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Radiosendung für türkische Jugendliche

Türkische Jugendliche haben eine schwierige Rolle zu spielen. Ein Radioprogramm fragt, wie es ihnen hinter den Kulissen geht.

Leistung, Leistung und nochmals Leistung

Nennen wir sie Gamze; sie ist 15 Jahre alt. Eigentlich liebt sie es, schwimmen zu gehen. Doch wenn man sie fragen würde, wann sie das letzte Mal  diesem Hobby nachgegangen ist, wird sie sich schon nicht mehr daran erinnern können. Denn seit gut einem Jahr muss sie pauken, tagein, tagaus. Man sagt ihr immer: „Was dir jetzt sehr wichtig sein sollte ist, gute Noten in der Schule zu haben.“ Denn der Ansturm von gleichaltrigen und gleichfähigen Mitbewerbern auf die wenigen begehrten Plätze der Gymnasialstufe ist hoch. Wer nicht mitkommt, wird schnell gegen einen anderen Schüler ausgetauscht, denn das Durchschnittsalter der türkischen Bevölkerung beträgt nur 29 Jahre (2011) (zum Vergleich: in Deutschland 43 Jahre). Die Eltern daheim erwarten äußersten Einsatz und beste Leistungen im Wettbewerb der Besten, denn die Zulassungsprüfungen für die gymnasiale Klassenstufe “lise“ lassen sich nur mit größtem Durchhaltewillen und voller Konzentration bestehen. Auf der anderen Seite stehen viele ihres Alters ohne fundierte Ausbildung da und gehörten 2010 zu den 25% türkischer Jugendlicher ohne Arbeit.

Vom Schreibtisch ins Freitagsgebet

Neben den vielen Prüfungen und Hausaufgaben geht es freitags und zu den Festtagen in die Moschee. Das gehört zum guten Ton, denn 99% der Türken sehen sich als Muslime. Die türkische Nationalität zu besitzen bedeutet faktisch gleichzeitig Muslim zu sein. Doch in der Schule werden den Schülern ganz andere Werte vermittelt, die sie in einer Zerreißprobe zwischen Öffentlichkeit und Familie aufwachsen lassen.

Erben des Islam und gleichzeitig Zukunft der Nation

Schon von der Grundschulzeit an wird den Jugendlichen der Stolz auf die türkische Republik nahe gebracht – darunter die Errungenschaften des Laizismus (Trennung von Kirche und Staat), der republikanischen Ordnung - und der Religionsfreiheit. Die Staatsgründung 1923 durch Mustafa Kemal wälzte gesellschaftliche Werte aus der Zeit des osmanischen Reiches komplett um. Galt vorher noch das Wort des Sultans und der Kalifen geeint durch den Islam als gemeinsame Religion und Norm, so schuf die Republik ein völliges neues Staatssystem, in dem Frauen wie Männer den Staatspräsidenten wählen und Religion zur Privatsache erklärt wurde. Unter der Parole “Ne mutlu türküm diyene“ – „Wie glücklich derjenige, der sagt: Ich bin Türke!“ versuchten Kemal und seine Minister den Vaterlandsstolz auf die neue Nation zu fördern und Althergebrachtes als überholt zu erklären. Dennoch hat es sich das türkische Volk nicht nehmen lassen, stark an seinen islamisch geprägten Wurzeln aus dem osmanischen Reich festzuhalten. Der Staatsgründer Kemal mag bis heute den Kosenamen Atatürk – Vater der Türken – tragen, doch die türkische Identität hat er nicht neu erfinden können.

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Wo stehe ich?

Gewachsen ist daraus ein gesellschaftlicher Zwiespalt der Werte, mit dem heute besonders die Heranwachsenden zurechtkommen müssen: In der Öffentlichkeit sollen sie bis zu ihrem 18. Lebensjahr keine religiöse Beeinflussung erfahren, wohingegen ihre Familie islamische Werte pflegt und lebt. Sind sie auf dem Schulhof noch die Zukunft für die türkische Nation, treten sie mit dem Umdrehen des Schlüssels an ihrer Haustür in die Welt der Jahrhunderte alten Gepflogenheiten ihrer Familie ein. Wer steht ihnen zur Seite bei diesem Balanceakt zwischen den wachsenden Ansprüchen der Schule, dem politisch geprägten öffentlichen Leben und den religiösen Traditionen ihrer Familie daheim?

Radiosendung mit Gesprächsbedarf

Arslan (Name geändert) ist 20 Jahre alt. Er möchte Journalist werden und studiert jetzt an der Universität. Seine Familie weiss noch nicht, dass er ein Kind Gottes ist, weil sein Vater bei der Armee ist und für die Regierung arbeitet. In zwei Jahren erreicht sein Vater das Pensionsalter. Bis dahin möchte Arslan warten mit seiner Mitteilung. Er ist ein regelmässiger Hörer des Jugendprogramms und sagt, dass er die Moderatorin der Sendung wie eine Schwester oder Mutter empfindet. Die Geschichten in den Sendungen helfen ihm bei der Bewältigung seiner Alltagsprobleme und dabei, die Bibel besser zu verstehen.

Zusammen mit anderen Organisationen und Kirchengemeinden sendet unser Partner TWR fünfmal wöchentlich eine einstündige Radiosendung, die auf die allgegenwärtige Zerreißprobe der Jugendlichen zwischen Schule, Gesellschaft und Familie eingeht. Die Moderatoren der Sendung sprechen ihre jungen Hörer als Person an – nicht als Leistungserbringer. Neben Musikbeiträgen bilden persönliche Lebensberichte verschiedener Radiogäste einen zentralen Programmpunkt. Sie geben einen ehrlichen Einblick in den Umgang mit Krisen, Schwäche und Selbstannahme und möchten den jugendlichen Hörern Wege zeigen, trotz aller Schwierigkeiten nicht aufzugeben. Zudem lernen sie Jesus Christus als denjenigen kennen, aus dem sie ihren Lebensmut schöpfen können.

Die Sendungen handeln von der Liebe Gottes, der sich um ihre Ängste, ihre Einsamkeit und ihre alltäglichen Sorgen kümmern möchte. Mit inhaltlichen Fragen an die Hörerschaft regt der Moderator zur Mitgestaltung der Sendung an. Daraus entwickeln sich lebensnahe Gespräche, die bei den Jugendlichen gut ankommen: TWR verzeichnet stetig steigende Einschaltquoten. Die Sendung kann potentiell von über 15 Millionen Menschen gehört werden. Vielleicht ist darunter auch Gamze, die für die vielen Frauen der zukünftigen Türkei steht?

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