/ Bibel heute
Ganz schön heftig, oder?
Der Bibeltext Offenbarung 2,1-7 – ausgelegt von Albrecht Gralle.
Dem Engel der Gemeinde in Ephesus schreibe: Das sagt, der da hält die sieben Sterne in seiner Rechten, der da wandelt mitten unter den sieben goldenen Leuchtern: Ich kenne deine Werke und deine Mühsal und deine Geduld und weiß, dass du die Bösen nicht ertragen kannst; und du hast die geprüft, die sagen, sie seien Apostel und sind’s nicht, und hast sie als Lügner befunden und hast Geduld und hast um meines Namens willen die Last getragen und bist nicht müde geworden.[...]
Lob und Tadel: Die erste Liebe
Ganz schön heftig, wie Jesus mit seiner Gemeinde hier umgeht, oder? Da geben sich die Gemeindemitglieder richtig Mühe, besuchen regelmäßig die Versammlungen, prüfen genau, was verkündigt wird, und entlarven Leute, die mit scheinbar geistlichen Reden die Gläubigen beeindrucken.
Die Gemeinde ist klug, kennt sich in den heiligen Schriften des alten Bundes aus und weiß, worauf es letzten Endes ankommt. Da ist man mit ganzem Ernst bei der Sache, trifft sogar unpopuläre Entscheidungen und wehrt eine Irrlehre ab, die sich die Nikolaiten nennt und zum Evangelium zusätzliche geistliche Prüfungen verlangt, als ob das Opfer Christi nicht genug sei.
Das alles ist richtig, sagt der erhöhte Christus, der den Überblick hat. Ich erkenne das an, dass es euch um die reine Lehre geht, dass ihr es nicht ertragen könnt, wenn das Wort Gottes verfälscht wird. So ein hartes Arbeiten an der Wahrheit, das würde nicht jede Gemeinde zustande bringen. Ich habe davor Respekt, sagt Christus. Und dann kommt sein Aber: „Aber ich habe gegen dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast.“
Schön und gut. Aber wie soll das gehen? Kann man sich hinsetzen und sich wünschen: Ich möchte die erste Liebe wiederhaben? Kann ein Ehepaar, dessen Ehealltag grau geworden ist, sich vornehmen: Wir wollen wieder verliebt sein? Wie soll das funktionieren? Man kann doch keine Gefühle befehlen!
Viel Geist, aber wenig Liebe: Der Blick nach Korinth
Unwillkürlich werde ich bei diesem Weckruf zur ersten Liebe an das Hohelied der Liebe im 1. Korintherbrief, Kapitel 13 erinnert und an die Situation in Korinth.
Auch in Korinth ging es sehr geistlich zu: Erhebende Gottesdienste mit allen Facetten der Geistesgaben. Weisheit zum Unterscheiden der Geister, Sprachengebete, prophetisches Reden, Gebetserhörungen. Das war alles in Fülle vorhanden. Und was sagte der Apostel Paulus dazu?
„Wenn ich mit Menschen und Engelszungen redete, hätte aber die Liebe nicht, dann würde alles hohl und leer klingen wie schepperndes Blech.“
„Selbst, wenn ich von göttlichen Geheimnissen wüsste und alles beurteilen könnte und wenn ich Hindernisse und Sorgen, die wie Berge vor mir aufragen, versetzen könnte, würde es aber ohne Liebe tun, wäre ich nichts.“
Es ist, als ob Paulus die Gemeinde in Ephesus zur Zeit des Sehers Johannes beschreibt, als er die Korinther ermahnt. Und er wird an bestimmten Stellen ganz konkret, was es bedeutet, die erste Liebe zu verlassen. Auch dort gibt es Ähnlichkeiten zu Ephesus.
