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© Eelco Bohtlingk / unsplash.com

27.01.2022 / Buchrezension / Lesezeit: ~ 7 min

Autor/-in: Hanna Willhelm

„Wir dürfen sie nie vergessen“

In „Mutige Menschen“ stellt Christian Nürnberger Widerstandskämpfer der NS-Zeit vor.

In „Mutige Menschen“ stellt Christian Nürnberger zwölf Männer und Frauen vor, die dem menschenverachtenden Regime der Nationalsozialisten Widerstand entgegengesetzt haben. Außerdem stellt er die Frage, was Leser und Leserinnen heute aus diesen Biographien lernen können.
 

Janusz Korczak, seine Kinder und die mehr als fünf Millionen anderen Opfer zu vergessen, hieße, die Mörder wieder aufleben zu lassen und ihnen den letzten Triumpf zu gönnen. Deshalb dürfen wir sie nie vergessen. Den Holocaust zu leugnen, hieße, die Opfer nachträglich zu verhöhnen. Deshalb werden Holocaust-Leugner zu Recht bestraft in unserem Land. Zu sagen, verschont mich mit diesen alten Geschichten, ich habe damals nicht gelebt, ich trage keine Schuld, ich möchte deshalb endlich aus der Büßerrolle entlassen werden und ein normales Leben führen wie die anderen auch, würde ins Vergessen münden. Es geht nicht mehr um Schuld. Es geht ums Erinnern. Es geht um unsere Solidarität mit den Toten.

Mit diesen Worten beendet der Autor und Theologe Christian Nürnberger die Lebens- oder besser die Sterbensgeschichte von Janusz Korczak. Der jüdisch- polnische Arzt und Leiter eines Waisenhauses hätte der Deportation in ein Konzentrationslager entgehen können, wenn er die ihm anvertrauten Kinder im Stich gelassen hätte. Das wollte Janusz nicht.

Und so ging er im August 1942 gemeinsam mit ihnen ins Vernichtungslager Treblinka. Dort wurden die 200 Kinder und ihr Pflegevater wahrscheinlich vergast. Genaues über ihr Lebensende lässt sich heute nicht feststellen, denn ihre Leichen wurden effizient beseitigt ohne Spuren zu hinterlassen.

Wie wird man Widerstandskämpfer?

Nürnberger erinnert an die vielen Opfer des NS-Regimes, indem er in „Mutige Menschen. Widerstand im dritten Reich“ die Geschichte von zwölf Menschen nachzeichnet, die Widerstand gegen dieses Regime geleistet haben. Darunter sind bekannte Persönlichkeiten wie Dietrich Bonhoeffer, Sophie Scholl und Willy Brandt. Aber auch eher unbekannte Schicksale wie die von Mildred Harnack, Fritz Kolbe oder Irena Sendler kommen zu Wort.

In jedem Portrait geht der Publizist Nürnberger der Frage nach, was passieren muss, damit ein Mensch zum Widerstandskämpfer wird. Woher haben die zwölf Männer und Frauen und ihre Helfer den Mut genommen, sich gegen eine Regierung zu stellen, die mit Angst, Lüge, Täuschung und Terror das deutsche Volk beherrscht hat? Einer Regierung, der viele anfänglich zugejubelt und vor der sich später die meisten weggeduckt haben. 

Die Antworten, die der Journalist auf diese Frage findet, sind verstörend. Denn Nürnberger räumt schonungslos mit der Hoffnung auf, dass uns heute so etwas nicht wieder passieren könnte, dass Bildung, Humanismus oder der christliche Glaube ein wirksames Bollwerk gegen totalitäreres Gedankengut sind:

Propagandaminister Joseph Goebbels „wurde auf einem Gymnasium christlich erzogen, hat später Literatur und Philosophie studiert und galt als der Schöngeist des Hitler-Regimes. Der SS-Führer und Reichsinnenminister Heinrich Himmler war Absolvent des humanistischen Wilhelmsgymnasiums in München. Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess verbrachte seine Schulzeit in einem evangelischen Internat, der SA-Chef Ernst Röhm im humanistischen Maximiliansgymnasium in München.

