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/ Bibel heute

Hiobs erste Antwort an Zofar

Günther Röhm über Hiob 12,1–6.

Da antwortete Hiob und sprach: Ja, ihr seid die Richtigen, mit euch wird die Weisheit sterben! Ich hab ebenso Verstand wie ihr und bin nicht geringer als ihr; wer wüsste das nicht?[...]

Hiob 12,1–6

Es gibt Leiderfahrungen, da bleibt mir die Sprache weg. Ich denke an eine 27jährige Mutter von drei kleinen Kindern. Sie wohnte uns direkt gegenüber. Mit ihren drei Kindern ging sie zum Einkaufen und bekam im Laden eine Lungenembolie und starb noch dort.

Ein Schulfreund meiner Tochter, ein junger, sportlicher, kräftiger Mann, Krankenpfleger, 24 Jahre alt, wurde als einer der Ersten gegen Corona geimpft, 4 Tage später war er tot.

In meiner Dienstzeit als Pastor habe ich einige solcher dramatischen Fälle erlebt und begleitet. Da blieb mir angesichts des Leids schlicht die Sprache weg und in das Herz schleicht sich der Gedanke: Kann ein Mensch angesichts solcher Katastrophen noch an Gott glauben? Hat Gott wirklich alles in seinen Händen?

Bei Hiob sitzen seine drei Freunde. Sie halten mit ihm sein Leid aus. Sie halten angesichts des Leides nicht nur eine Schweigeminute, sondern eine Schweigewoche. Sie zeigen Hiob: Wir wissen auch keine schlüssige Antwort auf diese Frage - aber: Wir sind da! Du bist in Deinem Leid nicht allein!

Das ist schon mal was.

Ich habe gelernt: Ein leidender Mensch braucht oft keine Worte, sondern einfach nur die stille Präsenz eines lieben Menschen und dessen stillen Händedruck oder eine Umarmung.

Nach einer Woche des Schweigens und des Leidens bricht der ganze Frust, die Wut, die Verzweiflung, die Trauer aus Hiob heraus. Seine Freunde hören seine Klage:

  • Wie er sich selbst verflucht,
  • Wie er den Tag seiner Geburt verflucht
  • Wie er sich fragt, weshalb er überhaupt lebt und diese Katastrophen überlebt hat.

Sie hören:

  • Wie Hiob Gott anklagt und anschreit
  • Wie der Schmerz des Hiob wie ein Dammbruch aus ihm herausbricht!

Als Hiob innehält, versuchen sie ihm eine angemessene Antwort auf seine Klage zu geben.

Allerdings sind die Antworten der Freunde Schulantworten. Es sind Antworten, die sie sozusagen im Religions- und Konfirmandenunterricht gelernt haben. Es sind typische und klassische Antworten, die immer wieder angesichts des Leids gegeben werden – aber letztlich Hiob nicht trösten.

Die Antworten der Freunde

Als erster antwortet Eliphas von Teman. Er ist „der älteste und gewandteste von den dreien. Er bezieht sich auf seine religiös gelernte Erfahrung“.[1] Eliphas schlüpft gerne in die Rolle des Lehrers nach dem Motto: „Ich weiß Bescheid! Ich bin Lehrer – du bist Schüler; ich sage dir, wie es geht! Und wenn ich Dir die richtigen Antworten gebe, dann kommst Du schon mit deinem Leid zurecht!“ Was er mit seinen theologischen Sätzen sagt, ist durchaus richtig. Aber er erreicht weder den Schmerz noch das Herz des Hiob.

Der zweite ist Bildad von Schuach. Er hat so eine Art Vergeltungstheologie im Kopf. Diese sagt: „Alles geht nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung“. Mit anderen Worten: Jeder bekommt von Gott das, was er verdient. Gott belohnt die Guten und bestraft die Bösen! „Hiob, sei ehrlich! Du bist an Deinem Unglück selbst schuld. Irgendwas hast du getan, deshalb straft dich Gott. Rück raus mit Deiner Schuld!“

Der dritte ist Zophar von Naama. Er ist ein Mensch, der an die Vernunft und Logik appelliert. Er geht logisch, vernünftig, rational vor und sagt: „Hiob, alles in der Welt läuft nach bestimmten Prozessen. Die Zeit wird deine Wunden heilen! Hiob reiß dich zusammen! Sei vernünftig! Lass dich nicht gehen! Tu nicht so theatralisch. Stell dich nicht so an. Leid, Schmerz, Unglück trifft nicht nur dich, andere hat es auch schon getroffen. Die Zeit wird deine Wunden heilen!“

Alle drei geben Antworten: gelernte Antworten, gut gemeinte Antworten. Sie reden klug von Gott!

Aber kennen sie Gott wirklich?

