/ Bibel heute
Bekehrung und Berufung des Paulus
Der Bibeltext Galater 1,10-24 – ausgelegt von Friedhelm Appel.
Will ich denn jetzt Menschen oder Gott überzeugen? Oder suche ich Menschen gefällig zu sein? Wenn ich noch Menschen gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht. Denn ich tue euch kund, Brüder und Schwestern, dass das Evangelium, das von mir gepredigt ist, nicht von menschlicher Art ist. Denn ich habe es nicht von einem Menschen empfangen oder gelernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi.[...]
Galatien und die bedrohte Botschaft
Wir schreiben etwa das Jahr 50 n. Chr. und Paulus schreibt einen Brief an Christen in der Region Galatien.
Galatien ist sowohl eine römische Provinz als auch ein regionaler Landstrich. Die Region liegt mitten in der heutigen Türkei, zwischen Ankara im Norden und dem Mittelmeer im Süden.
Die Menschen, die dort wohnen und die Region prägen, sind tatsächlich Nachkommen mitteleuropäischer Kelten und Gallier, daher der Name Galatien. 300 Jahre vorher ziehen viele Mitteleuropäer in diese Region, teilweise als Soldaten-Söldner, und besiedeln anschließend die Region.
Mitteleuropäische Religions-Kulte werden dort praktiziert und die Dialekte der mitteleuropäischen Sprachen werden noch lange erkennbar. Außerdem gibt es Minderheiten von jüdischen Gemeinden.
Dort befinden sich Städte, die Paulus auf einer ersten internationalen Reise aufsucht. Durch seine Verkündigung entstehen dort erste christliche Gemeinden.
Nun, vielleicht fünf Jahre nach der Neugründung, sind die Gemeinden bedroht. Das Evangelium wird verwässert und undeutlich. Die fremden Religions-Kulte und auch die jüdisch-pharisäischen Lehren breiten sich in den Gemeinden aus.
Für Paulus ist die Bedrohung nichts Neues. Erst kürzlich hat er in Jerusalem mit den anderen Aposteln über diese Themen diskutiert, sie besprochen und eine Orientierung veröffentlicht.
Paulus' Auftrag und Autorität
Jetzt ist er dran, durch einen Brief den Gemeinden das Evangelium als Grundlage deutlich zu machen. Er unterstreicht, dass ausschließlich und einzig und allein dieses eine Evangelium die Grundlage von Kirche und Gemeinde sein kann.
Nach der Einleitung kommt Paulus im Brief auf seine Kompetenz zu sprechen. Das ist nun unser Abschnitt. Was autorisiert ihn, dass er sagen kann und darf, was die einzige Grundlage von Kirchen und Gemeinde ist? Was legitimiert ihn, als Verkündiger, als Apostel und als Grundsteinleger mit Richtlinienkompetenz aufzutreten?
Paulus sagt: Ich verkündige das Evangelium als Diener Christi.
Zum ersten: Es geht nicht darum, Menschen zu gefallen. Paulus macht diesen Dienst nicht, um Geld zu verdienen und sein Girokonto zu füllen. Er verdient seinen Lebensunterhalt mit eigenem Handwerk und erhält auch freiwillige Spenden. Er lehrt nicht, um Anerkennung zu bekommen und in der sozialen Hierarchie nach oben zu klettern, so dass er politisch oder kulturell einflussreich ist. Es geht auch nicht darum, Menschenmassen zu manipulieren und sie psychisch abhängig zu machen, sodass er als der große Guru im Mittelpunkt steht.
Seine Dienstverpflichtung gilt einzig und allein gegenüber Jesus Christus. Von ihm erwartet Paulus Auftrag, Lohn und Anerkennung. Von ihm, dem Lebensspender und Erretter, erwartet Paulus alles; alles, was er braucht.
Herkunft und Kraft der Botschaft
Eine zweite Legitimation belegt Paulus mit dem Hinweis auf den Ursprung der Botschaft. Das Evangelium kommt nicht von Menschen und ihren Ideen. Menschen können sich so etwas nicht ausdenken. Diese gute Nachricht ist Gottes Plan. Und sie wird übermittelt aus der direkten Begegnung mit Jesus – und nicht durch Lehrmeinungen irgendwelcher schlauer Leute. Die Apostel erleben den Auferstandenen, Jesus. Er schult sie wochenlang höchstpersönlich und direkt. Er legt ihnen die Schrift aus. Ähnlich ist es auch bei Paulus als dem letzten Ur-Apostel: Vor und in Damaskus erhellt Jesus ihm aus erster Hand die Zusammenhänge, die er früher studiert hat. Paulus fällt es wie Schuppen von den Augen: Das Alte Testament enthält die Botschaft, wie Gott durch Jesus in diese Welt eingreift.