So könnte man noch viele aufzählen, die christlich-humanistisch erzogen wurden, sich einer erstklassigen Bildung erfreuten und sich trotzdem zu barbarischen Menschen – Schlächtern und Massenmördern entwickelten.“ (Zitat in Auszügen)

Familie und Gleichgesinnte

Was hat die Menschen im Widerstand dann aber geeint, ihnen die Kraft gegeben, gegen die Masse aufzustehen, die begeistert „Heil Hitler“ schrie? Nürnberger bietet auf diese Frage keinen Katalog an Charaktereigenschaften oder Voraussetzungen. Im Gegenteil, er bleibt selbst immer wieder Fragender, ringt mit dem Unfassbaren. Vereinzelt scheinen dann aber doch Zusammenhänge auf, die eine Ahnung davon geben, was die Entwicklung der einzelnen vom „braven Bürger“ zum aktiven Widerstandskämpfer beeinflusst hat.

So spielten Familie und Gleichgesinnte eine tragende Rolle, damit sich der einzelne engagieren und gegen das System wenden konnte. Das kann wie bei Bonhoeffer die eigene bürgerliche Großfamilie gewesen sein, die Zusammenhänge früh erkannt und bei ihren Mitgliedern einen kritischen und wachen Geist geschult hat.

Manchmal war es wie bei Irina Sendler aber auch ein eher loses Netzwerk an Unterstützern. Die junge polnische Sozialarbeiterin rettete gemeinsam mit unbekannten Helfern 2.500 jüdischen Kindern das Leben.

Ein Netzwerk von unbekannten Helfern

In ganz Polen mögen nach der Schätzung des Historikers Feliks Tych etwa 125.000 Polen in irgendeiner Form an der Rettung von Menschenleben beteiligt gewesen sein. Es war also auch der kleine Beitrag, der gebraucht wurde: Das Bereitstellen einer Unterkunft für eine Nacht. Das Beschaffen falscher Papiere. Das Schmuggeln von Information oder Lebensmitteln. Das Spenden von Geld.

Die kleinen Handreichungen dieser unbekannten Menschen leuchten umso heller, weil sie im starken Kontrast stehen zu den viele Menschen, die in und außerhalb von Deutschland zu Helfershelfern des Systems geworden sind. Gleichzeitig macht das Netzwerk an unbekannten Helfern klar, dass Widerstand gegen ein totalitäres System auch auf kleine und unscheinbare Handlungen angewiesen ist.

Wer Mühe damit hat, sich mit den Köpfen der Widerstandsbewegung zu identifizieren, weil ihm das für sich persönlich eine Nummer zu groß erscheint, der findet hier einen gangbaren Weg vorgezeichnet. Was nicht heißt, dass man damit auf der sicheren Seite ist, oder im Falle des Dritten Reiches war. Ab 1943 wurde selbst das Wissen über versteckte Juden mit Straflager geahndet.

Kritische Selbstreflexion

Ein weiterer Aspekt fällt in den Kurzbiographien immer wieder auf. Viele Widerständler haben nicht von Anfang an klar gesehen. Auch viele von ihnen sind anfänglich von Hitler begeistert. Auch sie glauben seiner Propagandamaschine. Dazu gehören etwa der Generalstabsoffizier Claus von Stauffenberg oder Pfarrer Martin Niemöller.

Letzterer erlebt einen inneren Veränderungsprozess, der dazu führt, dass Niemöller, der 1931 die NSDAP noch unterstützt hat, im Jahr 1937 als Gegner des Regimes verhaftet und interniert wird. Schritt für Schritt wird dem Pfarrer klar, warum Hitlers Regierung falsch ist. Je mehr er aber erkennt, desto mehr wird er zum mutigen Gegner. Theologisch prägt ihn dabei interessanterweise eine ganz einfache Frage, die bis heute aktuell geblieben ist: „Was würde Jesus dazu sagen?“

