/ Bibel heute
Meine Worte oder Gottes Worte
Der Bibeltext Psalm 52 – ausgelegt von Udo Schnell.
Eine Unterweisung Davids, vorzusingen, als Doëg, der Edomiter, kam und zeigte es Saul an und sprach: David ist in Ahimelechs Haus gekommen. Was rühmst du dich der Bosheit, du Tyrann, da doch Gottes Güte noch täglich währt?
Dieser Psalm ist kein „netter“ Psalm. Er ist scharf. Denn der Psalm stammt aus der Zeit, als Saul noch König ist und David verfolgt und ihm nach dem Leben trachtet – nachzulesen im 1. Samuel-Buch ab Kapitel 21.
In dem Psalm wendet sich David gegen einen Menschen, der mit Worten und Taten zerstört und sich dabei sicher wähnt. Der Edomiter Doeg nimmt am Hof Sauls eine hohe Stellung ein – er verrät die Priester des Herrn, später bringt er sie auf Befehl Sauls sogar eigenhändig um. Ein Mann, der zuerst andere mit Worten verrät und damit Gewalt in Gang setzt.
Der Psalm arbeitet mit einem starken Kontrast: Auf der einen Seite der „starke Mann“, der sich seiner Bosheit rühmt, seine Zunge als Waffe gebraucht, auf Reichtum vertraut. Auf der anderen Seite der Beter, der sagt: „Ich aber bin wie ein grünender Ölbaum im Hause Gottes; ich vertraue auf Gottes Güte immer und ewig.“
Zwischen diesen beiden Gestalten spannen sich meine Gedanken. Drei Aspekte hebe ich hervor:
1. Die zerstörerische Kraft der Worte
Der Psalm beschreibt die Zunge des Bösen mit drastischen Bildern: Sie ist wie ein scharfes Werkzeug, sie trachtet nach Verderben, sie liebt Worte, „die Verderben bringen“. Worte sind hier nicht harmlos. Sie sind Waffen.
Und heute brauche ich nicht weit schauen:
- Hasskommentare im Netz, die Menschen entmenschlichen
- Hetze gegen Minderheiten
- Verschwörungserzählungen, die Misstrauen säen
- beim Mobbing in Schulen und Betrieben wird jemand mit Worten gezielt klein gemacht
Und auch unter Christen in der Kirche ist das ein Thema:
- Ich rede über andere statt mit ihnen
- Ich verteile Etiketten: „die Frommen“, „die Schwierigen“, „die Konservativen“, „die Liberalen“, …
- Ich nenne es „Ehrlichkeit“, wenn ich anderen die Meinung sage – und merke nicht, dass meine Ehrlichkeit manchmal nur schlecht getarnte Lieblosigkeit ist
Der Psalm hält mir einen Spiegel vor.
Doch Gott hört meine Worte. Er hört, wenn Menschen mit ihrer Zunge zerstören. Und er hört auch das, was unausgesprochen bleibt – die verletzten Herzen derer, die zu viel ertragen haben.
Martin Luther bringt den Auftrag Gottes für unsere Sprache im 8. Gebot auf den Punkt. Im Kleinen Katechismus schreibt er:
„Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unseren Nächsten nicht mit der Lüge belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben; sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.“
Das ist die Gegenbewegung zur „Zunge, die Verderben bringt“: nicht nur keine Lügen verbreiten, sondern aktiv den Ruf des anderen schützen, Gutes von ihm reden. Ein Maßstab für unsere Sprache – in der Gesellschaft, in der Kirche, im Netz, im Alltag.
2. Die falsche Sicherheit der Mächtigen
Im Psalm wird dieser „starke Mann“ beschrieben als einer, der „nicht Gott zu seiner Stärke macht, sondern vertraut auf seinen großen Reichtum“ – auf das, was er hat, was er kann, wen er kennt.
