© Christian Meyer/Café Hope

Ein Zufluchtsort im „deutschen Dschungel“

Café Hope in Gießen bietet Flüchtlingen Deutschunterricht und ein offenes Ohr. Und wird für viele ein Stück Heimat.

ERF Online: Ella, du hast ein Jahr lang im Café Hope in Gießen mitgearbeitet. Was ist das Besondere daran?

Ella Friesen: Café Hope ist kein öffentliches Café, sondern eine Anlaufstelle für Flüchtlinge. Neben Kaffee und Keksen bieten wir an vier Nachmittagen in der Woche Deutschkurse an. Im Anschluss gibt es eine kleine kulturelle Einführung darüber, was die Flüchtlinge in Deutschland erwartet. Außerdem muss jeder Flüchtling zu einer Anhörung, in der er seine Gründe für den Asylantrag darlegt. Wir geben Tipps für die Vorbereitung dieser Anhörung und helfen auf Anfrage auch mit Rechtsberatung. 

ERF Online: Wie bist du zu Café Hope gekommen?

Ella Friesen              © privat

Ella Friesen: Ich habe nach einer Möglichkeit gesucht, mehr in Kontakt mit Ausländern zu kommen. Auf Café Hope bin ich über meine Gemeinde gestoßen, die Freie Evangelische Gemeinde (FeG) Gießen. Sie koordiniert das Projekt, das ausschließlich von ehrenamtlichen Mitarbeitern getragen wird. Ich fand das spannend und habe angefangen mitzuarbeiten.

ERF Online: Wie erfahren die Flüchtlinge von der Café-Arbeit?

Ella Friesen: In Gießen gibt es eine Erstaufnahme-Einrichtung für Flüchtlinge. Dort fahren wir regelmäßig hin und verteilen Flyer vor dem Eingang. Außerdem läuft viel über Mund-zu-Mund-Propaganda. Die Flüchtlinge empfehlen Café Hope untereinander weiter. Sie fühlen sich dort wohl.

Die Flüchtlinge sind sehr interessiert am Unterricht

ERF Online: Wie läuft der Deutschunterricht ab?

Ella Friesen: Der Unterricht ist in zwei bis drei Gruppen für Anfänger und Fortgeschrittene aufgeteilt. Ich habe eine Anfängergruppe übernommen. Anfangs hatte ich etwas Hemmung, weil ich noch nie Deutsch unterrichtet habe. Aber die Café-Besucher sind sehr interessiert am Deutschlernen. Der Unterricht findet teilweise auch auf Englisch statt, weil es die Sprache mit der größten Überschneidung ist. Trotzdem passiert es, dass mich jemand frustriert anschaut, weil er nichts versteht. Besonders schwierig ist es, wenn jemand Analphabet ist. Aber die Flüchtlinge versuchen, so viel vom Unterricht mitzunehmen wie möglich.

ERF Online: Woher kommen die Menschen, die du bei Café Hope triffst?

Ella Friesen: Das ist ganz unterschiedlich. Viele stammen aus Afghanistan, Syrien und Eritrea. Aber auch aus dem Irak, Iran und Pakistan sind Menschen geflohen. Es ist eine bunte Truppe, die zu etwa neunzig Prozent aus Männern besteht. Auch der Bildungsstand ist sehr unterschiedlich. Man merkt zum Beispiel den Leuten aus Afghanistan an, dass dort seit vielen Jahren Krieg herrscht. Sie haben keine ordentliche Schulbildung erhalten. Die Flüchtlinge aus Syrien oder dem Iran hingegen sind oft sehr gut ausgebildet.

Viele wollen später wiederkommen

ERF Online: Was für einen Eindruck haben die Flüchtlinge von Deutschland?

Ella Friesen: Das ist sehr unterschiedlich. Viele Flüchtlinge sind es nicht gewohnt, in einer ländlichen oder kleinstädtischen Umgebung zu leben. Daher sind sie frustriert, dass sie nicht in einer Großstadt untergekommen sind. Manche rufen zu Hause an und beschweren sich, dass sie im Dschungel gelandet seien. Sie müssen sich erst an die neue Situation in Deutschland gewöhnen.

