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/ Bibel heute

Das richtige Sehvermögen

Der Bibeltext Galater 4,8-20 – ausgelegt von Claudia Volkmann.

Aber zu der Zeit, als ihr Gott noch nicht kanntet, dientet ihr denen, die ihrer Natur nach nicht Götter sind. Nun aber, da ihr Gott erkannt habt, ja vielmehr von Gott erkannt seid, wie wendet ihr euch dann wieder den schwachen und dürftigen Mächten zu, denen ihr von Neuem dienen wollt? Ihr beachtet bestimmte Tage und Monate und Zeiten und Jahre.[...]

Galater 4,8-20

Paulus ist in Sorge. Er fragt sich, ob all seine Liebesmüh, die Galater mit dem Evangelium vertraut zu machen, vergeblich war. Offenbar sind Irrlehrer unterwegs, die sie auf Abwege führen wollen. Gerade, wenn jemand (oder auch eine Gruppe) noch jung im Glauben ist, kann dies leicht geschehen. Zu beurteilen, was wahr ist oder eben nicht, muss ich ja erst lernen. Auf den Heiligen Geist zu hören, gelingt anfangs sicher nicht immer. Im Glauben zu reifen, ist ein Prozess. Paulus erinnert die Christen in Galatien an das Evangelium, ermahnt sie. Doch ist der Apostel auch dankbar für ihre Hilfsbereitschaft, die er „in seiner Schwachheit des Leibes“ erfahren hat. Es klingt, als hätte Paulus ein größeres Problem mit den Augen gehabt.

Ein vermindertes Sehvermögen kann sehr beschwerlich im Alltag sein – beim Lesen, Schreiben, Finden von Gegenständen, aber auch unterwegs. Jeder Stein kann zur Stolperfalle werden und die Orientierung mühsam. Allen Widrigkeiten zum Trotz behält Paulus die Übersicht und sendet den Christen in Galatien einen Brief. Er hätte allerdings lieber direkt mit ihnen gesprochen. In der persönlichen Kommunikation lässt sich vieles klarer ausdrücken als schriftlich. Die Dringlichkeit, die Paulus empfindet, kommt vermutlich noch deutlicher an.

Bei einem schriftlichen Feedback kann es auch heute noch zu allerlei Missverständnissen kommen. Als Absender zu erkennen, wie das Geschriebene auf den Empfänger wirkt oder wirken könnte, braucht einiges an Fähigkeiten. Ich persönlich habe auf diesem Gebiet schmerzhaft aus Fehlern gelernt.

Als Pastorin und Gemeindeleiterin treffe ich täglich Entscheidungen und habe dies (zumindest meistens) nach bestem Wissen und Gewissen getan. Dennoch kommt es gelegentlich vor, dass ich von Menschen angefeindet werde. Manchmal einfach, weil ich eine Frau in Leitungsverantwortung bin. In anderen Fällen, weil jemand der Meinung ist, dass er Dinge besser weiß, selbst wenn ihm der Hintergrund völlig fehlt. Es gibt Missverständnisse. Oder vielleicht ist einer bloß „mit dem falschen Fuß aufgestanden“ und ich bekomme seine schlechte Stimmung ab.

Früher, wenn mir jemand seinen Unmut schriftlich mitgeteilt hat (z. B. per E-Mail) und ich seine Äußerungen ungerecht oder ungerechtfertigt fand, habe ich sofort schriftlich geantwortet. Meine Verärgerung hat den nötigen Schub geliefert, sehr viel schneller als sonst in die Tasten zu hauen und – zack!!! – war die lange Nachricht abgeschickt. Meine Antwort fand der Empfänger wiederum nicht komisch. So wird Ärger befeuert, schneller als ich denke. Die Stellschrauben wieder zurückzudrehen und die Situation und die Menschen zu beruhigen, ist nicht immer möglich. Wer mehr Lebenserfahrung mitbringt, weiß wahrscheinlich, wie gut es ist, noch einmal eine Nacht darüber zu schlafen, wenn ich im Eifer des Gefechts eine Antwort geschrieben habe, statt sie abzusenden.

