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Hiobs Klage

Karl-Heinz Schlittenhardt über Hiob 3,1–26.

Vorschaubild: Hiob 3

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Hiob 3

Danach tat Hiob seinen Mund auf und verfluchte seinen Tag. [...] (Hi 3,1-26; LUT)

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Sie haben eben Worte tiefster Verzweiflung gehört. Worte, die einem den Atem stocken lassen.

„Es wäre besser gewesen, nie geboren worden zu sein.“

„Warum bin ich nicht bei der Geburt gestorben?“

„Warum muss ich noch leben?“

Das sind Gedanken, Fragen abgrundtiefer Unzufriedenheit und Lebensmüdigkeit. Wer redet so? Es ist Hiob, ein angesehener, wohlhabender, seinem Gott vertrauender Mann, von dem uns im Alten Testament berichtet wird. Ihn traf ein Unglück nach dem anderen. Er verlor seinen Wohlstand. Seine Kinder kamen um. Dann suchten ihn seine Freunde auf, weil sie von all seinem Unglück gehört hatten. Sie wollten ihm ihr Mitgefühl zeigen, ihn trösten. Sie waren zutiefst erschrocken bei seinem Anblick und erkannten ihn kaum wieder (Hiob 2,12). Was blieb ihnen da zu tun? Wir lesen im Buch Hiob, Kapitel 2, Vers 13: Dann setzten sie sich zu Hiob auf den Boden. Sieben Tage und sieben Nächte saßen sie da, ohne ein Wort zu sagen, denn sie spürten, wie tief Hiobs Schmerz war.

Gehen Sie mit mir noch einen Schritt zurück, dann lernen wir in den ersten beiden Kapiteln einen glaubensfesten Hiob kennen. All die sprichwörtlich gewordenen „Hiobsbotschaften“, die ihn erreichten, scheint er glaubensstark hinzunehmen und wegzustecken. Ein Spitzensatz aus dem ersten Kapitel (1,21): Der HERR hat’s gegeben, der HERR hat’s genommen; der Name des HERRN sei gelobt! Und das aus dem Munde Hiobs. Und jetzt dies: Worte der Klage, tiefster Verzweiflung.

Was ging in Hiob vor?

Was löste der Schatten, die Sonnenfinsternis, die auf sein Leben fiel, aus? Glaube und Verzweiflung können nahe beieinander liegen. Wo Menschen keine Aussicht auf Hilfe und Veränderung mehr sehen, schleicht sich Verzweiflung ein. Was am Anfang noch hingenommen, noch getragen wird, kann auf die Länge des Weges immer mehr zur Last werden. Ich kann Hiobs Verzweiflung und Worte sehr gut nachvollziehen. In einer schwierigen Phase meines Dienstes war ich so am Boden, dass ich am liebsten alles hingeschmissen und meinen Dienst aufgegeben hätte. Menschen, fromme Menschen, setzten mir zu. Ich verstand meinen Herrn, der mich doch in seine Nachfolge und seinen Dienst gerufen hatte, nicht mehr. In meinen Gedanken setzte sich fest: Lieber Straßenkehrer, als noch einmal Pastor einer Gemeinde.

Merken wir uns:

Unser Glaube ist keine Garantie für ein Leben ohne Leiden und Probleme. Wir sind auch nicht bewahrt davor, dass sich unser Blick und unser Empfinden in Krisen, auch wenn wir vorher stark und mutig waren, negativ verändert. Wir sehen nur noch die Probleme und verlieren unseren Herrn aus den Augen. Als Petrus auf Jesus sah, konnte er übers Wasser gehen. Als er auf die Wellen und den Wind sah, ging er unter (Mt 14,30). In einer Auslegung zu diesem Text fand ich den Satz (Dr. Wolfgang Nestvogel): »Ist der Blick auf Gott verstellt, dann macht Leid das Leben wertlos, die Lagebeurteilung bodenlos und die Perspektive aussichtslos.« Wo wir nur noch das Leid sehen, schwindet aller Lebensmut. Das ist die Falle, in der Hiob sitzt. Mit all seinen Fragen, Wünschen und Klagen steht er allein, findet keine Antwort. Darum sollten auch wir immer zurückhaltend sein bei der Frage nach der Ursache für Leid! Wir können es, wie Hiob, nicht ergründen. Trotzdem: Mitten im Leid gilt:

Gott verliert nie die Kontrolle über unser Leben!

