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/ Bibel heute

Jesus in Kapernaum (1)

Jan-Peter Graap über Markus 1,21–28.

Und sie gingen hinein nach Kapernaum; und alsbald am Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte. Und sie entsetzten sich über seine Lehre; denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten. Und alsbald war in ihrer Synagoge ein Mensch, besessen von einem unreinen Geist*; der schrie:[...]

Markus 1,21–28

Da wäre ich gerne dabei gewesen, damals in Galiläa! In der Region im Norden Israels, dem Gebiet zwischen dem See Gennesaret und der Küstenebene war Jesus „daheim“. Hier war „sein Revier“ – günstig gelegen und der Anfang seines mächtigen Wirkens. Dort trat er auf die Straße und sprach: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. Richtet Euer Leben neu aus und glaubt an das Evangelium.“ Dort berief Jesus die Zwölf. Und ich höre förmlich den Evangelisten Markus, wie er nun tief einatmet und seinen Bericht von den nachfolgenden Begegnungen mit dem Wörtchen „alsbald“ einleitet. Alsbald also besucht Jesus die Synagoge, nachdem er mit seinen Freunden nach Kapernaum kommt. Ganz selbstverständlich nehmen sie am Gottesdienst teil. Jeder Laie darf nach der Schriftlesung das Wort ergreifen. Diese Gelegenheit lässt sich Jesus nicht nehmen. Was er genau sagt, wissen wir nicht. Aber Markus betont, welche Wirkung seine Worte in der Versammlung entfalten. „Wer ist der?“, fragen sich die Zuhörer. Sein Wort hat Gewicht. Es hat Macht. Es ergeht in Kraft. Es ist ein wirkendes Wort.

Das mächtige Wort Gottes

In der biblischen Tradition hat das Wort eine unglaubliche Wirkkraft: Durch sein Wort hat Gott die Welt geschaffen. Durch sein Wort spricht er den ersten Menschen direkt an, den er als sein Gegenüber erschaffen hat. Mose hat er später die „Worte des Gesetzes“ gegeben, eine Richtschnur des Lebens, die das Leben erhält. Durch den Mund seiner Propheten hat Gott „Worte des Gerichts“ über die Schuld seines Volkes gegeben – zur Aufdeckung, zur Beunruhigung, zur Ermahnung, zur Veränderung. Gott hat seinem verschleppten Volk aber auch „Worte der Tröstung und der Verheißung des Heils“ gegeben, um es aufzurichten und ihm Hoffnung zu schenken. Und dann sandte er Jesus Christus als Messias. Der ist zugleich das „lebendige Wort Gottes“, das Gott am Ende der Zeiten für alle Menschen gesprochen hat. Das Alte und Neue Testament sind eine Bewegung des lebendigen Wortes, eine Bewegung der frohen Botschaft, eine Bewegung des Hörens und des Gehorsams. Sein Wort kehrt bis heute nicht leer zurück.

An jenem Tag in Kapernaum mitten in Galiläa wirkt Jesus also das, was das Wort sagt. Wäre ich tatsächlich dabei gewesen, hätte mir wahrscheinlich wie den anderen auch der Mund offen gestanden. Markus holt aus: „Erstaunen, ja Entsetzen!“ ist die Reaktion auf die Worte von Jesus. Seine Worte fesseln seine Zuhörer und fordern sie so heraus, dass die Frage auftaucht: „Woher hat er das?“ Ist er doch weder Schriftgelehrter noch ein studierter Theologe. Er redet aber wie einer, der Vollmacht hat. Die Menschen damals bezeichnen das als eine neue Lehre. Sie unterscheidet sich von allem Lehren, das ihnen vorher bekannt war. Es ist neu, so noch nicht dagewesen. Indem Jesus die Herrschaft Gottes ausruft, richtet er sie auf.

