/ Bibel heute
Schläfst du, Gott?
Der Bibeltext Psalm 44 - ausgelegt von Oliver Aviles-Lehnert.
Eine Unterweisung der Korachiter, vorzusingen. Gott, wir haben mit unsern Ohren gehört, / unsre Väter haben’s uns erzählt, was du getan hast zu ihren Zeiten, vor alters. Du hast mit deiner Hand die Völker vertrieben, sie aber hast du eingesetzt; du hast die Nationen zerschlagen, sie aber hast du ausgebreitet.
Wenn Gott zu schlafen scheint
Da bin ich wieder bei unserer Ausgangsfrage: Was macht Gott eigentlich, wenn es mir richtig mies geht? Ich kenne diese Frage. An dem Tiefpunkt meines Lebens sind meine Liebsten gestorben. Ich fühlte mich, als wäre um mich herum alles zerbombt worden. Und auch da gab es Stimmen: „Das wird ihm wohl recht geschehen.“ Oder: „Hätte er eben ein ordentlicheres Leben geführt.“ Was auch immer das heißen soll.
Aber Psalm 44 zeigt uns: Leid ist nicht automatisch der Beweis dafür, dass ein Mensch Gott verlassen hat. Und die Beter werden erstaunlich direkt. Sie sagen zu Gott: „Wach auf, Herr! Warum schläfst Du?“ Oh, oh. Das ist schon ziemlich dreist. Darf ich so mit Gott reden? Ich habe mich damals nicht getraut.
Mich erinnert das an eine Geschichte von Jesus. Markusevangelium, Kapitel 4. Jesus hat einen langen Tag hinter sich. Am Abend fährt Er mit Seinen Jüngern über den See. Jesus legt sich hinten im Boot auf ein Kissen und schläft ein. Und dann kommt ein Sturm. Die Wellen schlagen ins Boot. Wasser läuft hinein. Seenot. Und Jesus? Der schläft. Auf einem Kissen. Stellen Sie sich das einmal vor. Die Jünger sind nass. Das Boot läuft voll. Sie haben Todesangst. Und nur eine Armlänge von ihnen entfernt liegt Jesus. Und schläft.
Da wecken sie Ihn auf: „Meister, kümmert es Dich nicht, dass wir umkommen?“ Fast dieselbe Frage wie in Psalm 44: „Wach auf, Herr! Warum schläfst Du?“ „Warum verbirgst Du Dein Angesicht und vergisst unser Elend?“ Die Jünger trauen sich. Sie wecken Jesus. Und Jesus steht auf, bedroht den Wind und spricht zum Meer: „Schweig! Verstumme!“ Und der Wind legt sich. Große Stille. Dann schaut Jesus seine triefnassen Jünger an und fragt: „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“ Und die Jünger [schauen Ihn an und] fragen [nur noch]: „Wer ist der, dass Ihm Wind und Meer gehorsam sind?“
Das ist für mich eines der stärksten Bilder für Psalm 44. Wer ist der, dem Wind und Meer gehorchen?
Glaube heißt: trotzdem rufen
Die Jünger haben den Eindruck: Jesus schläft. Aber Jesus ist die ganze Zeit im Boot. Auch die Beter von Psalm 44 haben den Eindruck: Gott, wo bist Du? Warum greifst Du nicht ein? Warum schläfst Du? Aber sie hören nicht auf, mit Ihm zu reden.
Das ist vielleicht eines der Geheimnisse des Glaubens. Glaube bedeutet nicht, dass ich keine Fragen mehr habe. Glaube bedeutet auch nicht, dass ich immer verstehe, warum Gott etwas zulässt. Glaube bedeutet manchmal einfach: Ich rufe trotzdem zu Ihm.
Ich habe an meinem eigenen Tiefpunkt meinen Glauben neu entdeckt. Und Stück für Stück lernte ich, dass Glauben auch Vertrauen heißt. Ich habe erlebt: Jesus ist tatsächlich bei mir. Der Sturm dauert nicht immer an. Er hat mich aus diesem Tal herausgeführt.
Nichts kann uns von Gottes Liebe trennen
Aber Psalm 44 geht [sogar] noch einen Schritt weiter. Im Neuen Testament greift der Apostel Paulus genau diesen Psalm auf. Im Römerbrief, Kapitel 8, zitiert er: „Um Deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe.“ Das ist Psalm 44. Paulus verspricht den Christen also nicht: Wenn ihr nur richtig glaubt, wird euch nichts Schweres mehr passieren. [Nein.] Er spricht von Bedrängnis. Von Verfolgung. Von Gefahr. Sogar vom Tod. Aber dann sagt Paulus: Nichts davon kann uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist.
Das ist Paulus’ Antwort auf die tiefste Frage, die Psalm 44 stellt. Nicht jede Frage nach dem Warum wird sofort beantwortet. Nicht jeder Sturm hört sofort auf. Aber wenn Jesus scheinbar schläft, heißt das nicht, dass Er das Boot verlassen hat.
Die Beter von Psalm 44 schließen deshalb nicht mit Resignation. Sie beten: „Mache Dich auf, hilf uns und erlöse uns um Deiner Güte willen!“ Das dürfen auch wir. Sagen Sie Gott, was Ihnen Sorgen macht. Sagen Sie Ihm, wenn es Ihnen zu viel wird. Sagen Sie Ihm ruhig: Herr, wo bist Du? Warum greifst Du nicht ein? Wecken Sie Ihn ruhig auf im Gebet. Und vergessen Sie dabei nicht: Der, dem Wind und Meer gehorchen, sitzt mit im Boot. Jesus ist unser Erlöser. Und nichts kann Sie von seiner Liebe trennen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie das erleben – und dass Jesus auch den Sturm in Ihrem Leben stillt. Schalom. Gottes Frieden – auch im Sturm.
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