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© Sabine van Erp / Pixabay

03.03.2021 / Kommentar / Lesezeit: ~ 3 min

Autor: Oliver Jeske

Fremd- statt Selbstbestimmung

Ein Kommentar zur aktuellen Diskussion über Assistierten Suizid.


Was ist, wenn ich unter schlimmsten körperlichen oder seelischen Schmerzen leide und einfach nicht mehr leben will? Das Bundesverfassungsgericht hat Anfang 2020 im Prinzip gesagt: Dann muss es möglich sein, dass mir jemand ein todbringendes Medikament aushändigt. Ulrich Lilie, der Präsident der evangelischen Diakonie in Deutschland,  hat kürzlich zu verstehen gegeben: Auch er kann sich das vorstellen. Dazu ein Kommentar von Oliver Jeske.
 

1989 haben katholische Kirche sowie evangelische Landeskirchen und Freikirchen gemeinsam verlauten lassen: „Gott ist ein Freund des Lebens“. Das ist für mich keine Aussage, die irgendwie losgelöst im Raum steht, sondern deckt sich mit der anderer Experten, die da lautet: Jeder Mensch will eigentlich leben. Der Suizidversuch ist eigentlich immer ein Schrei nach Aufmerksamkeit, damit ich nicht allein gelassen werde in meinem Leid.
 

Ich bin für dich da

Wenn ich das berücksichtige, dann kann meine Haltung eigentlich nur sein: Wenn mir jemand seinen Todeswunsch klagt, muss ich das ernst nehmen. Ich kann ihm versuchen zu helfen, aber nicht, indem ich zum Helfer in den Tod werde, sondern indem ich signalisiere: Ich bin für dich da. Ich lasse dich nicht allein. Wir stehen das gemeinsam durch.
 

Ein Tabubruch

Nun sagt Bundesverfassungsgericht im Kern: Wenn jemand sich das Leben nehmen will, dann muss man das respektieren. Der Bundestag kann also keine Vereine mehr verhindern, die tödliche Medikamente zugänglich machen. Sogar erste Vertreter der evangelischen Kirche schwenken auf diesen Kurs ein und sagen: Wir können uns das auch in unseren Einrichtungen vorstellen.

Für mich ist das ein Tabubruch. Im Moment sind es Menschen in extremen Situationen mit starken Schmerzen, die sagen: Ich kann mich nicht damit abfinden, dass ich so starke Schmerzmittel bekomme, so dass ich faktisch schlafe. Also will ich lieber gleich den Tod.

Doch meine Frage ist: Wer fragt in ein paar Jahren danach, dass ihm jemand das Leben verkürzt?
 

Von der Selbst- zur Fremdbestimmung

Dazu ein Beispiel. Meine Mutter ist jetzt fast 81 Jahre alt. Sie erfreut sich altersentsprechend bester Gesundheit. Es ist klar, dass das jederzeit umschlagen könnte. Befürworter des assistierten Suizids sagen: Wenn die Dame dann aus dem Leben scheiden will, dann soll sie es auch tun können. Das gehört zu ihrer Selbstbestimmung.

Ich aber frage: Ist das tatsächlich Selbstbestimmung, wenn meine Mutter dazu gezwungen wird nachzugrübeln, ob ihre Pflege vielleicht zu teuer werden könnte oder ob sie ihren Verwandten zu Last fällt?

Ich empfinde das eher als fremdbestimmt, weil es auf einmal Erwartungshaltungen aus der Gesellschaft gibt, die nicht gut sind.
 

Sterbehilfevereine werden kommen

Aus meiner Sicht ist das Kind längst in den Brunnen gefallen. Mehr Sterbehilfevereine werden in Deutschland kommen, so oder so. Deshalb sollten wir in die Geschichte der Christenheit schauen: Es gab in allen Jahrhunderten gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Und einzelne glaubensstarke Menschen sind dagegen aufgestanden oder sogar ganze Bewegungen.
 

Die letzte Wegstrecke aushalten

Wie das aussehen könnte? Das lapidare Schwätzchen im Hausflur oder über den Gartenzaun kann auf einmal ganz besonders wichtig werden. Wenn ich mich für meinen Nachbarn interessiere, dann sitzt er vielleicht einmal an meinem Lebensende an meinem Krankenbett, oder ich an seinem, wenn sonst niemand anderes da ist.

Ich kann mich aber auch engagieren in der Telefonseelsorge, wo ich Verzweifelten zuhöre oder in einem Sterbehospiz, wo ich Menschen auf ihrem letzten Weg in dieser Welt beistehe und die letzte schwere Wegstrecke einfach mit aushalte.


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 Oliver Jeske

Oliver Jeske

  |  Redakteur Aktuelles
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Kommentare

´Marie-Luise Z. /

Bei der ganzen Diskussion geht mir eines nicht aus dem Sinn: Wie groß ist der Schritt von der aktiven Sterbehilfe zur Euthanasie?

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