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/ Bibel heute

Weherufe gegen die Pharisäer und die Lehrer des Gesetzes

Martin Schlue über Lukas 11,37-54.

Als er noch redete, bat ihn ein Pharisäer, mit ihm zu essen. Und er ging hinein und setzte sich zu Tisch. Als das der Pharisäer sah, wunderte er sich, dass er sich nicht vor dem Essen gewaschen hatte. Der Herr aber sprach zu ihm: Ihr Pharisäer, ihr haltet die Becher und Schüsseln außen rein; aber euer Inneres ist voll Raub und Bosheit.[...]

Lukas 11,37–54

Jesus lässt sich zum Essen einladen – wie nett. Beim Essen kann man am besten über Gott und die Welt reden und kommt sich auf eine feine Weise näher. Obwohl – hätte der Pharisäer besser zugehört, was Jesus gerade vorher gesagt hatte, dann hätte er sich das mit der Einladung vielleicht doch noch mal überlegt. Aber jetzt ist es zu spät. Jetzt sitzt er schon am Tisch und ist bereit, sich auf diesen Menschen einzulassen.

Der Gastgeber schluckt – obwohl es noch gar nichts zum Schlucken gab. Er wundert sich. Nämlich, Jesus setzt sich einfach so an den Tisch. Wusste er denn nicht, dass man sich vor dem Essen waschen musste? Die Pharisäer nehmen das sehr genau. Dabei geht es nicht um Hygiene, sondern um eine stumpfe Zeremonie. Mit dem Wasser aus ungefähr 1 ½ Eierschalen muss man sich in einer festgelegten Abfolge Arme und Hände beträufeln. Hygienisch gesehen ist das Quatsch. Von Gott aus gesehen genauso. Denn so etwas hat Gott nie verlangt. Das war höchstens gut dafür, sich selber ein nettes Gefühl von Ernsthaftigkeit zu verleihen. Unsinn!

Jesus nimmt deswegen kein Blatt vor den Mund. Er redet nicht wie der bescheidene Gast, der hier nichts zu melden hat. Im Gegenteil: „Ihr seid nur auf Äußeres bedacht,“ sagt er. „Aber um euer Innenleben kümmert ihr euch nicht. Innerlich seid ihr voller Raubgier und Schlechtigkeit!“

Das ist krass. Die Kritik Jesu ist messerscharf. Insgesamt ruft er sechsmal „Wehe euch!“ über den theologisch Gebildeten aus. Sie nehmen es übergenau mit dem Zehnten, den sie geben – aber am Recht und der Liebe gehen sie vorbei! Sie sind scharf auf die Ehrenplätze. Wollen anerkannt und geehrt werden. Dabei seien sie wie überwucherte Gräber, an denen man sich verunreinigt, selbst wenn man unwissend drüber läuft. Jesus wirft ihnen vor, wer mit ihnen Gemeinschaft hat, wird in schlimme Abgründe gerissen.

Die Ausübung ihrer religiösen Vorschriften hat Priorität. Es geht mehr darum, alles peinlich genau richtig zu tun, als ‚das Richtige‘ zu tun. Es ist ihnen wichtiger, die Form einzuhalten, als das eigene Herz vor Gott hinzuhalten. Sie achten akribisch darauf, immer im richtigen Rahmen zu bleiben, aber sie sind schon lange nicht mehr im Bilde. Ihre Denke ist: Wenn wir alles genauestens befolgen, dann sind wir in Gottes Augen gute Menschen.

Auch heute gibt es diese Art von Religiosität noch. Damit meine ich jetzt gar nicht mal das heilige Bad im Ganges oder die Pilgerreise nach Mekka. Auch im christlichen Umfeld begegnet mir das: das strenge Einhalten eines bestimmten Feiertages, an dem man auf keinen Fall irgendwas tun darf, was nach Arbeit aussieht. Oder das Verwenden eines bestimmten Wortschatzes, damit ich von den anderen Mitgliedern der Gemeinde auch anerkannt werde. Oder einfach nur bestimmte Haltungen beim Beten, die, ohne dass man es merkt, plötzlich wichtiger sind als das Herz vor Gott auszuschütten.

Typisches religiöses Verhalten. Ich könnte auch sagen: gesetzliches Verhalten. Und damit genau das Gegenteil von dem, was Gott sich für unser Leben wünscht. Man kann jeden Morgen seine Bibel lesen, jeden Sonntag in den Gottesdienst gehen und einen Dauerauftrag für ein christliches Werk eingerichtet haben und dennoch hartherzig, ungeduldig und lieblos mit seinen Mitmenschen umgehen. Nach außen fromm reden, aber in der Woche schwarzarbeiten und unehrlich gegenüber dem Vorgesetzten sein – Jesus würde sagen: Das sind eigentlich keine Christen.

