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/ Bibel heute

Die lauwarme Gemeinde von Laodizea

Der Bibeltext Offenbarung 3,14-22 – ausgelegt von Peter Müller.

Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.[...]

Offenbarung 3,14-22

Ein Brief an eine selbstzufriedene Gemeinde

Stellen Sie sich eine Stadt vor, die auf alles stolz ist, was der Stadt Sicherheit verspricht: Auf ihre Banken, auf ihre feine Wolle, auf ihre berühmte Augenmedizin. Eine Stadt, die nach einem verheerenden Erdbeben keine fremde Hilfe braucht, weil sie den Wiederaufbau aus eigener Kraft stemmt. Diese Stadt heißt Laodizea, gelegen im Westen der heutigen Türkei im Lykostal. An ihre christliche Gemeinde richtet sich eines der eindringlichsten Worte der ganzen Bibel. Es ist das letzte der sieben Sendschreiben der Offenbarung von Johannes.

Was diesen Brief so besonders macht: Anders als bei den übrigen sechs Gemeinden findet Jesus, der hier spricht, kein einziges lobenswertes Wort für Laodizea, keine Anerkennung, kein Trost, nur eine schonungslose Diagnose. Der Ist-Zustand der Gemeinde lautet: Weder kalt noch heiß, sondern lauwarm. Dieses Bild ist nicht zufällig gewählt. Laodizea bezieht sein Wasser über eine lange, unterirdische Leitung aus heißen Quellen der Nachbarstadt Hierapolis. Im Altertum ist diese Stadt als Kurort sehr beliebt. Sie liegt ca. 10 Kilometer nördlich von Laodizea. Unterwegs kühlt dieses Wasser ab und kommt schal, mineralig und widerlich lau in der Stadt an – ganz anders als das erfrischend kalte Wasser aus der ca. 15 Kilometer östlich gelegenen kleineren Nachbarstadt Kolossä oder das heilsame heiße Wasser aus der anderen Gegend. Wem dieser Umstand bekannt ist, versteht sofort: Lauheit ist hier kein gemäßigter, vernünftiger Mittelweg. Lau sein beschreibt den unangenehmsten Zustand, etwas, das man am liebsten gleich wieder ausspuckt.
 

Blinde Selbstzufriedenheit

Hier ist die zweite Pointe dieses Textes: Die Gemeinde selbst merkt davon nichts. Sie sagt von sich: Ich bin reich, mir fehlt es an nichts. Ausgerechnet in der Sprache ihres wirtschaftlichen Stolzes beschreibt sie sich selbst als vollkommen abgesichert. Als Vergleich steht Jesu Gleichnis vom reichen Kornbauer im Lukasevangelium, Kapitel 12, Vers 19: „Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!“ Doch das Urteil von außen lautet ganz anders: Elend, bedauernswert, arm, blind, ungeschützt. Fünf schonungslose Worte, die genau die drei Dinge treffen, auf die diese Stadt am meisten stolz ist: Ihr Geld, ihre Augenmedizin, ihre feinen Textilien. Der Wohlstand nach außen und die geistliche Armut nach innen liegen hier meilenweit auseinander, ohne dass die Betroffenen es überhaupt bemerken. Das ist die eigentliche Warnung dieses Textes: Nicht die Sünde im engeren Sinn, sondern die blinde Selbstzufriedenheit.

Was folgt, ist kein Urteil ohne Ausweg, sondern ein Rat, geradezu ärztlich formuliert: „Kaufe von mir echtes Gold, das im Feuer geprüft wurde, damit du wirklich reich wirst. Kaufe weiße Kleider, damit deine Blöße nicht mehr sichtbar ist. Hole dir Augensalbe, damit du endlich wieder klarsiehst.“ Drei Bilder, die genau die drei Stolzquellen der Stadt aufgreifen und ihnen ein geistliches Gegenstück entgegensetzen. Es ist ein Angebot, kein Vorwurf ohne Hoffnung. Und wer genau hinhört, merkt: Wer hier ermahnt und zurechtweist, tut das nicht aus Gleichgültigkeit. Im Gegenteil, es heißt ausdrücklich, dass gerade die Liebe es ist, die zur Ehrlichkeit drängt. Wer schweigt, dem ist der Zustand egal. Wer warnt, dem liegt viel am Wohl des Gegenübers.
 

Jesus klopft an die Tür

Und dann kommt das vielleicht anrührendste Bild des ganzen Briefes: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und öffnet, zu dem werde ich hineingehen, und wir werden gemeinsam essen.“ Obwohl Jesus ohne Aufwand an jeden Ort gelangen kann, überlässt er das Öffnen der Herzen und Sinne dem Menschen selbst. Jesus, Heiland und Retter dieser Welt, nimmt bewusst Abstand davon, mit Gewalt in den Sünder einzudringen. Jesus begegnet dem offenen Menschen in barmherziger Liebe. Es gibt keinen vornehmeren Gast als ihn. Vor Jesus werden Menschen wieder wahrhaftig zu Menschen, verantwortlich bis ins Letzte, aber auch schuldig bis ins Letzte, wenn sie eine solche Liebe aussperren.

Das bedeutet: Jesus Christus steht vor der Tür seiner eigenen Gemeinde – nicht mehr mittendrin, sondern draußen, wartet, klopft an. Keine Gewalt, kein erzwungener Einlass. Nur eine geduldige, beharrliche Einladung zur engsten denkbaren Gemeinschaft, zum gemeinsamen Mahl. Diese Einladung gilt der ganzen Gemeinde mit jedem einzelnen Glied; wer auch immer sie hört und öffnet, wird diese enge Gemeinschaft erleben.

Am Ende steht eine Verheißung, die weit über den Moment hinausreicht: Wer in dieser Haltung feststeht, dem wird ein Platz zugesagt, mit an der Seite Jesu zu sitzen. Eine Zusage, die noch aussteht, aber fest verbürgt ist.
 

Was bleibt für uns heute?

Was bleibt von diesem alten Brief für uns heute? Vielleicht dies: Absicherung, Wohlstand und äußere Stabilität sagen nichts darüber aus, wie es um mein Inneres wirklich steht. Das Sprichwort bewahrheitet sich: „Reichtum macht blind.“ Es lohnt sich, ehrlich hinzuschauen, nicht um sich zu verurteilen, sondern weil Jesus, der Heiland, vor der Tür steht, geduldig wartend, klopfend und zur Gemeinschaft einladend. Die Tür zu öffnen bleibt, wie damals, Ihre freie Entscheidung, eine, die sich lohnt.

Ich wünsche Ihnen Mut und Kraft zu dieser Entscheidung.

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