Die dritte Legitimation ist die Deutlichkeit der Kraft. Nicht allein, dass Menschen geheilt oder befreit werden. Bei Paulus sind die Auswirkungen der Kraft dieser Botschaft deutlich zu sehen, und zwar von jedem seiner Zeitgenossen: Paulus war ein machtpolitisch Legitimierter, mit hohen religiösen Zertifikaten ausgestatteter, hasserfüllter und machtgieriger Religionsverfechter. Und jetzt ist er ein Menschenfreund und lebt aufopfernde, selbstlose Liebe. Solch eine Veränderung kann nur einer bewirken, der etwas Neues erschaffen, Leben spenden und den Geist Gottes vermitteln kann: Der Sohn Gottes selbst.
Berufung und heutige Anwendung
Ein weiterer Punkt: Paulus sieht sich berufen von Mutterleib an. Schon vor der Geburt sieht Gott seine Würde, seine Schönheit, seine Ebenbildlichkeit und seinen Auftrag. Schon im Verborgenen, im Mutterleib hat der Vater mit ihm eine Beziehung aufgebaut. Wie das auch bei den Propheten der Fall ist. So etwas kann er nicht objektiv beweisen. Aber es ist real. Seelenverwandtschaft mit Gott. Kommunikation der Geborgenheit. So etwas ist die intimste Beziehung zweier Personen. Das strahlt nach außen. Und hier bei Paulus bedeutet das, dass er sich seines Weges so klar ist, dass er nicht von Menschen und den anderen Aposteln abhängig wird.
Nach seiner Berufung in Damaskus geht er nicht zu den Christen in Jerusalem, um dort vor ihnen Prüfungen abzulegen, um Zeugnisse zu erhalten oder Legitimations-Zertifikate und Stempel entgegenzunehmen. Er geht südöstlich ins arabische Ausland, um das Evangelium zu verkündigen. Vielleicht geht er in diesen ersten Jahren auch bis zum Berg Horeb, dem Berg Mose, im Westen der arabischen Halbinsel. Dort gibt es bis heute viele Informationen über Gottes Handeln mit seinem Volk.
Danach geht er über Damaskus zurück in seine Heimat: Tarsus, die Regionalstadt von Kilikien. In der Region baut er erste Gemeinden auf. Und am Markt in Tarsus ist auch heute ein Schild angebracht: „Hier lebte und studierte der große Philosoph Paulus“.
Nicht weit von Tarsus entfernt liegt die Mittelmeerinsel Zypern. Dort lebt ein Levit namens Josef. Als Jerusalemer Tempeldiener wird er Christ. Seine Freunde nennen ihn: Barnabas: Sohn des Trostes. Er wird auf Paulus aufmerksam. Und Barnabas nimmt Paulus mit zu einem ersten kurzen Besuch bei Petrus in Jerusalem.
Danach beruft Barnabas den Paulus nach Antiochien, um der Gemeinde dort zu helfen. Und gemeinsam unternehmen sie von dort ausgehend eine erste gemeinsame internationale Team-Reise.
So belegt Paulus in unserem Briefabschnitt seine Legitimation als Apostel und seine Richtlinienkompetenz für die Kirche.
Auch wir sind heute berufen, das Evangelium weiterzusagen. Wir brauchen kein anderes Evangelium zu erfinden. Das Evangelium ist uns überliefert ist durch den Heiligen Geist und die Bibel in Übereinstimmung mit den anderen Aposteln. Aber auch wir brauchen heute eine Berufung und Legitimation. Bei Paulus erkenne ich eine dreifache Berufung: Eine fachliche, eine innere durch den Heiligen Geist und eine durch Menschen mitgeteilte. Auf was berufen Sie sich heute, das Ihnen Grundlage und Vollmacht gibt, das Wort Gottes zum Bau seiner Gemeinde weiterzugeben? Sind es Zertifikate von Menschen oder ist es eine Begegnung mit Jesus und eine daraus erwachsene, lebendige und intime Beziehung mit ihm?!
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