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© Andrea Piacquadio / pexels.com

28.11.2023 / Serviceartikel / Lesezeit: ~ 5 min

Autor/-in: Sarah-Melissa Loewen

Demenz verstehen

Verliert man mit dem Gedächtnis auch den Glauben? Norbert Rose gibt Tipps für den Umgang mit Demenz.

 

 

Auffallende Vergesslichkeit, unruhiges Suchen, Orientierungslosigkeit und immer dieselben Fragen. Das können Anzeichen einer Demenz sein. In Deutschland leiden mehr als 1,5 Millionen Menschen an Demenz. Die Krankheit verunsichert und fordert Erkrankte und deren Familienmitglieder gleichermaßen heraus. Denn ein Leben mit Demenz bedeutet mit dem Vergessen zu leben.

Im Leben eines Christen fordert die Krankheit auch den Glauben heraus. Denn wie soll man einen lebendigen Glauben leben, wenn man vergessen hat, woran man glaubt?

Norbert Rose (Foto: ERF)
Norbert Rose ist Seelsorgeleiter im Bibelkonferenzzentrum Langensteinbacher Höhe. Er engagiert sich seit vielen Jahren in der Begleitung von Menschen mit demenziellen Veränderungen und berät pflegende Angehörige. (Foto: ERF)

Der Pastor und Seelsorger Norbert Rose bietet ganzheitliche Ansätze zum Thema „Glaube und Demenz“. In seinem Buch „Fremd und doch vertraut“ informiert er über das Krankheitsbild, teilt praktische Tipps und gibt Anregungen zur Gestaltung von gottesdienstlichen Feiern.
 

Was ist Demenz?

Demenz ist eine Erkrankung, die für die Betroffenen und ihre Angehörigen weitreichende Folgen hat. Doch was genau ist Demenz?

Norbert Rose erklärt, dass ein Erkrankter sich neue Dinge nicht merken kann, weil im Gehirn bestimmte Prozesse nicht mehr funktionieren. Ein zentraler Bereich des Gehirns ist der Hippocampus. Dort werden alle Eindrücke sortiert, die das Gehirn sekündlich aufnimmt. In diesem Hirnareal wird entschieden, was wir uns einprägen und was für uns völlig irrelevant ist.

Bei einer demenziellen Veränderung des Gehirns funktioniert dieser Sortierungsprozess nicht mehr richtig oder kann vollständig verloren gehen. Dann nimmt der Hippocampus zu viele Reize gleichzeitig auf, die er nicht mehr unterscheiden kann, oder gewisse Reize werden gar nicht mehr aufgenommen, sodass sie nicht ins Gedächtnis transportiert werden können.

Das, was der Erkrankte im Augenblick erlebt, kann dann nicht ins Langzeitgedächtnis übertragen werden, sondern wird direkt wieder gelöscht. „Man kann sich das wie bei einem Computer vorstellen, bei dem der Anwender die Datei nicht abspeichert. Das heißt, dass auch die Vorgänge der letzten Wochen, Monate oder sogar Jahre dem Erkrankten nicht mehr präsent sind, weil der Zugang verloren gegangen ist oder weil sie nicht mehr gespeichert wurden“, erläutert Norbert Rose.
 

Fremd im eigenen Leben

Der Seelsorger sensibilisiert für das innere Erleben eines an Demenz erkrankten Menschen: „Er spürt eine große Verunsicherung, die auch in eine völlige Verzweiflung führen kann. Denn er erkennt nicht mehr, wie seine Umgebung zu seinem Leben passt. Das Problem bei einer demenziellen Veränderung ist, dass nahezu alles vergessen werden kann, was in einem bestimmten Zeitraum geschehen ist. So kann sich der Erkrankte in seinem Umfeld völlig fremd fühlen.“

In der Folge findet der Betroffene sich nicht mehr zurecht und fühlt sich orientierungslos. Auch Selbstverständlichkeiten des Lebens wie die Namen von nahen Angehörigen und Freunden oder einfachste Tätigkeiten können vergessen werden.

Gerade am Anfang einer Demenz spürt der Betroffene noch, dass etwas nicht stimmt, kann sich aber nicht erklären, woran das liegt. Wenn er merkt, dass die einfachsten Dinge ihm nicht mehr gelingen, führt das zu Verzweiflung und auch zu Aggressivität.
 

