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/ Bibel heute

Das stellvertretende Leiden und die Herrlichkeit des Knechtes Gottes (2)

Traugott Farnbacher über Jesaja 53,6–12.

Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeder sah auf seinen Weg. Aber der HERR warf unser aller Sünde auf ihn. Als er gemartert ward, litt er doch willig und tat seinen Mund nicht auf wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird; und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer, tat er seinen Mund nicht auf. Er ist aus Angst und Gericht hinweggenommen. Wen aber kümmert sein Geschick? Denn er ist aus dem Lande der Lebendigen weggerissen, da er für die Missetat seines Volks geplagt war.[...]

Jesaja 53,6–12

Welch eine tiefgründige Beschreibung und zugleich Deutung des dramatischen Weges eines Menschen gibt der Prophet Jesaja mit diesen Versen! Man betitelt diese markanten Worte auch „Gottesknechtslied“ – eines von insgesamt vieren in diesem Jesajabuch. Der Prophet kündigt hier eine große Wende für die ins Exil verbannte Judäer an und bettet mitten in diese Aussagen die Beschreibung einer ganz besonderen Gestalt. Diese Person wird zum Knecht Gottes und dieser wird eine Wende herbeiführen, um den dunklen Weg seines Volkes in eine neue Zukunft zu führen.

Die Beschreibung des Auftretens und Handelns dieses Gottesknechtes ist von drei Merkmalen geprägt: (1) Gott selber erwählt sich eine Person, um die Verbannten ins Land, in die Freiheit zurückzuführen. Welch ein Kontrast dazu: (2) Das Volk Gottes, wir Menschen gehen falsche Wege, in die Irre, sind wie zerbrochen, rechnen nicht mehr mit Gott. Doch in alledem (3) erbarmt sich schließlich Gott durch diesen Gottesknecht. In der Not seines Volkes setzt Gott seinen Erwählten zum Retter ein.

Die frühe Christenheit hat diese Worte aus dem Buch Jesaja wohl gekannt und genau gelesen. Und sie konnte nicht anders, als in diesen Versen eines zu erkennen: Hier wird bereits Jahrhunderte vor dem Wirken, Leiden und Auferstehen ihres Herrn sein Weg zu ihrem Heil beschrieben, das er vollbracht hat. So erhält bereits die erste Generation der Christen eine großartige Hilfe, den schier unfassbaren Weg Jesu zu deuten.

In ihm können sie und wir erkennen: Gott selber hat in Jesus alles vollbracht für Sein Volk, ja seine Menschheit. Hieraus leitet sich nichts weniger als die Einsicht ab: Wer Jesus war, was er getan hat, was an ihm in seiner Passion geschah, die Jesus gehorsam annahm und die schließlich in den Triumph sogar über seinen Tod mündete – all das ist Gottes Werk selber: Er behielt immer die Regie, ja wollte und konnte genau so vollbringen, wie es in Psalm 98 heißt: „Aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes.“

Erstens: Gott erwählt sich einen Menschen wegen einer besonderen Aufgabe. Das Volk Gottes war zerstreut, hilflos, fern der heiligen Stadt und ihres Tempels. Ja, in der zweiten Generation in dieser Entfremdung hatten sich Viele schon daran gewöhnt oder vergessen, wohin sie eigentlich gehörten, was ihre Heimat war. Da waren auch viele Starke darunter; sie konnten sich arrangieren und aus ihrer Lage alles Mögliche rausholen. Letztlich aber waren sie alle weit weg von ihrer Berufung, ihrem eigentlichen Lebensraum, verloren in der Entfremdung. Jeder sah nur noch auf seinen Weg, sein Fortkommen – um gerade noch zu überleben: Vers 12. Da kommen mir manche Vergleiche zur heutigen Weltlage in den Sinn.

Genau deshalb erwählt sich Gott eine Person, die sich dieser Entfremdung annimmt. Keinen hohen Edlen, sondern einen, den Gott mit Krankheit schlug: dessen Leben machte er zum Opfer für die Schuld Vieler. Durch diesen Erwählten aber beweist Gott, dass er die Lage der Verbannten immer noch kennt, ja unter Kontrolle hat. Der bald auftreten wird, ist keine oberflächliche Siegernatur, kein Individualist, immer von Erfolg gekrönt.

