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/ Bibel heute

Bitte um neuen Segen

René Cornelius über Psalm 85.

Ein Psalm der Korachiter, vorzusingen. HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande und hast erlöst die Gefangenen Jakobs; der du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk und all ihre Sünde bedeckt hast; – Sela –

Psalm 85

Also, ich muss gestehen, ich bin fasziniert von den Psalmen in der Bibel. Und ja, ich weiß, alleine das Wort „Bibel“ ruft schon in vielen Menschen ganz unterschiedliche Reaktionen hervor. Die einen können damit so rein gar nichts anfangen, so nach dem Motto: „Bitte was? Die Bibel? Wo lebst du denn?“

Wieder andere sind da vielleicht ein wenig rücksichtsvoller und denken sich nur: „Naja, wem‘s gefällt.“ Und wieder andere lassen sich auf diese uralten Texte ein und gehen für sich selbst einfach mal auf Entdeckungsreise, Es gibt also eine ganze Bandbreite von Reaktionen alleine nur auf das Wort „Bibel“ hin.

Aber was sind denn jetzt nun die Psalmen in der Bibel?

Mancher kennt das vielleicht gerade noch in Redewendungen, z.B. „Rede doch mal hier jetzt keinen Psalm!“ Aber damit weiß ich immer noch nicht, was ist denn überhaupt ein Psalm?

Vielleicht so viel: Die Psalmen sind eigentlich gesungene Gebete. Sie sind Poesie. Eine Form von Liedern, die mit Instrumenten begleitet wurden, uralt, teilweise bis zu 3.000 Jahre alt. Da haben sich Menschen hingesetzt und haben das, was sie ganz tief innerlich bewegt in Lied- und Gebetsform gepackt.

Und das ist absolut zeitlos. Ich hab´ letztens mit meiner fast 15-jährigen Tochter zusammen auf der Couch gesessen und sie hat mir Lieder aus einer ihren Lieblingsplaylisten vorgespielt. Sie hat dabei teilweise mitgesungen und mir erzählt, warum sie dieses oder jenes Lied besonders mag und auch, was ihr an den Texten so gefällt.

Und genau darum geht es doch auch in den Psalmen. Die Psalmdichter sind Menschen, die das Leben beobachten. Sie haben ihre Fragen und Sehnsüchte und versuchen, all das mit ihrem Glauben irgendwie in Einklang zu bringen. Und sie schreiben darüber, sie dichten, sie komponieren.

Und weil ihr Alltagserleben mit ihrem Glauben an einen lebenserhaltenden Gott so ganz natürlich verwoben ist, haben sie auch ihre Gebete und ihre Lieder an Gott gerichtet. Oft verbunden mit einer ganz tiefen Sehnsucht und dem Wunsch, dass der Gott des Lebens doch aktiv eingreifen möge ins Geschehen der Welt. Ein Wunsch, der gerade heute in diesen verrückten Zeiten so rein gar nichts an Bedeutung und Relevanz verloren hat.

Und auch, wenn wir heute in einer ganz anderen Zeit und in einem ganz anderen Kulturkreis leben, bleibt doch genau diese Sehnsucht in vielen Menschen, dass doch bitte jemand Größeres endlich mal Ordnung in das Chaos dieser Welt bringen soll.

Ja, und da bin ich genau bei dem Psalm, den Sie vom Text her schon gehört haben, ein Psalm mit der Nummer 85,

ein Psalm der Söhne Korachs.

Da haben also gleich mehrere Menschen gemeinsam überlegt und gemeinsam gedichtet. Und er beginnt gleich am Anfang mit einer Feststellung:

Der Gott des Lebens ist ein Gott, der gnädig ist und der Gefangene erlöst. Erstaunlicherweise schwingt hier ganz viel Positives mit: „Herr, du bist vormals gnädig gewesen.“ - „Du hast Missetat vormals vergeben.“„Du hast die Schuld deines Volkes vormals bedeckt.“

Das klingt doch so ganz anders als das Gottesbild, das viele Menschen heute in sich tragen. Das ist oftmals so dunkel und negativ belegt. Oder es sieht in Gott nur eine entfernte Kraft, die überhaupt nichts mit unserem Leben im Hier und Jetzt zu tun hat.