Dabei geht es um jede Form von Macht und Sicherheit, auf die ich mich verlasse:
- wirtschaftliche Stärke
- politische oder soziale Netzwerke
- Einfluss in Medien
- auch Einfluss in kirchlichen Strukturen
Die innere Haltung kann so klingen: „Ich schaffe mir meine Sicherheit selbst. Ich weiß, wie man redet. Ich weiß, wen ich anrufen muss. Ich komme durch – notfalls auf Kosten anderer.“
Doch diese Sicherheit ist brüchig. Gott bleibt nicht auf Dauer Zuschauer. Gott setzt dem Bösen ein Ende.
Für Menschen, die unter ungerechten Strukturen leiden, ist das eine wichtige Botschaft: Gott sieht, wenn Macht missbraucht wird. Er sieht, wenn Menschen klein gemacht werden. Die Gerichtsworte des Psalms sind Trost und Warnung zugleich: Trost für die, die leiden und sich fragen: „Sieht Gott das überhaupt?“ Warnung für die, die meinen: „Es wird schon niemand merken, wie ich mit meiner Macht umgehe.“
Gott ist nicht dazu da, unsere Absicherungspläne zu segnen. Aber er bleibt treu in dem, was er verspricht: Gerechtigkeit, Trost, Beistand – und dass Unrecht vor ihm nicht ewig Bestand hat.
3. Der grüne Ölbaum – Vertrauen in Gottes Güte
Mitten in diesem scharfen Psalm steht ein zartes Bild: „Ich aber bin wie ein grünender Ölbaum im Hause Gottes; ich vertraue auf Gottes Güte immer und ewig.“
Ein Ölbaum steht für Beständigkeit: tief verwurzelt, langlebig, voller Kraft. „Im Hause Gottes“ – das bedeutet: Der Beter versteht sein Leben in der Nähe Gottes. Seine Wurzeln reichen dorthin, wo Gottes Güte ist. Das hebräische Wort für „Güte“ ist „chesed“ – eine Gnade, eine Liebe, die treu bleibt, auch wenn ich schwanke.
Es gibt eine andere Art zu leben als die des „starken Mannes“: Nicht: „Ich mache mich groß, indem ich andere klein mache.“ Sondern: „Ich lasse mich von Gott halten. Ich vertraue darauf, dass seine Güte mein Leben trägt.“
Als Christ lese ich diesen Psalm im Licht Jesu.
Jesus selbst ist viel später Ziel von Verleumdung und Lüge. Menschen legen falsches Zeugnis gegen ihn ab. Sie nutzen religiöse Sprache, um ihn zu verurteilen. Am Kreuz scheint es, als behalten die „starken Männer“ Recht – die mit der Macht, den Worten und den Waffen.
Doch Gott hat ihn auferweckt. Damit setzt Gott ein Zeichen:
- Die Macht der zerstörerischen Worte ist nicht endgültig.
- Die scheinbar unerschütterliche Stellung der Mächtigen ist nicht endgültig.
- Gottes Güte ist stärker.
Martin Luther hat Glauben einmal so beschrieben: Glauben heißt, Gott beim Wort nehmen.
Genau das tut der Psalmbeter, wenn er sagt: „Ich vertraue auf Gottes Güte immer und ewig.“ Er verlässt sich nicht auf Reichtum, nicht auf Netzwerke, nicht auf seine eigenen Worte – sondern darauf, dass Gott sein Wort hält.
Zum Abschluss drei kurze Fragen zum Nachdenken:
- Wie rede ich? Sind meine Worte Werkzeuge des Lebens oder des Verderbens?
- Woran hänge ich mein Herz – an Sicherheiten oder an Gottes Verheißungen?
- Wo lasse ich mich pflanzen – tief verwurzelt in Gottes Güte oder nur auf dem Boden meiner eigenen Möglichkeiten?
Gott ist der, der meine zerstörerischen Worte entwaffnet und mich neu pflanzt – als grünen Ölbaum in seinem Haus.
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