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/ Bibel heute

Jesus in Gethsemane

Christoph Müller über Markus 14,32-42.

Und sie kamen zu einem Garten mit Namen Gethsemane. Und er sprach zu seinen Jüngern: Setzt euch hierher, bis ich gebetet habe. Und er nahm mit sich Petrus und Jakobus und Johannes und fing an zu zittern und zu zagen und sprach zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wachet![...]

Markus 14,32–42

„Ich hab´s geschafft!“ – So klingt es mir noch im Ohr. „Ich hab´s geschafft!“ So habe ich in den letzten Monaten einige Leute jubeln gehört, die in einem ähnlichen Alter sind wie ich. Aber da gab´s auch andere, die zurückhaltender sagten: „Ich muss noch...“

 

„Ich hab´s geschafft!“ So redet jemand, der in Rente bzw. in Pension gehen kann. Monatelang, was sag ich, jahrelang habe ich auf diesen Tag hingearbeitet. „Ich hab´s geschafft!“ Wohl dem, der sich in einer solchen Situation wiederfinden kann, wo ihm solche Worte leicht von den Lippen kommen.

 

Es gibt aber auch Tage, an denen ich noch Schweres durchzustehen habe, bevor es so weit ist. Vielleicht ist es ein Arztbesuch mit ungewisser Diagnose, der bevorsteht. Oder eine schwierige Operation, deren Termin sich unerbittlich nähert. Es gibt Situationen, und vielleicht sind dies sogar die häufigeren, in denen ich eben noch nicht „fertig“ habe, in denen eventuell sogar eine Weichenstellung angesagt ist, eine grundlegende Entscheidung von mir gefordert ist.

 

Unser heutiger Bibeltext beschreibt uns solch eine Situation. Eigentlich ist es ein Kampf, ein Gebetskampf. Jesus ringt um den richtigen Weg. Jesus, der von seinen Jüngern sonst so souverän in seinen Entscheidungen erlebt wurde, scheint plötzlich unsicher geworden zu sein. Das kennt man gar nicht von ihm. Sogar bei der Versuchung in der Wüste, wohin er vom Geist nach seiner Taufe für 40 Tage geführt wurde, hatte Jesus sich von Satan nicht unterkriegen lassen und dem Bösen bravourös widerstanden. Und auf dem Berg der Verklärung, wie im Markusevangelium, Kapitel 9 – nur 5 Kapitel vor unserem heutigen Text – beschrieben, da war Jesus erst recht in seiner ganzen Hoheit erkennbar geworden. Aus den Wolken heraus hörten er und drei seiner Jünger die Stimme des himmlischen Vaters, der sagte: „Das ist mein lieber Sohn; den sollt ihr hören!“ Und nun Gethsemane, wo Jesus nicht in strahlend weißen Kleidern erscheint, sondern bedrückt, traurig, unsicher.

Jesus ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Als wahren Gott haben ihn die drei Jünger Petrus, Jakobus und Johannes auf dem Berg der Verklärung erlebt. Und hier am Fuße des Ölbergs erleben sie ihn in der Nähe des Kidronbachs als einen äußerst bedrückten Herrn, der anfängt zu zittern und zu zagen und zu Tode betrübt ist. Es sind übrigens dieselben drei Jünger wie zuvor, die Jesus in diese, seine dunkelsten Stunden mitnimmt. Es ist nur dieser kleinste Jüngerkreis, mit dem er bestimmte vertrauliche Situationen teilt.

Gethsemane. Den Namen dieses Gartens könnte ich mit „Ölkelter“ übersetzen. Dort ist Jesus anscheinend öfters mit seinen Jüngern gewesen. Es ist daher auch der Ort geworden, an dem Jesus kurze Zeit darauf gefangengenommen werden konnte, weil der Verräter Judas wusste, dass sich Jesus dort aufhalten würde.

Doch bevor es so weit ist, ringt Jesus um den richtigen Weg. Es ist die „Stunde der Entscheidung“. Jesus ist angefochten. Denn er weiß ja, was ihm bevorsteht. Er hat ja selbst seinen Leidensweg schon 3 mal angekündigt. Und es kommen ihm nun die gleichen Gedanken, wie sie uns kommen, wenn wir uns in einer schwierigen Situation befinden: „Gibt es keine Möglichkeit, hier herauszukommen?“

Für Jesus stellt sich die Frage noch viel dramatischer. Gibt es denn keinen anderen Weg, die Menschheit zu erlösen, als stellvertretend für sie zu sterben? Muss es dieser Leidensweg ans Kreuz sein? Wir sehen hier, dass Jesus durchaus ein Freund des Lebens war und nicht todessüchtig das Ende gesucht hat. Ihm war bange vor dem Sterben. Tröstet es mich, zu wissen, dass Jesus auch Angst kannte? Richtige Todesangst, sodass der Arzt Lukas in seinem Evangelium dieselbe Szenerie mit den Worten beschreibt (Lukas 22, 44): „(Jesus) rang mit dem Tode und betete heftiger. Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen.“

Die Anfechtung, einen leichteren Weg zu suchen, wird dadurch noch größer, dass sich Jesus alleingelassen fühlte. Die, die mit ihm große Dinge erlebt hatten, die er ins Vertrauen gezogen hatte, die, von denen er dachte, dass er sich besonders auf sie verlassen könne, die ließen ihn nun auch noch hängen. Statt mit ihm im Gebetskampf zu stehen, schliefen sie ein. Drei Mal wird dies so geschehen. Es ist einsam geworden um Jesus. Da, wo sonst das Öl gekeltert wurde, wird nun seine Seele zerrieben. Jesus muss sehr enttäuscht gewesen sein. Wie geht er damit um? Seine Fragen an Petrus erinnern uns daran, wie er diesen Jünger schon einmal, nein dreimal gefragt hatte: „Liebst du mich?“ Die Frage jetzt klingt vorwurfsvoll: „Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht, eine Stunde zu wachen?“ Eine Stunde nur hätte gereicht. Das ist hier betont.

Mir ist aufgefallen, dass sich in dieser Szene im Garten Gethsemane alle drei menschlichen Bereiche wiederfinden. Es ist ein zutiefst ganzheitliches Geschehen, das hier stattfindet. Ein Geschehen, das Jesu Körper, seine Seele und seinen Geist einschließt. Jesus selbst sagt: „Meine Seele (hier steht im Griechischen Psyche) ist betrübt bis an den Tod.“ Und später sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Der Geist - hier steht Pneuma – ist willig, aber das Fleisch - Sarx - ist schwach.“ Eigentlich weiß ich als eine, die Gott kennt, was richtig ist, und wie der Weg aussieht, den ich gehen sollte. Aber mein Körper sucht den leichteren. Und der Geist kann durchaus das Richtige wollen, aber die Seele, die die Angst kennt, kann so betrübt sein, dass sie das Fleisch den falschen Weg einschlagen lässt.

Jesus gibt ein Vorbild, wie ich aus diesem Dilemma herausfinde; indem ich im Gebet widerstehe. Es geht nur so, dass ich wach bleibe und bete. Und wenn es sein muss, dann darf ich das einfach auch mit diesen Worten tun, wie sie Jesus benutzte, und die ja nicht zufällig wie Worte aus dem Vaterunser klingen: „Abba, mein Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du willst!“

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