Schon die Propheten riefen die Menschen auf: Bessert euer Leben und euer Tun! Was nützt es, wenn ihr eure gutgemeinten Opfer bringt, aber euer Herz bleibt kalt?

Im Grunde haben wir es hier mit dem altbekannten Unterschied zwischen Gesetz und Evangelium zu tun. Gesetz meint die Vorschriften, die wir Menschen erfüllen müssen. Darauf springt unser religiöses Empfinden an. Aber Jesus kam und hat uns das Evangelium gebracht. Und Evangelium heißt wörtlich „frohe Botschaft“. Was, bitte schön, soll an diesen kleinlichen Vorschriften mancher Frommer eine „frohe Botschaft“ sein? Jesus selber hat das Gesetz erfüllt. Und – wie wir hier sehen – sind das nicht die Pseudo-Waschungen vor dem Essen, sondern die wirklichen Forderungen Gottes. Zum Beispiel „Du sollst Gott lieben von ganzem Herzen und ganzer Seele…!“

Gottes Forderungen führen zum Leben und durchfluten uns mit Licht und Liebe. Die nimmt Jesus ausgesprochen ernst und hält sie wie kein anderer. In der Bergpredigt hat er schon klargestellt: „Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz und die Propheten außer Kraft zu setzen, sondern um sie zu erfüllen.“ (Matthäus 5,17 BB)

Indem Jesus die Forderungen des Gesetzes erfüllt hat, gibt es jetzt bei ihm Befreiung von dem Weg des Gesetzes. Ich nenne das mal einen „fröhlichen Freiraum“. Wer an Jesus glaubt, der kann aufatmen. Wer ehrlich zu sich selbst ist, weiß genau, dass er die Befreiung durch sein eigenes frommes Tun gar nicht hinkriegt. Doch hier bei Jesus, da ist alles schon getan! Hier bin ich auf der Seite dessen, der alle Forderungen Gottes schon erfüllt hat. Hier bei ihm bin ich frei, erlöst und fähig, in Liebe zu handeln.

Ein Christ unterhielt sich einmal mit einem anderen Christen. Der erzählte ihm von seinen Ängsten und Unsicherheiten im Glauben, die immer wieder mal aufbrachen. Irgendwann sprachen sie auch über ihr Gebetsleben, das bei dem einen hauptsächlich aus Bitten bestand und nur in Notzeiten deutlich intensiver wurde.

Ein gewisser Stolz schwang mit, als er sagte: „Wenn ich bete, dann hauptsächlich deswegen, um die Dinge unter Kontrolle zu behalten.“ Der andere überlegte etwas und meinte dann: „Das ist interessant. Ich bete Gott gerne als meinen Herrn an und bin sehr dankbar, dass er mich liebhat. Den Hauptsinn von Gebet sehe ich darin, Gemeinschaft mit Gott zu haben.“ Nach einer weiteren Pause sagte er: „Ich glaube, wir gehören zwei verschiedenen Religionen an. Deine hat 3 Buchstaben, meine hat 5.“ „Wie meinst du das?“, fragte der andere. „Ich dachte, wir sind beide Christen.“ „Nein, dein Glaube heißt „tun“, meiner heißt „getan“. Du lebst von dem, was du tust und tun musst. Ich lebe von dem, was Jesus für mich getan hat. Er hat für mich alle Forderungen Gottes erfüllt und hat mich am Kreuz durch sein Blut von aller Schuld befreit.“

Paulus konnte sagen: „Denn mit Christus ist das Ziel erreicht, um das es im Gesetz geht: Jeder, der an ihn glaubt, gilt vor Gott als gerecht.“ (Römer 10,4 BasisBibel).

Ein Satz aus unserem heutigen Bibeltext sticht noch heraus. Jesus wirft den Schriftgelehrten vor (V. 52): „Weh euch Schriftgelehrten! Ihr habt den Schlüssel der Erkenntnis weggenommen. Ihr selbst seid nicht hineingegangen und habt auch denen gewehrt, die hineinwollten.“ So drastisch geht Jesus gegen Gesetzlichkeit vor. Machen wir uns bewusst: Wer in gesetzlicher Weise immer das eigene Tun betont, verhindert die Erkenntnis des einzig wahren Wegs in den Himmel, nämlich den durch den Glauben an Jesus Christus. Wer immer ängstlich danach fragt: „Darf ein Christ dies oder das? Und wenn ja, mache ich das auch richtig?“ – der blockiert für andere den einzigen Weg zu Gott. Denn dieser Weg bedeutet: weggucken von mir, hinschauen auf Jesus und sein Tun!

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Kommentare (1)

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Regina H. /

Vielen Dank für diesen Beitrag; tun und getan, das ist der Unterschied zum befreiten Leben als Christ