Das ist das Dilemma bis heute. Menschen treten angesichts des Leides in der Welt und im Leben eines Menschen im Namen Gottes auf. Geben Antworten, gut gemeinte Antworten, gelernte Antworten. Sie reden viel und klug über Gott aber – kennen sie Gott wirklich?

Viele Christen sagen im Angesicht des Leides sehr schnell, dass Jesus die Antwort auf alle Fragen ist. Das stimmt natürlich, dass Jesus Christus die Antwort ist.

Aber was sind die Fragen?

Was sind die Fragen eines Hiobs?

Was sind die Fragen eines Mannes, der seine Frau tot im Laden findet und seine drei Kinder schauen ihn verstört mit ihren großen und fragenden Augen an?

Was sind die Fragen einer Mutter und eines Vaters, deren Sohn als einer der ersten an der Coronaimpfung gestorben ist?

Ist Jesus die Antwort?

Und wenn ja: wie?

Die Antworten seiner Freunde hat Hiob auch im Religionsunterricht gelernt. Aber durch sein Leid kommen alle seine gelernten, frommen Antworten auf den Prüfstand.

Hiob leidet darunter, dass ihn seine Freunde mit ihren gelernten Antworten nicht verstehen. Angesichts des Leides versteht er selbst nichts mehr.

Hiob kommt zu dem Fazit:

„Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht (14, 1+2).“  

Ich höre aus diesen Worten zunächst die pure Verzweiflung des Hiob, wie hinfällig der Mensch ist. Seine Lebenszeit ist ihm bestimmt und sie ist begrenzt.

Der Mensch ist nicht einmal wie ein Baum. Hiob sagt:

Ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder ausschlagen, und seine Schösslinge bleiben nicht aus. Ob seine Wurzel in der Erde alt wird und sein Stumpf im Staub erstirbt, so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers und treibt Zweige wie eine junge Pflanze. Wenn aber ein Mensch stirbt: Wo bleibt er (14,7-10)?“

Hiob weiß: Der Mensch ist einmalig. Er kommt nicht wieder. Darum braucht der Mensch einen Halt, der auch dann noch hält, wenn alle seine Stützen brechen.

Hiob sind im Leid alle seine Stützen weggebrochen. Seine gelernten Weisheiten über Gott tragen und trösten ihn nicht. Die theologischen Weisheiten seiner Freunde treffen und trösten sein Herz nicht. Darum sagt er frustriert: „Wie Wasser ausläuft aus dem See, und wie ein Strom versiegt und vertrocknet, so ist ein Mensch, wenn er sich niederlegt, er wird nicht wieder aufstehen; er wird nicht aufwachen, solange der Himmel bleibt, noch von seinem Schlaf erweckt werden (14, 11+12)“.

Später, als Hiob am absoluten Tiefpunkt seines Leides angekommen ist, erlebt er, was kein Mensch machen kann. Das können nur die verstehen, denen es ähnlich ergangen ist, nämlich dass Gott sich ihm offenbart. Hiob bekennt vor Gott: „Ich habe von Dir nur vom Hörensagen vernommen, aber nun hat mein Auge dich gesehen (42,5!)“

Es gibt Leiderfahrungen, da bleibt einem die Sprache weg.

Dann offenbart sich Gott

Aber dann offenbart sich plötzlich Gott. Dann offenbart sich der auferstandene Jesus Christus im Leben eines Menschen und es öffnet sich eine völlig neue Dimension.

Ich denke an die alte Dame: Ihren Mann hatte sie kurz vor dem Krieg bei einem Arbeitsunfall verloren, drei von vier ihrer Kinder kamen im Krieg um. Sie sagte immer, wenn sich kluge, großkopferte Leute in der Gemeinde über irgendwelche Fragen gestritten haben: „Unser Gott macht keinen Fehler!“ Der auferstandene Jesus Christus hatte sich ihr offenbart. Sie hatte diesen Frieden, der wirklich höher war als alle Vernunft (Phil. 4,7). Wo sie war, hat der auferstandene Jesus Christus aus ihr geleuchtet…

Ihr Kommentar

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Kommentare (3)

Herbert M. /

Lieber Bruder Röhm,
vielen Dank für Ihren wertvollen Beitrag zum Buch Hiob. Es liegt mir schon immer sehr am Herzen. Auch meine Frau liebte es. Sie hatte ein Leben voller Schmerzen, Krankheiten und mehr

Susann R. /

Danke für die Ermutigung .

Elisabeth K. /

Herzlichen Dank,sehr geehrter und lieber
Herr Röhm für diese Auslegung.
Oft habe ich den Text gelesen, jetzt sehe ich klarer. Ich bete weiterhin für die Familie meines Verstorbenen Mannes, dass sie mehr