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Der Rangstreit unter den Jüngern

Tom Goeller über Matthäus 18,1-9.

Vorschaubild: Matthäus 18

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Matthäus 18

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„Dem Trübsinn ein Ende“, heißt es in einem Popsong von Herbert Grönemeyer von 1986. Und weiter: „Die Welt gehört in Kinderhände.“ Grönemeyer fordert deshalb: „Kinder an die Macht!“

Hat Jesus das gemeint, als er seine Gefolgsleute aufforderte: „Werdet wie die Kinder“? Ich glaube nicht. Auch wenn es stimmt, dass man zusammen mit Kindern – vor allem mit Kleinen – keinen Trübsinn bläst, sondern herzhaft lachende Lebensfreude erfährt. Und unbeschwertes Tagträumen. Man greift ins Bücheregal und reist mit ihnen nach Panama oder nach Mullewapp oder zu Findus und Petterson nach Schweden. Sie kennen wahrscheinlich diese Kinderbücher. Wenn nicht: Es geht um die heile, positiv-naive, schöne Welt, die zumindest behütete Kinder erleben. Und um ihre Sorglosigkeit. Erwachsene äußern so oft, sie seien „im Stress“ oder von Sorgen geplagt: finanzielle Sorgen, Beziehungs- oder Gesundheitsprobleme. Manchmal gewinne ich im Freundeskreis den Eindruck, alle „haben Rücken“ oder was mit dem Knie. Sehr selten höre ich, dass es jemandem gut geht. Dabei überliefert der gleiche Bibelautor – der Evangelist Matthäus - von Jesus die ausdrückliche Aufforderung: „Macht Euch keine Sorgen … der Vater im Himmel weiß, was ihr alles braucht“ (Mt 6,25-34).

Ich glaube fest daran, dass Jesus auf die kindliche Leichtigkeit und die von Natur aus herzlich-freudige Lebenseinstellung hinweisen wollte. Ich sage: ich glaube daran, dass das so war. Denn die Textstelle im Matthäusevangelium bleibt hierzu tatsächlich etwas unscharf.

Glasklar ist aber die grundsätzliche Mahnung von Jesus an seine Begleiter: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.“ Zweimal „nicht“! Damit wird die Warnung besonders betont. Denn jene in der Bibel als „Jünger“ bezeichnete Anhängerschaft hatte offenbar begonnen, darüber zu streiten, wie man der Größte werden könne, um in den Himmel zu gelangen. Da sie sich nicht einig wurden, fragten sie ihren Lehrmeister. Und dieser wurde deutlich: „Wer sich selbst erniedrigt und wird wie dieses Kind, der ist der Größte im Himmelreich.“

Wichtig an dieser Aussage sind zwei Aspekte: Sich selbst erniedrigen heißt nicht, dass jeder auf Knien im Staub herumrutschen soll. Vielmehr vollendet der zweite Halbsatz den Hinweis Jesu: wer „wird wie dieses Kind, der ist der Größte“ vor Gott. Es geht also ganz eindeutig um die Wesensart von Kindern: sie sind von Natur aus klein, gutgläubig, reinen Herzens und sorglos.

Genau deshalb ist es besonders schlimm, diese kleinen, reinen Herzen zu missbrauchen. Jesus steigert sich förmlich in das Kinderbeispiel hinein, wenn ich das mal so salopp formulieren darf. Er sagt: „Wer einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, …“ Lassen Sie mich, bevor ich den Satz zu Ende zitiere, erst einmal bei dieser Stelle bleiben: Jesus weist seine Jüngerschaft darauf hin, dass „diese Kleinen“ an ihn glauben. Sie hinterfragen nicht religionswissenschaftlich, ob Jesus die jüdischen Gesetze beachtet oder die heilige jüdische Schrift, die Torah, wirklich richtig auslegt, so, wie damals die jüdischen Rechtsgelehrten, die Pharisäer. Jesus fordert mit diesem Halbsatz – nämlich, dass die Kleinen an ihn glauben – von seinen Jüngern den bedingungslosen Glauben an seine Lehre von der Liebe des himmlischen Vaters. Das ist keine leichte Forderung an die Jünger. Immerhin hat später, nachdem Jesus an Ostern von den Toten auferstanden war, einer seiner zwölf engsten Gefolgsleute, der Apostel Thomas, erst geglaubt, als er seine Hände in die Wunden Jesu legen konnte. Thomas war ein Faktenmensch. So, wie nahezu alle Menschen heutzutage. Kinder aber sind anders. Sie glaubten Jesus offenbar das, was er predigte, ohne es zu hinterfragen. Übrigens ein starker Hinweis darauf, dass ein Teil der Jüngerschaft Kinder gewesen sein müssen. Es gibt dazu mehrere Hinweise in den Lebensberichten über Jesus, in den Evangelien. Das ist aber heute nicht das Thema. Vielmehr kommen wir jetzt zum schwersten Teil des Bibeltextes.