Tipps für den Umgang mit Erkrankten

Daher ist einer der schwersten Fehler im Umgang mit dementen Menschen, sie zu korrigieren, zu kritisieren oder mit ihrem Verhalten zu konfrontieren. Norbert Rose erläutert: „Sätze wie ‚Das ist doch ganz einfach‘ oder ‚Das musst du doch wissen‘ treiben den Betroffenen nur weiter in die Enge. Das normale Gespräch, das wir in logischer Folge führen aus Erklären, Argumentieren, kann der Erkrankte nicht mehr erfassen, weil der Verstand viel langsamer geworden ist.“

Er rät stattdessen dazu, mit Demenzkranken auf Augenhöhe, langsam und in einfachen Sätzen zu sprechen und Fragen zu stellen, auf die der Betroffene mit Ja oder Nein antworten kann, anstatt ihn mit schwierigen Gedankengängen zu konfrontieren.

Hilfreich ist es auch, die Fülle der Eindrücke nach Möglichkeit zu reduzieren, wie zum Beispiel Radio und Fernseher auszuschalten oder andere Menschen aus dem Raum zu bitten, damit der demente Mensch sich auf das Gespräch konzentrieren kann.

Wichtig im Umgang mit dementen Menschen ist außerdem, ihnen auf emotionaler Ebene zu begegnen und ihnen Verstehen zu signalisieren und herauszufinden, was sie gerade brauchen, was sie beunruhigt oder freut.
 

Wie Demenz den persönlichen Glauben beeinflusst

Von Demenz sind natürlich auch Christinnen und Christen betroffen. Was bedeutet es, wenn ein gläubiger Mensch vergisst, was er ein Leben lang geglaubt hat? Verliert ein Demenzkranker mit dem Gedächtnis auch seinen Glauben?

Norbert Rose hat als Pastor und Seelsorger viel mit demenzkranken Menschen gearbeitet und weiß: „Es kann tatsächlich passieren, dass jemand das, was in seinem Bewusstsein vom Glauben war, mehr oder weniger verliert. Das heißt, er weiß nicht mehr, was bestimmte Formulierung bedeuten, er kann kein persönliches Bekenntnis mehr formulieren. Dann wirkt es so, als hätte er seinen Glauben tatsächlich verloren.“

Aber bei einem Menschen, der über Monate oder Jahre im Koma liegt, würden wir auch niemals sagen, dass er seinen Glauben nun verloren hat, argumentiert Rose.  

Der Pastor betont, dass Glaube etwas ist, das über die eigenen Fähigkeiten hinausreicht: „Ich weiß, dass ich nicht nur solange in der Hand meines Gottes bin, wie ich das formulieren oder fühlen kann. Auch, wenn ich gar nichts mehr kann, bin ich immer noch in seiner Hand. Denn nicht unser Gefühl oder unsere Haltung hat uns erlöst, sondern das Kreuz Jesu. Dadurch habe ich Erlösung und Vergebung erhalten und bin ein Kind Gottes geworden.“
 

Kind Gottes – auch mit Demenz

Die Grundlage des Glaubens ist nicht das, was der Mensch tut, sondern was Jesus getan hat. Daher betont Nobert Rose die Kindschaft Gottes in besonderer Weise. Im Gegensatz zu allen anderen Beziehungen sei eine Eltern-Kind-Beziehung eine absolut verbindliche Beziehung. Egal, was die Kinder oder Eltern auch tun, sie bleiben in dieser verbindlichen Beziehung zueinander.

So ist Nobert Rose überzeugt: „Ich kann es nicht anders verstehen, als dass die Kindschaft im Glauben tatsächlich eine verbindliche, unauflösbare Verbindung zu meinem Gott schafft. Und auch wenn der Mensch alles verliert, was er denken oder formulieren kann oder sogar schuldig wird – er bleibt ein Kind Gottes und die Vergebung Jesu am Kreuz behält seine Gültigkeit.“
 

 Sarah-Melissa Loewen

Sarah-Melissa Loewen

  |  Redakteurin

Sie hat Literatur- und Kulturwissenschaften studiert und war schon immer von guten Geschichten in Buch und Film begeistert. Doch sie findet, die besten Geschichten schreibt Gott im Leben von Menschen. Als Redakteurin erzählt sie diese inspirierenden Lebens- und Glaubensgeschichten. Sie lebt mit ihrem Mann in der schönsten Stadt am Rhein.

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