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Der Konflikt zwischen Petrus und Paulus
Der Bibeltext Galater 2,11-21 – ausgelegt von Jens Kreisel.
Als aber Kephas nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn er hatte sich ins Unrecht gesetzt. Denn bevor einige von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus der Beschneidung fürchtete. Und mit ihm heuchelten auch die andern Juden, sodass selbst Barnabas verführt wurde, mit ihnen zu heucheln.[...]
Vorgeschichte: Gemeinden und Mission in Galatien
Sie haben eben einen spannenden und sehr ehrlichen Text gehört. Er stammt aus einem Brief von Paulus an die jungen christlichen Gemeinden in der Provinz Galatien. Diese Gemeinden sind durch die erste Missionsreise von Barnabas und Paulus entstanden.
In den Versen zuvor in Kapitel 2 schreibt Paulus von einer Reise nach Jerusalem. Dort wurde eine Aufgabenteilung zwischen Petrus und Paulus besprochen. Es ging um die Frage, wie das Evangelium Juden und Heiden erreichen soll (Galater 2,8). Nun kam Petrus persönlich zu Besuch nach Antiochia in Pisidien. Das damalige Verwaltungszentrum der Provinz Galatia heißt heute Antakya und liegt im Süden der Türkei.
Die Gemeinde in Antiochia war eine missionarisch gesinnte und kulturell bunte Gemeinde. Zum ersten Mal wurden hier aus Antiochia Missionare ausgesandt. Das waren Barnabas und Paulus (Apostelgeschichte 13).
Was war aber nun der Anlass für den Konflikt zwischen Petrus und Paulus, hier in unserem Textabschnitt?
Dazu ein Rückblick in die Apostelgeschichte. Zuerst in Kapitel 10:
Dort wird berichtet, wie die ersten Nichtjuden um Kornelius in Cäsarea Christen wurden. Diese allerersten Heidenchristen wurden getauft und damit ganz offiziell in die Gemeinde von Jesus Christus aufgenommen (Apostelgeschichte 10,47). Im Vorfeld war Petrus dieser Besuch bei Kornelius sehr schwergefallen. Es brauchte eine besondere Vision, um diese alte Grenze zwischen Juden und Nichtjuden zu überwinden.
Bei seiner Rückkehr nach Jerusalem (Apostelgeschichte 11) direkt danach bekommt Petrus heftigen Gegenwind. Es gibt heftigen Streit in der Jerusalemer Gemeinde. Doch Petrus berichtet ihnen von den Bekehrungen im Haus des Kornelius.
Da loben alle gemeinsam Gott. Der Konflikt scheint fürs Erste beendet. In Apostelgeschichte 11,18 heißt es: Sie priesen Gott und sagten: »Jetzt hat Gott also auch den Nichtjuden die Umkehr zu ihm ermöglicht und hat ihnen damit den Weg zum Leben eröffnet.« [NGÜ]
Der Konflikt in Antiochia
Soweit diese Vorgeschichte. Inzwischen sind wohl zehn Jahre vergangen. Aber die Zeit allein löst keine Konfliktursachen …
Paulus berichtet hier von einem Gemeindebesuch von Kephas in Antiochia. Petrus wird hier auf Griechisch Kephas genannt. Und anfangs ist alles entspannt. Petrus isst gemeinsam mit den nichtjüdischen Christen. Er praktiziert auch das gemeinsame Abendmahl, so wie es dort normal und üblich war.
Doch dann kommen noch einige andere jüdische Besucher aus Jerusalem. Sie berufen sich auf Jakobus, den aktuellen Gemeindeleiter. Und sie gehören zu einer Gruppe jüdischer Christen, die weiterhin die jüdischen Speisegebote streng einhalten und nach den Regeln des mosaischen Gesetzes leben.
Ihre Forderung ist einfach, aber falsch: Christen müssen entweder auch die jüdischen Gesetze vollständig einhalten. Andernfalls müssten die Juden sich weiterhin von diesen unreinen Heiden absondern, um sich selbst nicht zu verunreinigen.
Doch Petrus hatte ja in der Vergangenheit bereits klar erkannt, dass auch Nichtjuden vollwertige Christen sind.
Sie sind nicht zur Einhaltung des jüdischen Gesetzes verpflichtet. Reinheit vor Gott kommt nicht durch das Essen.
Dennoch handelt Kephas hier gegen seine Überzeugung, aus Furcht vor Eskalation. Um des lieben Friedens willen beugt er sich den gesetzlichen Forderungen der „Judaisten“ aus Jerusalem. Paulus benennt dieses Verhalten „Heuchelei“.
