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/ Bibel heute

Zungenrede und prophetische Rede (1)

Jörg Grundmann über 1. Korinther 14,1-11.

Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! Denn wer in Zungen* redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott; denn niemand versteht ihn: im Geist redet er Geheimnisse. Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.[...]

1. Korinther 14,1–11

In einer Gemeinde können sich schnell Konflikte einnisten. Besonders wenn sehr begabte und initiative Menschen in eine Gemeinde kommen und sich einbringen. Dann kommt schnell Neid auf: „Warum kann der das so gut? Haben wir denn bisher alles falsch gemacht?“ Andererseits besteht die Gefahr, dass der Begabte auf die anderen herabschaut: „Warum machen die es sich so schwer? Warum geht das nicht so einfach, wie ich denke?“

In der jungen Gemeinde in Korinth gibt es Leute, die sich viel darauf einbilden, besonders vom Geist Gottes begabt zu sein. Sie reden in unverständlichen Sprachen. Daran ist weniger ihr Verstand als vielmehr der Geist Gottes beteiligt. „Zungenrede“ nennt das die Bibel. Manche Christen können dann in ganz unverständlichen Sprachen reden und beten, in den Sprachen der Engel. Die Apostel sahen darin die Erfüllung von dem, was Jahrhunderte vorher in der Bibel durch den Propheten Joel angekündigt war.

Die verschiedenen Gaben

Nun bringen besondere Begabungen auch besondere Gefahren mit sich. Plötzlich bilde ich mir ein: „Ich bin wer“, „Ich bin besser als die anderen“, „Ich bin ein wirklich guter Christ“. An diesem Punkt setzt Paulus sein Achtungssignal. Er schreibt uns ins Stammbuch: „Strebt nach der Liebe!“ Die Gaben haben verschiedene Funktionen für die Gemeinde. Sie sollen der ganzen Gemeinde dienen, nicht dem Einzelnen. Wer mit einer besonderen Gabe ausgerüstet ist, darf sich darauf nichts einbilden. Alle Gaben und aller Einsatz sollen eine Zielrichtung haben: dass die Gemeinde gebaut wird.

In jedem Orchester gibt es unter allen Instrumenten ein Besonderes: Das ist die erste Geige. Sie wird besonders herausgestellt. Sie gibt den Ton an, sie führt und trägt die Melodie. In der Gemeinde gibt es besondere Gaben. Doch wie schnell bilde ich mir ein, ich spielte mit meiner Gabe die erste Geige? Doch wer gibt den Ton an in der Gemeinde? Wer zeigt die Richtung und das Ziel? Doch niemand anderes als Jesus Christus selbst. So sollte es zumindest sein: Nur unter seiner Führung wird das Orchester eine herrliche Musik spielen. Ihm sollen wir mit unseren Gaben dienen. Seine Liebe soll durch unser unterschiedliches Handeln sichtbar werden, wenn wir unsere Gaben einsetzen.

Die Geistesgaben

Paulus stellt eine Gabe besonders heraus: „Bemüht euch um die Gaben des Geistes,“ schreibt er, „am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede!“ Richtig gebraucht fördert diese Gabe das Gemeindeleben. Aber was ist damit gemeint?

Die prophetische Gabe – das heißt nicht aus dem Kaffeesatz die Zukunft zu lesen, sondern das, was Gott einem Menschen für eine bestimmte Situation oder Person offenbart. Paulus sagt: „Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung.“