Paulus schreibt: Ihr feiert das Abendmahl als Liebesmahl, indem ihr vorher zusammen esst. Das ist gut. Aber dann höre ich, dass die Reichen, die zuerst kommen, weil sie nicht arbeiten müssen, die leckeren Zutaten wegessen und die Sklaven, die später von der Arbeit kommen, nur noch die kümmerlichen Reste vorfinden. Und dann wollt ihr das Abendmahl zusammen feiern? Wo ist da die Liebe? Liebe wartet auf den anderen. Denn Christus ist auch für die Sklaven gestorben. Findet zur echten Liebe zurück!
Liebe zeigt sich in konkreten Taten
Der Apostel Johannes sagt an anderer Stelle sehr deutlich: Wer sagt, er liebe Gott, lehnt aber seinen Bruder oder seine Schwester ab, der ist ein Lügner.
Es ist nicht unbedingt entscheidend, die rechte Lehre zu haben, viel Bibelwissen anzuhäufen und die Wahrheit den Leuten auf den Kopf zuzusagen. Das alles mag wichtig sein für ein Gemeindeleben, aber der Grund, warum Jesus gekommen ist, war die Verhärtung unter den Menschen und dass sie sich von Gott entfernt hatten und nicht selbst den Weg zurückfanden. Sein Opfer, das wir im Abendmahl veranschaulicht bekommen, hat den Graben zwischen Gott und uns überwunden und die echte Liebe befreit.
Liebe, so sagt es das Neue Testament an vielen Stellen, das sind nicht in erster Linie geistliche Sympathiegefühle oder gefühlvoller Lobpreis, so wichtig er auch ist, sondern Liebe zeigt sich in konkreten Taten der Nächstenliebe: Ein Becher Wasser für jemanden, der Durst hat, Kleidung für die, die frieren und nichts anzuziehen haben und ein Besuch im Gefängnis.
Das biblische Wort für Liebe ist nichts Nebulöses, sondern ist eine Überwindung, die zu Taten führt wie bei dem Samariter, der einem Verwundeten hilft.
Deswegen sagt der erhöhte Christus nicht: Kehre um und finde zu den ersten Liebesgefühlen für mich zurück, sondern: kehr um und tue die ersten Werke. Gemeint sind damit die Werke der Nächstenliebe.
Ist das die berühmte Werkgerechtigkeit? Nein, denn aus dem echten Glauben und der echten Liebe wachsen wie von selbst die Werke der Liebe.
Warnung und Verheißung für Ephesus
Jesus, der Herr der Gemeinde, legt seinen Finger auf die wunden Punkte dieser ansonsten bewundernswerten Gemeinde in Ephesus:
Fast alles richtig gemacht, aber ein normaler, armer Mensch am Rand der Gesellschaft, der in euren Gottesdienst kommt, fühlt sich bei euch nicht wohl. Er spürt nichts von eurer Liebe zu Gott bei all den klugen Worten. Er steht allein in einer Ecke und niemand kümmert sich um ihn.
Und dann folgt noch eine Warnung: Wenn ihr nicht umkehrt, werde ich euren Leuchter wegstoßen von seiner Stätte.
Da muss ich schon schlucken. Was bedeutet das? Es bedeutet nicht, dass die Gemeinde verdammt wird. Jesus liebt diese Gemeinde, wie er alle Sünder liebt, aber er sagt, dass Ephesus seine bedeutende Stellung unter den Gemeinden verlieren wird, wenn es die Liebe verliert.
Der erhöhte Christus schließt dann mit einer Verheißung: Wer umkehrt, darf von den Früchten des Lebensbaumes essen, der im Paradies steht.
Wer zur ersten Liebe zurückfindet, der hat Anteil an der neuen Lebensenergie, die nur Gott schenkt. Das ist ein Ziel, das motiviert.
Bei allen wichtigen Entscheidungen und Entwicklungen in der Gemeindearbeit, bei allen Programmen und geistlichen Aufbrüchen bleibt die Liebe, die konkret wird, das Wichtigste.
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