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/ Bibel heute

Ein Lied für den Schöpfer und Richter aller Welt

Thomas Klappstein über Psalm 96.

Singet dem HERRN ein neues Lied; singet dem HERRN, alle Welt! Singet dem HERRN und lobet seinen Namen, verkündet von Tag zu Tag sein Heil! Erzählet unter den Heiden von seiner Herrlichkeit, unter allen Völkern von seinen Wundern!

Psalm 96

„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er hat wunderbare Taten vollbracht!“ Jüdische und später auch christliche Familien, die sich zum Hausgottesdienst versammelt hatten, beteten oder sangen diesen Psalmvers, um sich gegenseitig mit Dank an Gott zu erinnern. Beterinnen und Beter lassen sich bis heute von diesen Worten anregen, mit Freude an all das zu denken, was sie als Wohltat Gottes in ihrem Leben schon erfahren haben.

Der Psalm 96 - interessant für mich ist, dass der 96. Psalm und auch der Psalm 98 fast identisch beginnen. Die ersten Worte sind im Hebräischen komplett identisch, die ersten drei Verse unterscheiden sich inhaltlich fast nur in der Reihenfolge der Aussagen.

„Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er hat wunderbare Taten vollbracht!“ Dieser Satz fasst den Beginn beider Psalmen nach meinem Empfinden gut zusammen:  „Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er hat wunderbare Taten vollbracht!“

Das ist eine Einladung an einzelne und an feiernde Gemeinden, ihrem Glauben an einen helfenden und rettenden Gott Ausdruck zu verleihen. Und wer einmal etwas von der Güte und der heilenden Kraft Gottes gespürt hat, der muss in der Regel singen, dem reichen die gesprochenen Worte nicht mehr aus. „Mehr als Worte sagt ein Lied“, ist ein Spruch, den ich mal irgendwo gelesen habe und der bei mir hängen geblieben ist. Aber nicht nur hängengeblieben ist, sondern immer wieder neu erfahren wird, von jemanden, der mit einer Musikerin und Sängerin verheiratet ist. Von mir.

Unser Leben – ein Lied

Wem wirklich unter die Haut und zu Herzen geht, was ihm schon alles geschenkt wurde, dessen ganzes Leben kann zu einem Loblied auf Gott werden. Gregor von Nyssa, ein Theologe und Bischof im 4. Jahrhundert n. C., hat es einmal so formuliert: „Gottes Wille ist es, dass ein Leben ein Psalm sei – ein Lied, das nicht den Lärm der Erde wiedergibt, sondern rein und deutlich die Gesänge des Himmels vernehmen lässt.“ Das neue Lied, das Gott sich wünscht, ist ein erneuertes Leben; ein Leben, das etwas von seiner Menschenfreundlichkeit widerspiegelt.

Mein ganzes Leben – ein neues Lied zur Ehre Gottes. Es lohnt sich, meine ich, dieses Bild auszumalen. Mein Leben kann ein neues Lied zur Ehre Gottes werden, wenn ich Gottes Melodie in mich aufnehme. Ignatius von Antiochien hat das mal sinngemäß so vorgeschlagen, Gottes Melodie in sich aufzunehmen. Gottes Melodie in sich aufnehmen, dass kann m. E. bedeuten:

  • Wach und bewusst zu leben, um zu hören und zu entdecken, was Gott mir zuspielen will, wozu er gerade mich rufen und berufen möchte.
  • In der Partitur der Heiligen Schrift, der Bibel, die Notenzeilen herauszufinden, die mir persönlich zugedacht sind; den Part zu erkennen, der im Spiel des Lebens für mich bestimmt ist. Freude zu verbreiten oder zuhören zu können, trösten oder anpacken.
  • Langsam zu dem Menschen zu werden, der ich in Gottes Augen schon bin; meine eigene Identität entwickeln und meine Talente entfalten.
  • In Gesprächen und Begegnungen die Zwischentöne wahrzunehmen, mit denen mir andere ihre Enttäuschungen und Verletzungen, ihre Hoffnungen und Bitten zuspielen