Die Söhne Korachs scheinen das ein wenig anders zu sehen. Ein Gott, der immer wieder gnädig ist und der Gutes für uns im Sinn hat, der sich aber auch ärgern kann über das Unverständnis seiner Geschöpfe, um dann aber auch wieder zugewandt und liebevoll zu sein. Spannenderweise beschreibt der Apostel Paulus im Neuen Testament, wie sich dieses Ärgern Gottes mitunter zeigen kann: Indem uns Gott nämlich unseren eigenen Gedanken überlässt – er lässt uns einfach machen, so nach dem Motto: „Wenn ihr es unbedingt besser wissen wollt, dann macht mal und seht, wohin alles führt“ (Römer1,21ff.).

Das erinnert mich an eine Haltung, die Eltern mitunter in der Pubertät ihrer Kinder einnehmen, wenn sie merken, dass sie einfach nicht mehr zu den Kindern durchdringen können. Warum? Na, weil die Eltern ja in den Augen der Kinder so komisch geworden sind, weil die Eltern die Kinder ja überhaupt nicht verstehen können und weil die Eltern sowieso aus einer längst überholten Zeit stammen. Verrückt - aber genauso verhalten wir uns als Menschen oft Gott gegenüber. Und was machen die Eltern dann? Hm …

Auch hier gibt es wieder eine gewisse Bandbreite, aber der Spielraum ist klein.

Eltern-Kind-Beziehung

So gibt es eben Eltern, die geben einen Rahmen vor und versuchen, die Beziehung zu ihren Kindern nicht zu kappen. Und versuchen trotzdem für die Kinder da zu sein, wenn sie mal Hilfe brauchen, auch wenn man über die Ursachen nur noch mit dem Kopf schütteln kann.

Schön ist es dann in solch einer Situation, wenn die Kinder kommen und selbst nach Hilfe fragen: „Du, kannst du mir vielleicht helfen, ich komm hier alleine nicht so richtig klar“.

Spannend, denn in gewisser Weise passiert das auch hier im Psalm 85: „Hilf uns, Gott, unser Heiland“. Du bist doch der Retter, unser Helfer. „Willst du uns denn nicht wieder erfrischen, dass dein Volk sich über dich freuen kann?“ Da spricht eine tiefe Sehnsucht nach einem positiven Leben aus dem Herzen der Lied-Dichter, nach Erfrischung und nach Freude.

Die Söhne Korachs wissen, dieser Gott des Lebens möchte uns eigentlich Gutes tun, möchte uns helfen, im Leben klarzukommen, möchte, dass wir gut und vernünftig miteinander umgehen. Denn genau das ist es ja, worüber Gott den Kopf schüttelt: über unsere harten Herzen im Umgang miteinander, unsere ganze Rechthaberei, die ganzen Streitigkeiten, die Aggression gegenüber Menschen, die anders sind oder anders denken.

Die Schlagzeilen sind doch jeden Tag voll von den Auswirkungen unserer „Pubertät“. Nur leider kommen die wenigsten von uns wirklich auf die Idee, diesen Gott des Lebens in ihr eigenes Lebenskalkül mit hineinzunehmen, einfach mal selbst auf Entdeckungsreise zu gehen. Wie schon gesagt, viele haben da eher ein negatives und dunkles Gottesbild, wenn überhaupt.

Auch die Psalmdichter wissen natürlich, dass unser Leben auch manchmal wirklich hart und schwierig sein kann. Deswegen heißt es auch dort im Psalm 85: „Ich wünschte mir, ich hörte Gott sagen.“ Da wünscht sich also auch ein gläubiger Mensch etwas, was er jetzt gerade nicht erlebt.

Und dennoch folgt direkt danach die innere Gewissheit: „Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten.“ Der Ausdruck einer ganz tiefen Zuversicht.

Um das deutlich zu machen, verwenden die Söhne Korachs in ihrem Psalmlied verschiedene Bilder, um zu beschreiben, was passiert, wenn Menschen sich auf Gott einlassen, wenn sie seine Hilfe annehmen. „Güte und Treue werden einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede werden sich küssen“. Wow, das ist mal ein Bild, ein Bild von Nähe und Intimität zueinander: „Sie werden sich küssen“.

Oder auch, „Dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue“„Dass auch uns der HERR Gutes tue, und unserem Land seine Frucht gebe“. Das sind ganz organische Bilder, das ist Dichtung, das ist Poesie.

Vom Herzen her wissen die Psalmdichter, dass es sich lohnt, mit Gott auch im normalen Alltag zu rechnen. Sie reden mit diesem Gott, sie wünschen sich sein Eingreifen ins Chaos dieser Welt. Sie wollen innerlich für Gottes Wirken offen sein, weil sie wissen, das Ergebnis ist gut, es lohnt sich! Das ist eine wunderschöne Einladung, die mir selbst auch ganz tief aus dem Herzen spricht.

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