Verkündigung des Wortes Gottes

Mich macht das hellhörig und nachdenklich dafür, was Verkündigung des Evangeliums ist. Sind wir eine „Kirche der vielen Wörter“ oder sind wir eine „Kirche des Wortes“? Wie oft gerät die Verkündigung heute zum Darlegen von Gedanken. Vielleicht sehr tiefsinnigen Gedanken, die möglicherweise gute Analysen und Verbesserungsvorschläge beinhalten. Doch zu oft verbleibt dem Hörer die Aufgabe, den mühsamen Weg vom Gedanken ins Leben zu suchen. So kann aus dem Evangelium, der guten Botschaft, eine Verkündigung werden, die ständig etwas von den Zuhörern fordert: mehr Hingabe, mehr Gebet, mehr Engagement, mehr dies und jenes. Mich hat das Evangelium einmal mitten im Vortrag des Theologen Klaus Eickhoff „kalt erwischt“. Eickhoff plädierte für eine Verkündigung, die mehrheitlich davon spricht, wer Gott ist und was er dem Menschen gibt. Denn gute Predigten machen Gott groß. Sie erzählen von seinen Wohltaten an uns Menschen. Sie lassen uns staunen, aufatmen und anbeten. Damals fragte ich mich, wie oft ich schon in der Praxis der Verkündigung als Pastor die Gnade vernebelt hatte, weil ich dem Hörer unterstellte, dass er als Mensch gut sein kann, wenn er sich nur richtig anstrengt. Hat Jesus etwa so gepredigt? Ohne Wenn und Aber machte er stets deutlich, dass wir das Gesetz eben nicht einhalten können. Deshalb wurde er für uns zum Erlöser, um uns zu retten. Mit seiner Tat auf Golgatha und seinem versöhnenden Wort vom Kreuz stiftet er bis heute Ermutigung, Aufrichtung, Vergebung, Befreiung, neues Leben. Verkündigung ist dabei immer ein aktuelles Geschehen! Wenn sein Wort das Herz eines Menschen durchdringt, wird er angemessen reagieren. Aus Dankbarkeit beginnt er dann, den Willen Gottes zu suchen und zu tun.

Das Auswirkungen des Wortes Gottes

Genau das passiert jetzt in Kapernaum. Gott ist in der Verkündung von Jesus so gegenwärtig, dass ein Besessener es nicht mehr aushält und damit beginnt, die Szene zu stören. Die Gegenwart des lebendigen Gottes können die dämonischen Mächte in ihm nicht ertragen. Und gleichzeitig können sie ihm auch nicht widerstehen. So hat Jesu Wort Macht über unsaubere Geister und wie wir später im Markusevangelium erfahren, auch die Macht über die Naturgewalten, die Sünde, die Krankheit, die Hölle und den Tod. Zu seinen Worten treten seine Taten: Die Heilung, Aufrichtung, Lösung aus Gebundenheit durch die Mächte der Finsternis des Mannes, der da so gebunden war. Einige Christen vertreten die Auffassung an dieser Stelle, dass Jesus hier einen „Doppelauftrag“ wahrnimmt, nämlich zu predigen und zu heilen. Aus meiner Sicht geht da bei Jesus aber nichts auseinander. Es besteht vielmehr ein Zusammenhang: Das heilende, befreiende Wirken von Jesus ist nicht ein Zweites, das neben das Wort tritt. Es ist eben gerade die Wirkung und Folge seines vollmächtigen Wortes. Nicht anders als durch die Verkündigung der Herrschaft Gottes geschehen seine Wunder. Jesus gibt allerdings dem Wort die Priorität. Die Wunder sind dem Wort untergeordnet. Sie sind Zeichen und Wirkung der von ihm ausgerufenen Herrschaft Gottes. So sind die Zuschauer des Geschehens mehr als überrascht von der Austreibung des Geistes. Sie verbreiten die frohe Kunde „alsbald“ im ganzen Land. Damit wären wir am Ende nicht nur irgendwie mit dabei. Wir sind zuerst und zuletzt Hörer der guten Botschaft vom Anbruch der Herrschaft Gottes. Und wir können heute erfahren: Sein Wort wirkt, was es sagt!

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