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31.05.2016 / Versöhnung / Lesezeit: ~ 2 min

Autor/-in: Andreas Odrich

Die Soldaten wollten nicht mehr

Vor 100 Jahren fielen 300.000 junge Männer in der Schlacht von Verdun.


Am vergangenen Sonntag gingen die Bilder um die Welt: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Francois Hollande standen bei der nordfranzösischen Stadt Verdun vor einem riesigen Monument, in dem die Gebeine von mehr als 100.000 Soldaten ruhen, die vor 100 Jahren bei einer der blutigsten Schlachten des I. Weltkrieges umgekommen waren. Wir haben mit ERF Redakteur Michael Klein über die Schlacht von Verdun gesprochen.

ERF: Welche Bedeutung hatte Schlacht von Verdun im Jahre 1916?

Michael Klein: Die Generalstäbe Deutschlands und Frankreichs hatten dort auf engstem Raum gewaltige Truppenmassen konzentriert, die zehn Monate lang gegeneinander anrannten, um den Durchbruch durch die gegnerische Front zu erzwingen. Es gab mehr als 300.000 Tote und 600.000 Verwundete auf beiden Seiten. Der Bodengewinn betrug nach diesen Kämpfen kaum ein paar hundert Meter. Damals entstand der Begriff der „Materialschlacht“. Das ist ein ausgesprochen zynisches Wort, wenn man bedenkt, dass das „Material“, das dort geschlachtet wurde, Menschen waren – auf beiden Seiten standen junge Männer.
 

ERF: Kam denn niemand auf die Idee, diesem sinnlosen Schlachten ein Ende zu bereiten?

Michael Klein: Doch – und davon kann man bis heute in keinem Geschichtsbuch lesen. Weder in einem deutschen, noch in einem französischen. Aber die Vorfälle sind belegt und ruhen in den Archiven. Die Franzosen setzten ihre Regimenter nach einem festen Schema ein: Eine Truppe war eine Woche in der Feuerstellung, dann wurde sie – oder vielmehr das, was noch übrig war – eine Woche in die Etappe verlegt. Die Verluste wurden aufgefüllt und dann ging es wieder vor. Genau dagegen wehrten sich die Männer in einigen Einheiten. Sie wollten nicht mehr in diese Vorhölle und nicht in sinnlosen Angriffen sterben. Es kam zu einer Folge von Meutereien. Es wurde alles getan, das zu verschweigen – und zwar bis heute.
 

ERF: Wie bekam die militärische Führung das in den Griff?

Michael Klein: Mit einer menschenverachtenden Methode, die im französischen Militärstrafrecht von Napoleon eingeführt worden war und meines Wissens bis heute noch erlaubt ist – wenn sie auch nicht mehr praktiziert wird: Die so genannte Dezimierung. Aus den betreffenden Einheiten wurde per Losentscheid jeder zehnte Mann herausgezogen und wegen Feigheit vor dem Feind vor versammelter Truppe erschossen.

Die perfide Logik dahinter: Die Wahrscheinlichkeit, beim Angriff im deutschen Trommelfeuer zu fallen, war erheblich höher. Zehn Prozent Verluste ließen sich verschmerzen, die restlichen 90 Prozent wussten, dass sie nur die Wahl zwischen einer deutschen und einer französischen Kugel hatten.
 

ERF: Wie war das auf deutscher Seite?

Michael Klein: Vor zwei Jahren ist ein Buch erschienen, in dem Briefe deutscher Soldaten an die Familien in der Heimat veröffentlich wurden. In vielen war von der Sinnlosigkeit dieses Krieges die Rede und von der Hoffnung, dass Gott den Politikern doch ein Einsehen Schenken möge. Ich erinnere mich an ein Zitat aus dem Brief eines jungen württembergischen Lehrers an seine Eltern.

Er schrieb: „Ich bete jeden Abend, dass dieses sinnlose Sterben endlich aufhört und bitte Euch, das auch zu tun. Ich will doch nur leben. Und im Graben gegenüber liegen junge Männer, die das auch wollen.“
 

ERF: Vielen Dank für das Gespräch.

 Andreas Odrich

Andreas Odrich

  |  Leiter Redaktion Aktuell

Er leitet die Redaktion Aktuelles und Gesellschaft. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und ist begeisterter Opa von drei Enkeln. Der Glaube ist für ihn festes Fundament und weiter Horizont zugleich.

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Kommentare (1)

Norbert D. /

Danke für die Einsichten in unsere deutsche Geschichte. Die Toten Männer auf beiden Seiten kehren nicht mehr in unser Leben zurück. Kriegerische Auseinandersetzungen sind ja auch heute noch an der mehr

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