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09.09.2022 / Wochenrückblick / Lesezeit: ~ 5 min

Autor/-in: Andreas Odrich

Israel – Apartheitsstaat?

Der Freitagstalk des ERF Aktuell-Teams.

 

Der Tod von Königin Elisabeth II ist in diesen Stunden Gesprächsthema Nummer eins. Aber es gab auch andere Ereignisse in dieser Woche, wie zum Beispiel die 11. Vollversammlung des internationalen Ökumenischen Rates der Kirchen, die am Donnerstag in Karlsruhe mit kontroversen Diskussionen zum Ukraine-Krieg und zum Konflikt zwischen Juden und Palästinensern zu Ende gegangen ist, und die den bayerischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm zu ihrem neuen Vorsitzenden gewählt hat.

Außerdem schauen Katja Völkl und Andreas Odrich vom ERF Aktuell-Team auf den Bundespolitiker Wolfgang Schäuble, der anlässlich seines 80. Geburtstages aus seinem christlichen Glauben ähnlich wie die Queen kein Hehl macht.


ERF: Andreas, bis Donnerstag haben sich in Karlsruhe Kirchenvertreterinnen und Vertreter aus der ganzen Welt zum Ökumenischen Rat der Kirchen versammelt.

Andreas Odrich: In dem Fall darf man wohl getrost vor allem von VertreTERN sprechen, denn verfasste Kirche ist „natürlich“ vor allem männlich. Und so kamen rund 3.000 Vertreter aus weltweit rund 350 Mitgliedskirchen und 120 Ländern bis Donnerstag in Karlsruhe zusammen.

Die römisch-katholische Kirche gehört nicht dazu, weil sie sich nach ihrem Verständnis ja als die eigentliche, alleinige christliche Kirche versteht. Auf dem Programm Begegnungen, Gottesdienste, Gebete und Diskussionen.

Kein Dialog

ERF: Ein wichtiger Punkt in der Vorankündigung war, dass man versuchen wollte, die Vertreter der russisch-orthodoxen und ukrainisch-orthodoxen Kirchen zu einem Friedensgespräch an einen Tisch zu bekommen.

Andreas Odrich: Genau eben das ist nicht passiert. Dieser von vielen erhoffte Dialog fand nicht statt.  Der Friedensbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Friedrich Kramer aus Mitteldeutschland, hat dafür durchaus Verständnis. Zunächst müsse es erst einmal einen Waffenstillstand geben.

Dann erst seien Friedensverhandlungen möglich, so Kramer gegenüber dem Evangelischen Pressedienst, epd. Die Kirchen wären schlicht und einfach überfordert, und nicht die richtigen Ansprechpartner, um Friedensverhandlungen zu führen.


ERF: Aber ist es nicht auch eine Art Kapitulation, wenn nicht einmal Christen mehr miteinander an einem Tisch sitzen können, um zu reden?

Andreas Odrich: Ich persönlich bin enttäuscht über diese Nachricht. So berichtet der epd, dass es statt eines Dialogs zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen den Vertretern der ukrainischen und der russisch-orthodoxen Kirchen gekommen sei.

Für mich ist dies ein Beleg dafür, wie Nationalismus in die Irre führt. Als Christen gehören wir bei aller persönlichen Identität und Verwurzelung mit der eigenen Geschichte und dem eigenen Land in erster Linie zum Leib Christi, und der kennt keine politischen und schon gar keine nationalistischen Grenzen.

Insofern bleibt fraglich, welche Botschaft von Karlsruhe 2022 eigentlich ausgehen soll. Dass sich die meisten Kirchenvertreter gut verstanden haben, wie man auch auf einschlägigen Instagram-Posts verfolgen konnte, ist das eine, das Wirken in die Gesellschaft jedoch müsste mehr Priorität haben. 

Israel – Apartheitsstaat?

ERF: Ein Streitpunkt war auch das Verhältnis des Ökumenischen Rates der Kirchen zu den Juden in Israel und den Palästinensern.