Mein Leben kann aber auch ein neues Lied zur Ehre Gottes werden, wenn es etwas ahnen lässt von meiner Suche nach Harmonie. Sich um Harmonie zu bemühen, das kann bedeuten:

  • Den Akkord der Gottes-, Nächsten- und Selbstliebe anzuschlagen; darauf zu achten, dass kein Ton dieses Dreiklangs vernachlässigt wird oder ganz ausfällt.
  • Ja zu sagen zum eigenen Leben und dadurch auch Ja-Sagen-Können zur Eigenart des anderen und in der Zuwendung zur geistlichen Schwester und zum geistlichen Bruder, aber auch allgemein zu meinen Mitmenschen die Liebe Gottes widerzuspiegeln.
  • Die Sehnsucht nach Frieden wachzuhalten; eine Atmosphäre der Versöhnungsbereitschaft und der Offenheit zu verbreiten, ein Klima, in dem ein Mensch heil und gesund werden kann.
  • Die Stimme des anderen als Bereicherung und nicht als Konkurrenz zu hören und zu verstehen; unterschiedliche Lebensmelodien, Lebenswege und Standpunkte tolerieren. Die Kirchenväter haben, wenn sie Vielfalt und Einheit der christlichen Gemeinde beschreiben wollten, oft von Symphonie, von Zusammenklang gesprochen – lange bevor dieses Wort in der Musik eine Bedeutung bekam.

Ein Lied zur Ehre Gottes

Und mein Leben kann schließlich ein neues Lied zur Ehre Gottes werden, wenn ich mich einschwinge auf den Rhythmus des Glaubens. Dieses „sich einschwingen auf den Rhythmus des Glaubens, möchte ich so umschreiben:

  • Ein Gespür zu bekommen für die betonten und unbetonten Zeiten, für Kontemplation, Gott betrachten, und Aktion, für Engagement und Gelassenheit.
  • Sich darauf einzustellen, dass beides zu meinem Leben gehört: Alltag und Fest, Trauer und Freude, Misslingen und Glück.
  • Sich mitreißen zu lassen vom „drive“, vom Schwung derer, die uns den Glauben überzeugend vorleben.
  • Nicht ängstlich an der Vergangenheit zu hängen, sondern in Bewegung bleiben, nach vorne schauen, die Suche nach intensivem, erfülltem Leben nicht aufgeben.

„Singet dem Herrn ein neues Lied!“ Am besten das Lied eines erneuerten Lebens. Komponieren Sie weiter an der Melodie, die er, der Schöpfer, die Gott uns zuspielt. Tragen Sie bei zu Harmonie und Frieden in der Welt – in diesen Zeiten mehr denn je –, lassen Sie sich begeistern und tragen vom Rhythmus, den Gott uns vorgibt. Und frohes, begeisterndes, kraftvolles Singen ist sicher das beste Zeichen für unsere Bereitschaft, Gott mit unserem Lebenslied die Ehre zu geben.

Wenn der Philologe und Philosoph Friedrich Nietzsche den Christen vorwirft: „Erlöster müssten mir die Christen aussehen. Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben könnte“, dann stellt er ihnen und damit auch mir indirekt die Frage: „Habt ihr überhaupt schon entdeckt, welche wunderbaren Taten Gott vollbracht hat? Ist euch bewusst, wie oft er euch schon geholfen und an die Hand genommen hat? Spürt ihr wirklich, wie Er – Gott – euer Leben mit seiner Geduld und Treue begleitet?“

Deshalb sollte gelten, finde ich: „Freut euch, jubelt und singt“ – „Singt dem Herrn ein neues Lied“ – wenn Sie vom Wirken Gottes in unserer Welt überzeugt sind.

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Kommentare (1)

Rike /

Der Ausleger hatte gute Gedanken zum Beginn des Psalms rund um das Thema Singen und Musik, aber zum weiteren Inhalt des Textes (Gott als Schöpfer, König und Richter) so gut wie nichts gesagt. Schade!