Gott erwählt einen Knecht, der durch sein Leiden die Not der Menschen wenden wird. Durch seine Hand wird ein wunderbarer Rettungsplan ausgeführt. Denken Sie an Ihre Lebensgeschichte und Ihr Umfeld: Wie oft habe ich mein Versagen verschwiegen oder geleugnet, sehe ich vor allem auf meinen eigenen Weg, meinen Vorteil oder mein persönliches Problem. Ja, ich sorge mich auch um Menschen, die einfach nicht wahrhaben wollen, dass sie in die Irre gehen. Wer aber kann und wird da helfend eingreifen?

Damit bin ich bei der zweiten Einsicht: Gott weiß über jedes Defizit, um die Krankheiten, die falschen Wege, um die Schuld seines Volkes genau Bescheid. Schonungslos beschreibt der Prophet die Lage der Menschen. Heute blicken viele sorgenvoll auf die nun anstehende Jahreswende: Wird es, im ganz Persönlichen, mit meiner Krankheit, in der Ehe besser werden? Werde ich Menschen an meiner Seite haben, die mit Klugheit, Liebe und Zuwendung meine Wege wahrnehmen und begleiten? Und was wird aus all der unermesslichen Schuld auf den großen Bühnen mit der Menschheit, der Weltgesellschaft an Ungutem entstehen?

Werden wir angesichts des Irrsinns Mächtiger, der Zerstörung der Lebensräume überhaupt eine Zukunft haben? Was ist mit unseren Nachkommen? Achten nicht zu viele in Politik, Wirtschaft, auch meiner Umgebung nicht letztlich doch auf ihre Eigeninteressen und verrennen sich dabei, ohne sich dies überhaupt einzugestehen? Jesaja stellt dies alles in den weiten Horizont der großen Zuwendung und Liebe Gottes: Nichts und niemand ist ihm egal oder auch einige Nummern zu groß!

Denn das Entscheidende am Gotteswirken durch seinen Knecht ist drittens: Die Missetat seines Volkes selber hat den Knecht geplagt, ja gemartert. Wegen ihr wurde er geschlachtet wie ein Schaf, erlitt Angst, wurde Übeltätern gleich gerechnet und aus dem Land der Lebendigen weggerissen. Das klingt nach einem Gerichtsverfahren gegen diesen Knecht. Dieser Weg aber war der Wille Gottes, denn durch sein Leiden „warf der Herr unser aller Sünden auf ihn“. Vers 5 direkt davor heißt es so wunderbar klar: „…damit wir Frieden hätten und durch seine Wunden geheilt sind.“ Das Volk, jeder Mensch hat seine Bestimmung in der ewigen Liebe Gottes; darum kämpfte der Gottesknecht – und dies siegreich. Und deshalb wird er „das Licht schauen“, ja verschafft er als „Gerechter den Vielen Gerechtigkeit“: Er selber trägt die Sünden hinweg. Sein Leben hat daher eine Zukunft, und mehr als dies: Sein Weg ist Gottes Weg und muss erfolgreich sein, zumal er Nachkommen haben wird und auch die Starken gewinnt.

Dass dies die Geschichte Jesu ist, die der Prophet schon schauen und vorzeichnen durfte, wird klar – und ermutigt uns in unsrem Glauben: Jesus vollbrachte durch diesen Weg auch unsere Erlösung. Also sind diese Verse auch eine Einladung an uns, nicht wie gebannt auf Dunkles im vergangenen Jahr oder verunsichert in die ungewisse Zukunft zu blicken: Der den Weg seines Knechtes Jesu kannte und vollzog, hat unsere Schuld und alle Not auf Sein großes Herz genommen. Um seinetwillen wird uns seine Gerechtigkeit zuteil. Den er zum Herrn eingesetzt hat, hält unser Leben in Seiner guten Hand: Die Entfremdung muss und wird ein Ende nehmen!

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