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Drei Jahre nach der Dreifachkatastrophe

Am 11. März 2011 hat sich Japan durch die Dreifach-Katastrophe für immer verändert. Noch heute haben 300.000 Menschen keine Wohnung. Ein Erfahrungsbericht.

Konnichiwa, mein Name ist Melanie, ich bin zwanzig Jahre alt und absolviere gerade einen internationalen Jugend-Freiwilligen-Dienst (IJFD) in Japan. Mein Team arbeitet im Krisengebiet um Kesennuma im Nordosten des Landes. Japan ist mir nicht fremd, denn ich habe meine ersten sechs Lebensjahre mit meinem Eltern auf der Nordinsel Hokkaidō verbracht. Hier auf Honshu lerne ich Japan aber kulturell, landschaftlich und sprachlich nochmal ganz anders kennen. Außerdem darf ich jeden Tag neu Gottes Liebe für Japan erkennen.

300.000 Menschen leben in Containerstädten

Inzwischen sind schon drei Jahre seit dem großen Erdbeben am 11. März 2011 in Japan vergangen. Die dadurch ausgelöste Tsunamiwelle hatte die ganze Küstenregion im Osten zerstört und fast 20.000 Menschenleben gefordert. Noch immer wohnen ungefähr 300.000 Menschen in Containerstädten, den sogenannten Kasetsu.

Die Wohnbedingungen in den Übergangswohnsiedlungen sind sehr provisorisch: enger Raum, wenig bis keine Privatsphäre und kaum Isolierung. „Im Winter ist es unheimlich kalt und die Wände sind viel zu feucht! Man kann noch nicht mal ein Poster an die Wände hängen,“ erzählte uns ein junges Mädchen. In zwei Jahren sollten die Kasetsu eigentlich wieder abgebaut werden, doch es herrscht ein enormer Wohnungsmangel. Um neues Bauland für Wohnungen zu schaffen, werden Berge abgetragen. Die darauf entstehenden Wohnungen werden zwischen den Bewohnern der Übergangswohnsiedlungen verlost, weil sie längst nicht für alle ausreichen. Die Wohnungsmiete für die glücklichen Gewinner richtet sich dann nach ihrem Einkommen.

Bis es soweit ist, müssen die Menschen in den Kasetsu ausharren. Die anfangs herrschende Einheit wandelt sich unter den Nachbarn teilweise in Neid um, denn manchen Bewohnern geht es dank der Unterstützung durch Verwandte oder Bekannte besser als anderen.

Dankbar für jede kleine Hilfe

Reisverteilung.     © Privat
Melanie ist rechts im Bild.

Um die Menschen auf andere Gedanken zu bringen, veranstaltet unser Team in den Versammlungsräumen der Kasetsu regelmäßige Cafés. Dort können die Leute miteinander in Kontakt kommen und sich austauschen, da das in ihren engen Häusern oft nicht möglich ist. Mit Kaffee, Tee und Waffeln gewappnet empfangen wir zwischen zehn und fünfundzwanzig Menschen, je nach Größe der Übergangswohnsiedlung. Neben dem leiblichen Wohl sorgen wir auch für eine kleine Aktion wie Karten basteln, backen oder Spiele. Vor allem aber nehmen wir uns Zeit für die Menschen und haben ein offenes Ohr für sie.

Es erstaunt mich, wie offen die Leute von ihren Erlebnissen erzählen und unglaublich dankbar für jede kleine Hilfe sind. Herr S. zeigte uns Fotos von seiner Familie, die fast komplett durch den Tsunami ums Leben kam. Jetzt muss er sich allein um seine beiden Enkel kümmern. Und trotzdem ist er uns gegenüber lebensfroh und offen.

Wir können auch ganz praktisch helfen: So verteilen wir unter den Kasetsu-Bewohnern regelmäßig Reispakete. Diese werden von einem christlichen Baseballspieler der japanischen Mannschaft Hanshin Tigers gesponsert. Er unterstützt das Katastrophengebiet nach jedem gewonnenen Spiel mit 50 Kilo Reis. Diese kaufen wir bei den Bauern in der Umgebung und schreiben einen ermutigenden Bibelvers oder Spruch auf die Reispäckchen.

Kleine Impulse weitergeben

Die Caféarbeit ist für uns eine Brückenarbeit zu den vor Ort liegenden Gemeinden. Nur knapp 0,5% der 128 Millionen Japaner sind Christen, die meisten gehören dem Buddhismus und Shintoismus (Ahnenverehrung) an. Wir sind nicht hier, um offensiv zu evangelisieren. Doch wir geben den Menschen kleine Impulse weiter, wenn sie offen dafür sind. Die christlichen Feiertage eignen sich dafür besonders gut. So nutzen wir die Osterzeit nicht nur zum Ostereier bemalen und Osterhasen basteln, sondern wir möchten interessierten Besuchern auch die eigentliche Bedeutung von Ostern erklären.

Eine Bereicherung für beide Seiten

Der neunmonatige IJFD-Einsatz wird von der Liebenzeller Mission koordiniert und von ERF Medien finanziell unterstützt. Das Freiwilligenteam ergänzt den Dienst der Kirchen vor Ort durch soziale und praktische Arbeit. Dabei arbeiten sie mit dem 3.11 Iwate Church Network zusammen.

Der Einsatz hat mich bis jetzt unglaublich bereichert. Wir können den Leuten nicht nur etwas bringen, sondern werden selbst mit einer großen Freundlichkeit und Gastfreundschaft beschenkt. Regelmäßig stecken uns die Kasetsu-Bewohner Lebensmittel und Handarbeiten zu. Auch außerhalb der Übergangswohnsiedlungen bekommen wir viele positive Rückmeldungen für unseren Einsatz. Als wir uns mit einer völlig fremden Frau darüber unterhielten, brachte sie uns keine fünf Minuten später eine Tüte mit verschiedenen Getränken – als kleines Dankeschön, dass wir die Leute nicht vergessen haben im Krisengebiet.

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