Café Hope ist für viele ein Zufluchtsort geworden. Viele möchten gar nicht an einen anderen Ort transferiert werden, weil sie bei uns ein kleines Stück Heimat gefunden haben. Aber im Gießener Asylheim bleiben die Flüchtlinge in der Regel nur vier Wochen, bis ihre Anhörung erfolgt ist. Dann werden sie auf andere Orte verteilt und können Café Hope oft nicht weiter besuchen. Daher ist die Fluktuation bei uns sehr hoch. Viele Flüchtlinge äußern aber den Wunsch, uns später einmal zu besuchen.

ERF Online: Wieviel erfährst du von der persönlichen Geschichte der Einzelnen?

Ella Friesen: Das hängt davon ab, wie weit ich mit den Leuten persönlich sprechen kann. Von manchen erfahre ich gar nichts, weil sie nur ein einziges Mal da sind oder ich mich nicht mit ihnen verständigen kann. Von anderen erfahre ich mehr. An Silvester zum Beispiel haben wir bei Café Hope mit einigen Flüchtlingen zusammen gefeiert. Dabei habe ich einen jungen Mann kennengelernt, der schwer depressiv war. Er hat mitansehen müssen, wie sein Vater ermordet wurde. In den wenigen Wochen, die er zu uns gekommen ist, hat er sich sehr positiv verändert. Nach kürzester Zeit konnte er sich sogar auf Deutsch mit mir unterhalten. Das hat mich sehr überrascht, denn anfangs konnten wir uns gar nicht verständigen.

Viele sind bewegt davon, dass Gott sie liebt

Asyl in Deutschland: In den letzten Jahren ist die Zahl der Asylanträge in Deutschland massiv angestiegen. Waren es 2006 noch 30.000 Anträge im gesamten Jahr, stellten allein im Juli 2014 fast 20.000 Menschen einen Asylantrag. Insgesamt baten im ersten Halbjahr 2014 100.000 Menschen um Asyl. Ungefähr 1700 Menschen warten im Erstaufnahmelager Gießen auf ihre Anhörung zum Asylverfahren oder einen Umzug. Die meisten stammen aus Eritrea, Syrien, Afghanistan, Somalia und Serbien. Die meisten bleiben nur ungefähr vier Wochen. Jeden Tag verlassen 20 bis 50 Flüchtlinge die Einrichtung, um dauerhaft in einer Kommune unterzukommen.

ERF Online: Die Caféarbeit wird von der FeG Gießen koordiniert. Wie wirkt sich das auf die Inhalte aus, die ihr vermittelt?

Ella Friesen: Zum einen laden wir die Asylbewerber zum Gottesdienst ein und holen sie dafür ab, wenn sie dies wünschen. Außerdem stellen wir jeden Donnerstag nach dem Unterricht ein abwechslungsreiches Programm zusammen: Zuerst essen wir gemeinsam Pizza, anschließend gibt es christliche Lieder und eine Andacht. Der Abend endet offen mit der Möglichkeit, Fragen zu der gehörten Botschaft zu stellen oder auch Rechtsberatung in Anspruch zu nehmen. In diesem Rahmen gibt es mehr Möglichkeit, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen.

ERF Online: Wie kommt das bei Leuten an, die keinen christlichen Hintergrund haben?

Ella Friesen: Das ist sehr unterschiedlich. Manche Muslime verlassen sofort den Raum, wenn die Andacht beginnt. Andere bleiben und sind berührt. Sie sagen: „Es gibt einen Gott, der uns so liebt, wie wir sind?“ Manche sind so bewegt, dass sie anfangen zu weinen. Einige haben sich auch schon taufen lassen.

ERF Online: Was nimmst du für dich persönlich aus dieser Arbeit mit?

Ella Friesen: Zum einen finde ich diese Initiative klasse. Wir sind ein vergleichsweise großes Team und der Teamgeist ist super. Wenn ich anderen davon erzähle, bekomme ich oft anerkennendes Feedback. Viele wissen nicht, wie groß die Arbeit ist. Jeden Tag kommen zwischen 60 und 100 Personen ins Café. Auch die Begegnungen mit den Flüchtlingen waren für mich sehr wichtig. Ihre Geschichten zu hören und mit ihnen Beziehungen aufzubauen hat meine Berührungsängste und Vorurteile abgebaut.

ERF Online: Vielen Dank für das Gespräch!


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