Darum sollten wir frühzeitig, schon in guten Tagen, lernen, an Gott festzuhalten, nicht nur dann, wenn die Sonne scheint. Außerdem sollten wir alles wegräumen, was sich zwischen uns und unseren Herrn stellen will.

Eine Frage beschäftigt mich im Blick auf dieses Kapitel noch besonders. Darf man so mit und vor Gott reden? Offensichtlich! Hiob tut, wozu Psalm 62,9 auffordert: „… schüttet euer Herz vor ihm aus“. Hiob macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Ich bin überzeugt: Gott hält auch unsere verzweifelten Worte aus! Hiob ist übrigens nicht der Einzige, von dem uns in der Bibel solche verzagten und verzweifelten Worte berichtet werden. Es ist sicher nicht direkt zu vergleichen, und doch einen Hinweis wert, wie Jesus im Garten Gethsemane im Gebet mit seinem Vater ringt. Im Matthäusevangelium, Kapitel 26 lesen wir: (37) „Jesus fing an zu trauern und zu zagen.“ Er sprach: (38) „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod“, und (39) „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber“. Und auch die Worte Jesu am Kreuz sind nicht ohne (Mt 27,46):

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

 Das sind zuerst Worte, die der Beter des 22. Psalms spricht. Aber genau da liegt schon eine Hilfe: Jesus macht diese Worte der Verzweiflung aus dem Alten Testament zu seinem Gebet! Ihm dürfen wir es gleichtun.

Allerdings – trotz allem Verständnis und bei aller „Berechtigung“, so mit Gott zu reden – im Rückblick beurteilt Hiob seine Worte und sein Reden so (Hiob 42): (3) „Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand? Darum hab´ ich unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. (5) Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. (6) Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche.“

Am Leid, das wir erfahren, brechen Fragen, Grundfragen, des Lebens auf.

So auch bei Hiob. Warum bin geboren? Warum und wozu lebe ich? Was ist der Sinn meines Lebens? Was ist das Ziel? Finden Menschen darauf keine Antworten mehr, bricht Verzweiflung aus. Darum sind wir als Christen den Menschen eine Antwort auf diese Fragen schuldig.

Fünf (unvollständige) Ratschläge dazu:

  1. Kommen Sie zu Jesus! Egal, wie schwer die Last ist. Die Mühseligen und Beladenen hat er zu sich gerufen, ihnen Hilfe versprochen. Wie viele Beispiele finden wir in der Bibel, in denen Menschen sich mit ihren Anliegen und in aussichtsloser Lage an Jesus wandten.
  2. Lege deine Sorgen, Ängste, Zweifel nieder! In einem wunderbaren Lied hat Sefora Nelson diesen Rat weitergegeben. Ihr Lied macht immer neu Mut zu diesem Schritt.
  3. Sei stille in dem Herrn und hoffe auf ihn (Ps 37,7). Auch der Beter des 37. Psalms hat Leid erfahren. Er gibt anderen diesen Rat: Bleibe vor Gott stehen! Halte aus!
  4. Die Erfahrung anderer gibt uns Orientierung: Von Paulus lesen wir (2. Kor 1,8) „Denn wir wollen euch, Brüder und Schwestern, nicht verschweigen die Bedrängnis, die uns in der Provinz Asia widerfahren ist, da wir über die Maßen beschwert waren und über unsere Kraft, sodass wir auch am Leben verzagten; … 9 und wir dachten bei uns selbst, zum Tode verurteilt zu sein.“ Gut, dass Paulus nicht bei diesen Worten Schluss gemacht hat. Denn seine Schlussfolgerung aus allem war: „Das geschah aber, damit wir unser Vertrauen nicht auf uns selbst setzten, sondern auf Gott.“ Auch an anderer Stelle beschreibt Paulus seine Erfahrung im Leid (2. Kor 4,8) „Wir sind von allen Seiten bedrängt, aber wir ängstigen uns nicht. Uns ist bange, aber wir verzagen nicht. 9 Wir leiden Verfolgung, aber wir werden nicht verlassen. Wir werden unterdrückt, aber wir kommen nicht um.“
  5. Ein Rückblick auf gute Zeiten und Erfahrungen mit unserem Herrn. „Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“, sagt ein Beter im Psalm 103,2. Das hat mir in der Situation, die ich durchlebte, geholfen. Dazu viel Geduld und Gebet und Dank.

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