Vor Jahren ist es mir passiert, dass mir jemand beleidigend und sehr aggressiv, wie ich fand, eine seitenlange Mail geschickt hat. Meine Antwort, detailliert und messerscharf, war schnell getippt, aber ich habe sie erstmal zwischengespeichert. Am nächsten Tag, als das „Mütchen“ sich wieder abgekühlt hatte, habe ich mich selbst über die Tonart gewundert, die mich zwischen den Zeilen lautstark anzufallen schien. Wie gut, dass ich diesen Text nicht abgeschickt hatte!

Mit dem, was der Heilige Geist uns an biblisch beschriebener „Frucht des Geistes“ gibt – zum Beispiel Sanftmut, Liebe, Freundlichkeit und Geduld – schreibe ich aus dem inneren Abstand heraus viel friedfertiger. Vielleicht verständnisvoller. Dennoch setze ich klare Grenzen, ermahne manchmal oder beende ein Gespräch. Wenn jemand keinerlei konstruktive Bereitschaft hierfür erkennen lässt, Wertschätzung und Respekt fehlen, will ich meine Zeit und Kraft an der Stelle nicht mehr investieren, sondern lieber da, wo ich wirklich gebraucht werde und willkommen bin. Diese Entscheidung hat auch mit Prioritäten, Selbstschutz und Gesundheit zu tun. Die biblische Formulierung von den „Perlen vor die Säue“, klingt hart, doch manchmal werde ich daran erinnert.

Auch solche Dinge tut der Heilige Geist, er deckt Wahrheit auf, die gelegentlich unbequem sein kann. Buße fühlt sich auch nicht primär angenehm an. Jesus hat gesagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Wahrheit sollte an Gnade gekoppelt sein. Jemandem auch mal ein Feedback zu geben, das ihm vielleicht nicht so gut schmeckt, ist Teil meiner Aufgaben. Die Aussage „Das ist nicht liebevoll, und als Christ darfst du dich nicht so verhalten!“ ist bei manchen Menschen erstaunlich schnell bei der Hand – egal wie gut die Absicht hinter einer Rückmeldung ist, wieviel ich gebetet oder was ich dabei geistlich gehört habe. Manchmal bedeutet Liebe, jemandem zuzumuten, sein Handeln oder auch seine Haltung zu überdenken. Wer Drogen nimmt, findet den Appell, damit aufzuhören, vielleicht lieblos. Ist es tatsächlich liebevoller, schweigend zuzuschauen, wie er sich zugrunde richtet?

Paulus sagt selbst, dass er ratlos wegen der Christen in Galatien ist. Es zuzugeben, kann Überwindung kosten. „Guter Rat ist teuer“, sagt der Volksmund. Wie wertvoll ist es, wenn der Heilige Geist uns als Berater zur Seite steht und wir in Weisheit vom Himmel her unterwegs sind! Dann kehrt Frieden auch in einem selbst ein, egal, wie das Gegenüber wüten mag. Jesus ist der Friedefürst – Paulus weiß das. Gut, wenn ich es ebenfalls erkenne und beherzige.

Jemand hat mir einmal gesagt: „Nicht alles, was dir widerfährt, ist deines Kommentares wert!“ Das hat mich sehr geprägt. In der Verabreichung von Medikamenten gibt es eine sogenannte 10 R-Regel: die richtige Person, das richtige Medikament, die richtige Dosierung, die richtige Applikationsart, der richtige Zeitpunkt und die richtige Dauer, die richtige Aufbewahrung, das richtige Risikomanagement, die richtige Dokumentation und die richtige Entsorgung. Nicht alle diese Punkte lassen sich auf unseren Zusammenhang übertragen, die meisten ansatzweise aber schon, wie ich finde. Wahrheit und Richtigkeit liegen nah beieinander. Wenn Liebe und Barmherzigkeit dazu kommen, kann ein Feedback echte Hilfe bedeuten (wenn jemand es will und die „R‘s“ passend sind). Zu viel, ein falscher Zeitpunkt, zu hart, zu weich etc. kann völlig kontraproduktiv sein – man denke an Risiken und Nebenwirkungen! Paulus wusste um diese Dinge und hat sich bestmöglich ausgedrückt. Wir können viel von ihm lernen.

Ich wünsche Ihnen segensreiche Gespräche an jedem neuen Tag.

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Kommentare (1)

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Johannes C. /

Sehr hilfreich diese Beispiele aus dem realen Leben

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