Andreas Odrich: Der ÖRK hatte im Vorfeld das Vorhaben geäußert, Israel als einen Apartheitsstaat zu brandmarken. Dies hat man dann durch eine Formulierung in der entsprechenden Resolution versucht, zu entschärfen. So werden in dieser Resolution nunmehr nur noch Institutionen zitiert, „die das Verhalten Israels als Apartheid einstuften.“

Auch hier möchte ich fragen: Ja, was denn nun? Diese Art semantischer Eiertanz macht die Sache nicht besser, dann sollte der Ökumenische Rat der Kirchen wenigstens eindeutig zu seiner Haltung stehen, das wäre ehrlicher. Die Auslandsbischöfin der EKD, Petra Bosse-Huber, sah sich jedenfalls aufgrund des Beschlusses dazu genötigt, ausdrücklich davor zu warnen, „von Israel als einem Apartheitsstaat zu sprechen“.

Sozialeinrichtungen bedroht

ERF: Derweil stecken wir angesichts von Inflation und Ukraine-Krieg weiter im Krisenmodus. Der könnte auch unsere Sozial- und Pflegeeinrichtungen hart treffen.

Andreas Odrich: Davor warnt der Paritätische Gesamtverband in Deutschland. Gas- und Energiepreise könnten sich verzehnfachen, prognostiziert Hauptgeschäftsführer Ulrich Schneider. Deshalb hat er sich in einem Brandbrief an verschiedene Bundesministerien gewandt.

Er sieht eine Insolvenzwelle im Sozialsektor auf uns zurollen. Energiesparen allein reiche nicht aus, um die finanziellen Belastungen aufzufangen, die auf die Einrichtungen zukämen, schreibt Schneider. Es brauche unbedingt staatliche Unterstützung, sonst müsse man mit einem Wegbrechen vieler Sozialversorger rechnen, die die gestiegenen Kosten eben nicht auf ihre Kunden und Klienten abwälzen könnten.

Das C Für Demut

ERF: Hier wäre sicherlich mehr „C“, also mehr Christliches in der Politik gefragt, ganz egal von welcher Partei. Ein Bundespolitiker jedenfalls beruft sich jetzt angesichts seines nahenden 80. Geburtstages am 18. September darauf.

Andreas Odrich: Richtig. Es ist der ehemalige Bundesfinanzminister und Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, mittlerweile dienstältester Abgeordnete des Deutschen Bundestages. „Diese Welt und das Reich Gottes sind zu trennen, und deswegen haben auch Pastoren keine endgültige Gewissheit“, sagte Schäuble in einem Interview mit dem Evangelischen Pressedienst.

Auch sei die Bergpredigt keine Anleitung für Politik. „Das hindert niemanden an dem Versuch, nach der Bergpredigt zu leben“, sagte Schäuble und ergänzte: „Wir müssen allerdings wissen, dass keiner unter uns ohne Sünde ist.“ Gehen wir mal davon aus, dass Schäuble diese Demutshaltung selbst auch ernst nimmt.

Nur EINER bleibt

ERF: Jedenfalls steht sie uns sicherlich allen gut zu Gesicht. Die letzten Worte dieses Talks sollen noch einmal Königin Elisabeth gehören, die gestern nach 70 Jahren Amtszeit im Alter von 96 im Kreise ihrer Familie eingeschlafen ist.

Andreas Odrich: Viele von uns hielten sie fast schon für unsterblich. Gerade in diesen bewegten Zeiten war sie so etwas wie eine Konstante, nach dem Prinzip: Solange sie da ist, dreht die Welt sich weiter. Doch gerade die Queen selbst hat letztes Jahr kurz vor Weihnachten bei einer Bischofskonferenz darauf hingewiesen, wer wirklich im Mittelpunkt steht, und wer die eigentliche Konstante ist. Elisabeth II wörtlich:

Oft fokussieren wir uns auf all das, was sich in all den Jahren verändert. Aber vieles bleibt auch unverändert – wie zum Beispiel das Evangelium von Jesus Christus und seine Lehren.
Königin Elisabeth

ERF: Und mit diesem Zitat wollen wir uns für heute verabschieden. Ob königstreu oder nicht – wir gehen jedenfalls mit Dankbarkeit in dieses Wochenende, dass wir einen Menschen mit Elisabeth II hatten, die für viele Menschen auf der Welt zu einem Vorbild geworden ist.
 

 Andreas Odrich

Andreas Odrich

  |  Redakteur

Er verantwortet die ERF Plus-Sendereihe „Das Gespräch“. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und ist begeisterter Opa von drei Enkeln. Der Glaube ist für ihn festes Fundament und weiter Horizont zugleich.

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