Natürlich ging es in den Gottesdiensten der Gemeinde in der Weltstadt Korinth sehr bunt und lebendig zu. Doch manchmal war es auch einfach ein großes Durcheinander. Als ich meine ersten Besuche gemacht habe bei russlanddeutschen Christen, die vor längerer Zeit bei uns angekommen sind, erlitt ich einen kleinen Kulturschock. Ich habe etwas zur Tageslosung der Herrnhuter Brüdergemeine gesagt und dann habe ich eingeladen zum Gebet. Da ging es aber los! Normalerweise bete ich mit den Leuten und gemeinsam stimmen wir dann ins Vaterunser ein. Aber hier war eine ganz andere Situation. Das Wohnzimmer voller Gäste und alle beteten wild durcheinander! Keiner hat dem anderen zugehört, jeder hat sein Gebet vor Gott gebracht. Was für ein lebendiger Glaube! Ganz ähnlich wird es in Korinth gewesen sein – dort aber im ganzen Gottesdienst! Die einen sangen ein geistliches Lied, einen Psalm, jemand anderes redete in Zungen, die dritten machten eine prophetische Ansage, die vierten lehrten usw. – alles wild durcheinander. Das vermischte sich zudem noch mit einem geistlichen Konkurrenzkampf, in möglichst unverständlichen Sprachen zu reden. Und genau da muss Paulus einschreiten: nicht mehr die Erbauung der ganzen Gemeinde ist hier im Blick. Jeder will sich mit seinen Gaben selbst darstellen: „Ihr seid wie eine wildgewordene Armee, und die Signalposaune, auf die es ankommt, um in den Kampf zu ziehen, gibt nur einen undeutlichen Ton.“

Ordnung ins Chaos

Nein, sagt Paulus, alles muss der Erbauung der Gemeinde dienen. Dass sie unterrichtet wird im Wort Gottes, dass sie es versteht, dass sie lernt, es auf die konkrete Situation anzuwenden, dass Gott sein Handeln und seinen Plan der Gemeinde enthüllt.  

Im September 2023 verstarb Uwe Holmer, der Pastor, bei dem Honecker wohnte. Als damals im Januar 1990 die Anfrage kam, ob denn die Lobetaler Anstalten Platz hätten, um Erich und Margot Honecker aufzunehmen, sagten viele Mitarbeiter: „Das können wir nicht tun. Wir sind ein Ort von ganz schwachen Leuten. Geistig Behinderte, Epilepsiekranke, ... Wenn Honeckers zu uns kommen, dann gibt das Unruhe im Dorf! “ Uwe Holmer erinnerte sich aber daran: „Wir beten jeden Sonntag in der vollbesetzten Kirche: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.‘ Sollte es vielleicht so sein, dass wir einmal ein Zeichen setzen in unserem Volk: Wir sind zur Vergebung bereit.“ Er sagt: „Mir war das wichtig, dass in unserem Volk nun nach der Wende, nach dem Fall der Mauer nicht Hass und Bitterkeit und Wut und Aufruhr kommt, denn das wusste ich, dann gibt es kein gutes Ende. ... Denn alles Gute kann nur im Frieden geschehen.“ - „Alles Gute kann nur im Frieden geschehen.“ Diese Worte halte ich für prophetisch. Aus der allemal gültigen Botschaft der Bibel zeigt hier Gottes Geist in einer konkreten Situation, was konkret zu tun ist – und das mit Worten, die zugleich über die aktuelle Situation hinausweisen, zum Beispiel auch auf unsere aktuelle Zeit.

Die prophetische Gabe

Die prophetische Rede ist eine Gabe, die jedem Christen offensteht. Wir brauchen nur Gottes Geist darum zu bitten. Ihr Wesen ist es, in den Ton der ersten Geige einzustimmen – diesen durch die melodische Spannung zur aktuellen Situation besonders hervorzuheben. Es ist wie bei einem Orchester. Da denkt der Flötist – „auf mich kommt es nicht an.“ Er wird unaufmerksam und verschläft seinen Einsatz. Darauf macht der Spieler der ersten Geige den Dirigenten aufmerksam: „Dieser Ton fehlt mir. Ich brauche den Ton der Flöte, ansonsten ist mein Ton nur halb so eindrücklich.“ Jesus braucht Ihren Einsatz mit Ihren Gaben!

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