missionarischer Einsatz für bedrängte Christen in Zentralasien

Im Laufe seines Lebens lernt Willi Epp viele Menschen kennen, die in der Sowjetunion und in Zentralasien ihren Beruf, ihr Zuhause oder ihre Familie verlieren, weil sie Christen sind. Auf Umwegen kommt er zum Evangeliums-Rundfunk (heute ERF – Der Sinnsender), wo er eine Pionierarbeit im Bereich des christlichen Medienangebots in Zentralasien startet.

Dazu ist Willi selbst regelmäßig in den fünf ehemaligen Sowjetrepubliken Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan unterwegs. Auch auf diesen Reisen erlebt Willi immer wieder brenzlige Situationen, aber noch häufiger Gottes Bewahrung.

Auf seinen Reisen erlebt Willi immer wieder brenzlige Situationen, aber noch häufiger Gottes Bewahrung.

 

Die Arbeit geht weiter

Heute ist Willi im Ruhestand, aber noch immer unterstützt und ermutigt er Christen in Zentralasien. Das tut er – genau wie damals – zusammen mit dem ERF und der internationalen Partnerorganisation TWR. Was als Radioarbeit begann, konnten die Mitarbeiter vor Ort ausweiten.

So finden die Menschen in Zentralasien inzwischen in vielen verschiedenen Sprachen christliche Angebote per Radio, Social Media und Smartphone Apps. Diese Programme ermutigen zum einen bedrängte Christen in den Staaten Zentralasiens, und erreichen zum anderen Menschen, die bis heute kaum etwas über die Bibel wissen.

Was als Radioarbeit begann, konnten die Mitarbeiter vor Ort ausweiten. Die Menschen in Zentralasien finden inzwischen in vielen verschiedenen Sprachen christliche Angebote per Radio, Social Media und Apps.

 

Das ist besonders wichtig, weil es sich um eine muslimisch geprägte Region handelt, in der Christen argwöhnisch beobachtet und teilweise stark eingeschränkt werden. Ein Grund dafür ist nicht nur die islamische Tradition, sondern auch die generelle Angst der Regierungen vor erstarkenden religiös fundamentalistischen Strömungen.
 

Gebet ist wichtig

Am 12. November, dem Weltgebetstag für verfolgte Christen, wollen wir ganz besonders auf die mangelnde Religionsfreiheit in den Ländern Zentralasiens hinweisen. Bitte beten Sie mit uns, dass aktuell geplante neue Gesetze in Kirgistan, die sich unter anderem gegen die Religionsfreiheit richten, nicht umgesetzt werden.

Die Regierung plant, die Rechte von Nichtregierungsorganisationen einzuschränken. Menschenrechtsorganisationen sehen darin eine Einschränkung der freien Meinungsäußerung. Wir beten, dass die Menschen in Kirgistan und in den Nachbarländern vor Einschränkungen und Verfolgung bewahrt bleiben.
 

 Sonja Kilian

Sonja Kilian

  |  Redakteurin

Die verheiratete Mutter zweier Töchter liebt inspirierende Biografien. Deshalb liest sie gern, was Menschen mit Gott erlebt haben, schreibt als Autorin darüber und befragt ihre Gäste in Interviews auf ERF Plus.

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