© A Jones / flickr CC BY-ND 2.0

Erwarten wir von Terroristen, dass sie zu ihrem Wort stehen?

Der Radiopartner des ERF in Kenia zieht Konsequenzen aus dem Attentat in Garissa.

Es ist der bislang verheerendste Anschlag der radikal-islamischen Al-Shabaab-Miliz in Kenia gewesen: 147 Studenten sind an Gründonnerstag in Garissa ums Leben gekommen. Die Attentäter machten gezielt Jagd auf christliche Studenten. Wie sicher können sich Christen in Garissa noch fühlen? Unter anderem befindet sich in dieser Stadt eine kleine Sendestation unseres kenianischen Partners TWR. Theresa Folger hat mit der Leiterin von TWR Kenia gesprochen. Bernice Gatere arbeitet in der TWR-Kenia-Zentrale in Nairobi.

ERF Medien: Der Anschlag auf die Studenten war nicht der erste Terroranschlag in Garissa. Warum ist die Gegend so gefährdet?

Bernice Gatere: Wenn Sie sich die Landkarte von Kenia anschauen, liegt Garissa genau auf der inoffiziellen Grenze zwischen dem muslimischen Norden von Kenia und dem christlichen Süden. Viele Jahre lang haben die Muslime den Norden als ihr Territorium gesehen. Die meisten Einwohner in dieser Gegend sind Muslime somalischen Ursprungs. Deshalb sind Nichtmuslime und besonders Christen dort nicht willkommen. Die Kirche in Garissa leidet seit langem darunter, und die Anschläge haben in den letzten Jahren zugenommen.

ERF Medien: Wie haben Sie selbst auf die schreckliche Nachricht des Terroranschlags reagiert?

Bernice Gatere: Ich war in keiner Weise darauf vorbereitet. Als die Nachricht kam, habe ich laut aufgeschrien und bitter geweint, weil so viele junge Leben verloren waren. Ich bin selbst Mutter von zwei Teenagern und wusste, die Toten sind kaum älter als meine eigenen Kinder. Ich habe mich gefragt: Warum begraben wir unsere Zukunft? In dem Moment wurde mir schmerzhaft bewusst, dass Kenia wirklich im Krieg mit der Al-Shabaab-Miliz ist. Bei uns gibt es ein Sprichwort: In Zeiten des Friedens begraben Söhne ihre Väter, aber in Zeiten des Kriegs begraben Väter ihre Söhne und Töchter.

TWR-Mitarbeiter waren dem Terror unmittelbar ausgesetzt

© B. Gatere, TWR Kenia

ERF Medien: TWR Kenia hat einen Lokalsender in Garissa, wo der Anschlag stattgefunden hat. Wie geht es dem Team dort?

Bernice Gatere: Unsere Reporter waren die ersten vor Ort. Sie haben für einige internationale Medien berichtet, bevor diese ihre eigenen Reporter schicken konnten. Aber einige von ihnen sind durch den Anschlag traumatisiert. Sie werden von ihren Familienmitgliedern stark unter Druck gesetzt, dass sie ihren Job aufgeben. Das ist ein Gebetsanliegen, denn unsere Mitarbeiter sind junge Männer und Frauen, die diesem Terror unmittelbar ausgesetzt waren. Sie dienen Gott aus vollem Herzen, aber ihre persönliche Sicherheit darf deswegen nicht ignoriert werden.

ERF Medien: Welche politischen Konsequenzen werden aus dem Anschlag gezogen?

Bernice Gatere: Die Atmosphäre in Kenia ist sehr angespannt. Die Menschen sind wütend, frustriert und panisch. Nach diesem Anschlag stellen wir uns alle dieselbe Frage: Ist der kenianische Militäreinsatz in Somalia der Grund für den Terror der Al-Shabaab? [Anm. d.R.: Seit 2011 sind kenianische Truppen in Somalia stationiert, um die radikal-islamistische Al-Shabaab zurückzudrängen.] Unsere Regierung hat uns aber daran erinnert, dass es schon vor der Truppenstationierung islamistische Terroranschläge in Kenia gegeben hat. Wenn die Terroristen also sagen, dass sie nach dem Abzug unserer Truppen keine Anschläge mehr verüben, sollten wir uns fragen: Erwarten wir wirklich von Terroristen, dass sie zu ihrem Wort stehen? Und wenn es ihnen wirklich um den Militäreinsatz geht: Warum attackieren dann unschuldige Studenten anstelle von Regierungseinrichtungen?

Außerdem kann der Terror nur effektiv bekämpft werden, wenn die Korruption in den Griff bekommen. Die Terroristen haben offensichtlich Geschäftsinhaber vor Ort bestochen, die ihnen Unterschlupf gewährt und ihre Waffen aufbewahrt haben.

Unser Radiosender ist in Gefahr

ERF Medien: Wieweit beeinträchtigt der Anschlag die Beziehung zwischen Christen und Muslimen?

Bernice Gatere: Natürlich belasten diese Anschläge die Beziehung untereinander. Die Christen sind frustriert und wütend. Zunehmend werden christliche Kirchen von Islamisten angegriffen. Dabei herrscht in unserem Land Religionsfreiheit. Die Gemeindeleiter vor Ort sind sich bewusst, dass die Terroristen eigentlich einen Religionskrieg anzetteln wollen. Sie haben die Christen zur Vergebung aufgerufen und dazu, auch in Verfolgung stark zu bleiben. Die ersten Studenten, die ermordet wurden, waren frühmorgens zum Beten zusammengekommen. Letzte Woche hat ein junger Student bei einer Gedenkfeier gesprochen. Er hat gesagt, das 70% der Kontakte in seiner Telefonliste nun tot sind.

Es ist definitiv eine traumatisierende und sehr schwierige Zeit für die Christen. Aber wir beten, dass wir als der Leib Christi stark bleiben. Wir beten, dass durch den Tod dieser Studenten viele Menschen zum Glauben kommen und die Kirche in Garissa wächst.

ERF Medien: Wie geht es mit Ihrem Sender in Garissa weiter? Haben Sie über eine Schließung nachgedacht?

Bernice Gatere: Wir sind uns bewusst, dass unser Radiosender in Gefahr ist, und dass wir nur durch Gottes Gnade dort ausstrahlen können. Wir achten sehr darauf, dass wir keine provozierenden Inhalte bringen. Wir konzentrieren uns auf Programme, in denen es um Versöhnung geht. Das stärkt den Zusammenhalt. Schon vor dem Angriff haben wir regelmäßig muslimische und christliche Geistliche in unser Studio eingeladen. Wir diskutieren darüber, wie wir als Christen und Muslime harmonisch zusammenleben können. Nach dem Anschlag haben die Geistlichen ihre Glaubensgemeinschaften über unseren Sender aufrufen, trotz der schrecklichen Ereignisse untereinander Frieden zu halten.

Trotzdem haben wir darüber nachgedacht, den Radiosender in Garissa zu schließen. Seit einiger Zeit suchen wir nach Möglichkeiten, um unser Programm von Nairobi aus per Satellit auszustrahlen. Damit wird die Arbeit für unser Team sehr viel sicherer. Allerdings wird die Ausstrahlung sehr viel teuer. Die Finanzierung der Satellitenausstrahlung ist ein Gebetsanliegen.

ERF Medien: Vielen Dank für das Gespräch!

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