Seine Gegner werfen ihm wegen seines Gesinnungswandels auch nach dem Krieg noch Charakterlosigkeit vor. Ein absurder Vorwurf, den Niemöller selbst so kommentiert: „Dass ich meine Überzeugungen in meinem Leben geändert habe, ich glaube, nicht aus Charakterlosigkeit, sondern weil ich dazu gelernt habe-, dessen schäme ich mich nicht.“

Eine starke innere Überzeugung

Schließlich nennt Christian Nürnberger eine dritte Sache, die für den Entschluss, Hitler notfalls das eigene Leben entgegenzusetzen, zentral gewesen sein dürfte:

So sehr sie [die Widerstandskämpfer] sich auch voneinander unterschieden, so verschieden ihre Herkunft war, so sehr einte sie die Überzeugung, dass so etwas wie ein göttliches oder moralisches Gesetz existiert, das unbedingt gelten muss, koste es auch das eigene Leben.

Für einige Widerstandskämpfer war es tatsächlich der christliche Glaube, der sie zu ihrem Handeln motiviert hat. Für andere war es der Einsatz für die Arbeiterrechte oder der Glaube an eine neue Welt unter kommunistischen Vorzeichen. Bei manchen lässt sich nicht zwingend eine politische oder religiöse Motivation erkennen. Ihnen war es einfach nur wichtig, den Mitmenschen auch als solchen zu behandeln und dem grausamen Morden Einhalt zu gebieten.

Fazit

Wer die zwölf Portraits von Christian Nürnberger liest, versteht, warum Geschichte nicht in Vergessenheit geraten darf, und warum es richtig und wichtig ist, dass wir uns in Deutschland auch fast 90 Jahre nach Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft immer noch damit auseinandersetzen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sonst mit zunehmender zeitlicher Entfernung das Schulterzucken der Gleichgültigkeit immer größer werden dürfte.

Wer aber verhindern möchte, dass er selbst oder seine Kinder jemals das erleben müssen, was zahlreiche Menschen im Dritten Reich durchgemacht haben, der muss die Erinnerung wachhalten.

Deshalb ist es gut, dass es Tage wie den Holocaust-Gedenktag gibt. Jahr für Jahr greift er am 27. Januar zuverlässig in das Rad der Zeit und bringt Bilder und Geschichten hervor, die den Alltag empfindlich stören. Es braucht den Schmerz, das Unfassbare, den Blick auf menschliche Grausamkeit und Leid, um in der Gegenwart wachsam zu bleiben für die Unterdrückung und Geringschätzung anderer Menschen. Um wach zu bleiben für die eigene Anfälligkeit gegenüber Ideologien, totalitären Weltanschauungen und der Feigheit des eigenen Herzens.

Letzteres ist vielleicht das zentrales Anliegen Nürnbergers in „Mutige Menschen“: Keiner sollte sich zu sicher sein, auf welcher Seite des Regimes er gestanden hätte. Der Autor nimmt das auch für sich selbst nicht in Anspruch. Er schreibt: „Ich weiß nicht, ob ich ein Held gewesen wäre.“

Stattdessen möchte Christian Nürnberg mit seinen zwölf Portraits die Aufmerksamkeit auf die Frage lenken, was einen Menschen zum kleinen oder großen Widerstandkämpfer macht, und was das wiederum für die eigene Biographie, das eigene politische und gesellschaftliche Handeln bedeuten kann. Wenn sich ein Leser oder eine Leserin nach der Lektüre des Buches diese Frage stellt, sich dabei vielleicht aucht kritisch selbst hinterfragt, hat der Autor sein Ziel erreicht.
 

 Hanna Willhelm

Hanna Willhelm

  |  Redakteurin

Ist Theologin, Redakteurin und Autorin. Sie findet, dass Theologie keine langweilige Theorie ist, sondern voller Weisheit und Kraft für ein gutes Leben steckt. Diesen Schatz möchte sie in ihren Sendungen und Artikeln mit anderen teilen. Die gebürtige Badenerin lebt mit ihrer Familie in Mittelhessen und liebt Bücher und Schwarzen Tee

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Kommentare (1)

Hans-Rainer P. /

Danke für die gute Info!

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