Und das Vorbild von Petrus zieht weitere Kreise. Immer mehr jüdische Christen verlassen daraufhin ebenso die Tischgemeinschaft mit den nichtjüdischen Geschwistern. Ja, selbst Barnabas wird zu dieser Heuchelei verführt. So erfahren wir in Vers 13.
Das kann Paulus nicht länger mit anschauen.
Rechtfertigung allein durch den Glauben
Er „stellt Kephas persönlich zur Rede, denn der war im Unrecht“ [BB]. Und fährt fort: „Als ich aber sah, dass sie nicht richtig handelten nach der Wahrheit des Evangeliums, sprach ich zu Kephas öffentlich vor allen: Wenn du, der du ein Jude bist, heidnisch lebst und nicht jüdisch, warum zwingst du dann die Heiden, jüdisch zu leben?“
Nun könnten Sie fragen: Warum wird dieser Konflikt öffentlich vor versammelter Menge ausgetragen? Wohl, weil es sich hier um eine bedeutsame Grundfrage handelt. Diese betrifft alle in der Gemeinde. Judenchristen und Heidenchristen.
Vers 16 bringt diese Grundfrage des Glaubens sehr gut auf den Punkt:
„Wir wissen: Kein Mensch gilt vor Gott als gerecht, weil er das Gesetz befolgt. Als gerecht gilt man nur, wenn man an Jesus Christus glaubt. … Denn durch diesen Glauben an Christus werden wir vor Gott als gerecht gelten – und nicht, weil wir tun, was das Gesetz vorschreibt.“ [BB]
Mit anderen Worten: Allein der Glaube macht gerecht vor Gott. D. h. Christsein vertraut auf die Vergebung und Sühne, die Jesus Christus durch Kreuz und Auferstehung bewirkt hat.
Paulus betont dies zugespitzt in dem Satz „Ich bin mit Christus gekreuzigt“ (Vers 19). Und das mündet in das persönliche Bekenntnis: Christus lebt in mir!
Paulus betont, wie auch später der Reformator Martin Luther: Allein der Glaube rettet. Allein durch den Glauben an Christus werden wir gerecht gesprochen vor Gott (Vers 16).
Keine Einhaltung von Regeln, Gesetzen oder Traditionen kann das bewirken.
Und deshalb steigert Paulus im weiteren Verlauf des Briefes diese Aussagen noch:
Wenn die Gerechtigkeit durch das Gesetz kommt, so ist Christus vergeblich gestorben (2,21).
Ihr verliert die Gnade, ihr verliert Christus, wenn ihr durch die Einhaltung des Gesetzes gerecht vor Gott werden wollt (5,4).
Dieses Thema ist ganz grundsätzlich für den Glauben an Jesus Christus. Deshalb verhandelt Paulus die Sache öffentlich mit Kephas, vor den Augen und Ohren der Gemeinde. Und es sollen auch die übrigen Gemeinden in der Provinz Galatien erfahren. Deshalb schreibt Paulus davon in diesem Brief.
Eine sachliche Streitkultur für die Wahrheit
Grundfragen brauchen Klarheit. Keine Verharmlosung: „Du siehst es so, ich sehe es so. Hauptsache wir haben uns lieb.“ Manchmal ist es nötig, um inhaltliche Dinge zu ringen, vielleicht auch Traditionen aus der Vergangenheit zu korrigieren. Alleiniger Maßstab soll und darf dabei nur das Wort Gottes sein.
Bemerkenswert finde ich die Streitkultur von Paulus. Keine Suche nach Verbündeten hinter dem Rücken. Sondern direkte und sachliche Klärung – „von Angesicht zu Angesicht“.
Und es gibt keine persönlichen Attacken, keine alten Geschichten – „du hast ja damals schon Jesus verleugnet …“
Nichts davon.
Denn Paulus kämpft hier nicht gegen Petrus, sondern für die Wahrheit. Er will nicht Macht ausüben. Sondern er will Petrus überzeugen. Und zwar vom Wort Gottes. Er argumentiert von Jesus Christus her. Paulus sagt nicht: Nach meiner Meinung ist das so. BASTA!
Sondern er versucht, Petrus und die anderen von ihrem Irrweg zurückzubringen. Dadurch will Paulus die drohende Spaltung der Gemeinde verhindern. Diese sachorientierte Streitkultur von Paulus half Petrus umzudenken. Und dieses Verhalten kann für uns heute Vorbild sein.
Fußnote für das Skript:
[*Der britische Theologe und Bibellehrer John Stott plädiert für eine frühe Abfassung des Briefes, noch vor dem „sogenannten“ Apostelkonzil in Apostelgeschichte 15. Denn Paulus erwähnt das Apostelkonzil und die dort getroffene Übereinkunft über den Umgang mit nichtjüdischen Christen im ganzen Brief nicht.]
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