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© SCM Hänssler

08.11.2012 / Filmrezension / Lesezeit: ~ 4 min

Autor/-in: Hanna Willhelm

Amish Grace

Kann man dem Mörder seiner Kinder verzeihen? In „Wie auch wir vergeben“ tut ein ganzes Dorf das. Die Geschichte vom Amoklauf in Nickel Mines als Film.

Der Amoklauf von Nickel Mines ging im Oktober 2006 auch in Deutschland durch die Presse: Der 32-jährige Amerikaner Charles Roberts erschießt in der kleinen Schule eines amischen Dorfes fünf Mädchen und anschließend sich selbst. Als Motiv nennt er Hass auf Gott. Auch sexuelle Perversionen scheinen eine Rolle zu spielen, denn Roberts wollte die Mädchen ursprünglich missbrauchen. Dazu kommt es jedoch nicht, weil die Polizei überraschend schnell am Tatort auftaucht. Das Blutbad kann sie aber nicht verhindern.

Was in den Tagen nach dem Amoklauf in den deutschen Medien im Gegensatz zu der Berichterstattung in den Staaten kaum Beachtung fand, war die Reaktion der betroffenen Familien: Die Opfer beschließen als Gemeinschaft, dem Mörder zu vergeben und unterstützen seine Witwe und ihre drei Kinder. Auf dieser wahren Begebenheit beruht der 2010 in den USA erschienene und nun auch in Deutschland erhältliche Film „Wie auch wir vergeben – Amish Grace“.  

Deutsche und US-amerikanische Presseberichte über das Massaker in Nickel Mines und die Reaktion der Amischgemeinschaft:

Spiegel
Focus
The Washington Post
US Time
NPR Radio Station
Pittsburgh Post Gazette

Die Handlung

Im Mittelpunkt des Filmes steht das erfundene Ehepaar Graber mit seinen beiden Töchtern, von denen eine später getötet wird. Die Familie steht dabei stellvertretend für die wirklichen Opfer. Die ersten Szenen von "Wie auch wir vergeben" geben einen Einblick in das Leben der Grabers und der traditionsgebundenen Gruppierung. Es wird klar: Feindesliebe und Vergebung haben in der Geschichte der Bewegung immer eine Rolle gespielt. Parallel dazu beobachtet der Zuschauer die akribischen Vorbereitungen des Amokläufers und lernt seine Frau Amy und seine Kinder kennen.

Der dann folgende Amoklauf wird nur angedeutet und nicht in Details gezeigt. Der Fokus liegt auf dem Warten der Familien, die nicht wissen, ob ihre Mädchen überlebt haben. Noch während dieser bangen Stunden beschließen einige der Gemeindeältesten und Gideon Graber, die Witwe des Täters aufzusuchen. In einem kurzen Besuch trauern sie mit Amy über den Verlust ihres Mannes und bieten ihr Hilfe an. Ihre Botschaft: Wir wollen nicht, dass Hass die Oberhand gewinnt.

Es ist diese Handlung, die das Ehepaar Graber in der weiteren Filmhandlung zu entzweien droht: Ida kann und will den Schritt ihres Mannes nicht nachvollziehen, wirft ihm Verrat an der ermordeten Tochter vor. Während die anderen betroffenen Familien versuchen, ihren Verlust zu verarbeiten und gleichzeitig vergebungsbereit zu sein, zweifelt Ida immer stärker an ihrem Glauben und der Vorgehensweise ihrer Gemeinschaft. Sie ist nicht bereit, „ihre Tochter wie ein demütiges Schaf auf dem Altar des Glaubens zu opfern“ und beschließt, ihren Mann und die Amischgemeinde mit Hilfe einer Reporterin zu verlassen. Die neugierige und zugleich einfühlsame Journalistin scheint Ida in ihrer Verzweiflung die einzige Verbündete zu sein. Erst als die Mutter Details über den Tod ihres Mädchens erfährt, wird sie fähig ebenfalls zu verzeihen.

Stärken und Schwächen von Wie auch wir vergeben

Wie auch wir vergeben“ kommt ohne viel Pathos und Action aus. Die Handlung umfasst nur wenige Tage und kristallisiert sich brennpunktartig in den Dialogen der Hauptpersonen. Glaubwürdig spiegeln die Rollen von Ida und Amy darin die Zweifel wieder, die der Zuschauer angesichts der schnellen Vergebungsbereitschaft der Amischen selbst empfindet: Wie kann man einem Menschen vergeben, der so etwas getan hat? Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Die Frage, wie Gott das Unglück zulassen konnte, wird in den teils heftigen Wortgefechten ebenfalls berührt.

Überzeugend sind allerdings auch die Antworten von Gideon und einigen anderen Amischen auf diese Anfragen. Sie machen deutlich, dass es zur Vergebung letztlich keine Alternative gibt, will man nicht selbst von Hass und Bitterkeit zerfressen werden. Diese komprimierten Aussagen der schlichten Gläubigen sind das Herzstück des Filmes und berühren den Zuschauer. Trotz seiner Zweifel und dem Ringen um Vergebung im eigenen Leben, spürt er, dass hier eine tiefe Wahrheit ausgesprochen wird.

Kritik an der Verfilmung von Amish Grace: