Navigation überspringen

/ Bibel heute

Leiden und Herrlichkeit des Gerechten (1)

Martin Hirschmüller über Psalm 22,1–22.

Vorschaubild: Psalm 22

bibleserver.com

Psalm 22

ERF Bibleserver bietet dir aktuelle Bibelübersetzungen in über 20 Sprachen und viele hilfreiche Funktionen: Übersetzungsvergleich, Kommentare, Notizen, Tags und viele mehr.

bibleserver.com

Wow! Was für Worte, die hier als Gebet an Gott gerichtet sind. Beziehungsweise, was muss der Mensch erlebt haben, der diese Worte betet.

Der Beter

In der Überschrift wird David, der König Israels, als Beter genannt. Und wenn wir uns Davids Lebensgeschichte anschauen, finden wir einige Situationen, in denen er so ernsten Bedrohungen und Verfolgungen ausgesetzt war. Zum Beispiel in seiner Frühzeit, als er schon zum König von Israel gesalbt worden war. Sein Vorgänger Saul dachte nicht im Traum daran, ihm den Thron wehrlos zu überlassen. Bis aufs Blut hat er David jahrelang verfolgt. Immer wieder schien die Lage für David aussichtslos und er wurde nur durch ein Wunder aus den Fängen Sauls gerettet. David musste sich mit wenigen Freunden in der Wüste Negev und im judäischen Gebirge verstecken. Viele, die ihm halfen, wurden dafür von Saul später niedergemetzelt. Sauls Armee bedrohte und verfolgte ihn wie ein „reißender Löwe“. Sauls Soldaten wirkten wie „gewaltige Stiere“ und „mächtige Büffel“.

Und doch: manches in diesem Psalm lässt sich in dieser Frühzeit Davids nicht unterbringen, wie z.B. der Spott und die Häme der Menschen, die entehrende zur-Schau-Stellung des nackten Körpers, die durchbohrten Hände und Füße.

Die jüdische Auslegung

Die jüdische Auslegung weist einen Weg. Im Judentum gilt David als Prophet und seine Worte als prophetisch. David - so einige jüdische Ausleger - redet in diesen Worten also nicht nur über seine persönlichen Erfahrungen. Er redet viel mehr als Prophet, der stellvertretend für sein Volk eintritt. Er nimmt die Klagen über das – auch künftige – Leiden Israels insgesamt auf sich und bringt sie vor Gott. David als Prophet weist dann auf Israel, als den leidenden Gottesknecht hin, wie ihn der Prophet Jesaja in Kapitel 53 dann später vorstellt. Und vieles, das Jesaja im Leiden dieses Gottesknechts wahrnimmt, passt zu unseren Psalmversen. Bei Jesaja heißt es z.B. „ … so entstellt sah er aus, nicht mehr wie ein Mensch und seine Gestalt nicht wie die der Menschenkinder ...“, oder „Er hatte keine Gestalt noch Hoheit...“ und „Er war der Allerverachtetste und Unwerteste, voller Schmerz und Krankheit.“

Hinweis auf Jesus Christus

Ein ganz neues Verständnis für diese Verse aus Psalm 22,1-22 ergab sich für die Menschen, die bei der Kreuzigung von Jesus Christus in Jerusalem dabei waren oder darüber von Augenzeugen informiert wurden. Nach Angabe aller vier Evangelien hat Jesus zumindest den Anfang des Psalms zitiert: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Nach jüdischem Verständnis bedeutet das, dass er damit den gesamten Psalm voraussetzt. Und hier passt der Psalm Vers für Vers genau zu dem persönlichen Ergehen von Jesus. Von den Soldaten, die ihm die Kleider wegnehmen und darum würfeln, über die entehrende Nacktheit und Preisgegebenheit für Schaulustige. Vom Spott, dass er ja Gottes Sohn sei, und dass der ihm jetzt helfen solle, bis zu den mit Nägeln durchbohrten Händen und Füßen. Auch die beschriebenen körperlichen Qualen passen zu den Qualen der Kreuzigung:  Zitat aus Ps 22: „Ich bin ausgeschüttet wie Wasser, alle meine Gebeine haben sich zertrennt; mein Herz ist in meinem Leibe wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, und meine Zunge klebt mir am Gaumen.“ Und nochmal: “Ich kann alle meine Gebeine zählen; sie aber schauen zu und weiden sich an mir.“

Wer die Berichte der Evangelien über den Tod von Jesus am Kreuz liest, wird sehen, dass es eins zu eins auf die Psalmverse von David passt. Ja, es passt so gut, dass manche Theologen den Jüngern von Jesus vorwerfen, sie hätten die Berichte über die Kreuzigung aus Psalm 22 herausgesponnen und erfunden. Aber es ist historisch völlig unglaubwürdig, dass die Evangelisten vier jeweils selbständige Berichte über die Kreuzigung und das alles so erfunden und ersponnen haben sollen. Der Evangelist Johannes war selbst Augenzeuge bei der Kreuzigung, Markus hatte seine Informationen über Jesus von Petrus, Matthäus gehörte selbst zum Jüngerkreis und Lukas hat viele Informationen von Maria und aus der Familie von Jesus aufgenommen. Nein, - es gibt keine plausible Erklärung für diese Übereinstimmung der Evangelien mit Psalm 22 - außer der, dass es einfach so geschehen ist.

Unser Klagen heute und die Heiligkeit Gottes

Und nun? Wir gehen wir Christen heute mit Psalm 22 um? Immerhin wird er in landeskirchlichen Gottesdiensten immer wieder von der Gemeinde gebetet. Wozu? Zum einen, um uns immer wieder vor Augen zu führen, was Jesus durchlitten hat um uns zu retten. Denn nach dem Lied vom leidenden Gottesknecht in Jesaja 53 ertrug Jesus alle diese Qualen stellvertretend für uns.

Zum anderen: Jesus hält auch im tiefsten Leiden und in der tiefsten Gottverlassenheit fest, dass „Gott heilig ist…“ Auch in der dunkelsten Stunde seines Lebens ehrt Jesus seinen Vater, der ihm all das auferlegt hat. Und er hält im Vertrauen an Gott fest. Die erste Hälfte unseres Psalms schließt in Vers 22 mit dem Bekenntnis: „Du hast mich erhört!“

Und schließlich leihe ich mir oft die Worte von Psalm 22 aus, wenn ich Gott - stellvertretend für die vielen leidenden und gequälten Menschen – ihr Leiden vor Gott beklage. Ich weiß oft nicht, was und wie ich beten kann und soll:

  • für die Opfer des Erdbebens in Marokko und die Angehörigen in Kälte, Hunger, Krankheit und Hilflosigkeit,
  • für die Opfer der Überschwemmung in Libyen und alle katastrophalen Konsequenzen für unzählige Menschen, deren Leben dadurch zerstört ist,
  • für die Bürgerkriegsopfer in Syrien und die Flüchtlinge in anderen Ländern,
  • für die Opfer des islamistischen Terrors in Zentralafrika,
  • für die Opfer von Unterdrückung und Despotie im Iran,
  • für die zivilen Opfer in Israel und im Gazastreifen infolge des Terroranschlags der Hamas,
  • und nicht zuletzt für ukrainische und russische Soldaten und ihre Angehörigen.

Beim Missionsbund „Licht im Osten“ hören wir täglich von grauenhaften Verbrechen an der ukrainischen Bevölkerung: Kindesentführungen, Entführung von Verantwortlichen in den besetzten Gebieten zu oft monatelanger Folter in russischen Gefängnissen, von Massenvergewaltigungen und sadistischen Folterungen.

Und wie soll man beten für Menschen, die sich an diesen Gräueln erfreuen und meinen, dies alles geschehe für eine gerechte Sache oder gar für Gott?

Für all diese Gottverlassenheit in unserer Welt fehlen mir oft die Worte. Ich weiß nicht, wofür ich im Blick auf dieses weltweite Elend konkret beten soll. Da greife ich auf diesen und andere Klagepsalmen der Bibel zurück und weiß, dass Gott diese Klage einordnen kann. Und diese Klagepsalmen erinnern mich dann daran, dass Gott heilig ist, und dass er uns trotz allem hält und nicht vergisst.

Ihr Kommentar

Die E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.
Alle Kommentare werden redaktionell geprüft. Wir behalten uns das Kürzen von Kommentaren vor. Ein Recht auf Veröffentlichung besteht nicht.

Kommentare (1)

Friedhelm A. /

Klasse, Danke für deinen Beitrag.
Auch ist die Fehlinterpretationen der modernen Theologie kurz und gut auf den Punkt gebracht, erklärt und die historische, richtige Auslegung gegenüber gestellt.