Ich fahre fort. Jesus sagt: „Wer einen dieser Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, dass ein Mühlstein um seinen Hals gehängt und er ertränkt würde im Meer, da, wo es am tiefsten ist.“

Wer sie zum Bösen verführt! Da kommen mir und bestimmt auch Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, von selbst die vielen Nachrichten der vergangenen Jahre von Kindesmissbrauch in den Sinn: nicht nur die Skandale in den Kirchen, auch in staatlichen Kinderheimen kommt Kindesmissbrauch vor. Oder die häufigen Nachrichten über Kindermorde. Wissen Sie eigentlich, dass Deutschland im Ausland als ein Land mit hoher Mordrate an Kindern wahrgenommen wird? Wir empören uns gerne über die vielen Todesschützen in den USA, sehen aber den eigenen Balken nicht: in bis zu 40 Fällen pro Jahr bringen Mütter in Deutschland ihre Babys direkt nach der Geburt um.

Wir haben den Begriff „Kindergarten“ kreiert. Wie schön: einen Garten für Kinder – aber unsere Kleinen werden in den KiTas und Kindergärten oft nicht wie zarte Blumen behandelt: die Gruppen zu groß, die Forderung nach Selbstständigkeit zu früh, genervte Eltern, die glauben, dass sie Liebe und Nähe, die die Kinder so sehr brauchen, an professionelle Erzieherinnen outsourcen können, um sich beide beruflich selbstverwirklichen zu können. Auch das ist eine Art von Kindesmissbrauch, denn auf diese Weise kann es passieren, dass die Kleinen ihrer Kindheit beraubt werden. Kann sein, dass ich altmodisch klinge; aber ich bin Vater einer sieben Monate alten Tochter und beschäftige mich gerade sehr intensiv mit diesem Thema. Deshalb hat mich die Forderung des heutigen Bibelzitats nach dem „Werden wie die Kinder“ tief bewegt. Und natürlich auch die Mahnung: Wehe dem, der alleine schon durch sein Auge auf Kinder verführt wird, ihnen Böses anzutun!

Zur Zeit Jesu gab es auch schon körperlichen, psychischen und sexuellen Missbrauch von Kindern durch Erwachsene – ja, also da fordert Jesus, solche Menschen sollen sich lieber selbst die Augen ausreißen. Klingt brutal. Aber wenn es um Kinder geht, hat der sonst Güte predigende Jesus kein Erbarmen. Er fordert keine Todesstrafe für Kindesmissbrauch – aber er fordert jene, die Kindern etwas antun wollen, dazu auf, gegen sich selbst tätig zu werden. Für unsere Moderne könnte das heißen: wer Kindesmissbrauchsneigungen an sich feststellt, sollte sich umgehend selbst in eine Therapie einweisen und Hilfe holen.  

Was können wir nun vom heutigen Bibelabschnitt mit in den Tag nehmen? Als Erwachsener so sorglos zu leben, wie Kinder das tun, ist eine enorme Herausforderung und scheint nahezu unmöglich. Wer so leben würde, dem würde in unserer Gesellschaft Verantwortungslosigkeit vorgeworfen. Viele sind überzeugt, es sei besser, gegen das Schlimmste Versicherungen abzuschließen: gegen alles und jedes Wehwehchen, und es gibt sogar Sterbeversicherungen. Als ob man sich gegen den Tod versichern könnte. Also: Wer schafft es nun, so zu werden, wie die Kinder? Oder besser: Wie gelingt es, zu werden wie die Kinder, um auf diese Weise in die Gemeinschaft Gottes im Himmel aufgenommen zu werden? Loslassen ist das Lösungswort.

Lassen Sie sich von Nachrichten nicht seelisch runterziehen. Malen Sie sich nicht aus, dass die Welt jeden Tag schlimmer wird, dass das Geld im Alter nicht reichen könnte oder dass sich Ihr Lebenspartner von Ihnen trennen will. Wenn Sie sich - wie Kinder – mal nur auf das Schöne und Positive konzentrieren, werden Sie wie von selbst gut gelaunt. Lassen Sie uns jetzt im Herbst gemeinsam den herrlichen, besonders rot-goldenen Sonnenschein genießen. Gönnen wir uns mal, dass wir eine Kollegin oder einen Kollegen, einen Nachbarn, die Verkäuferin beim Bäcker loben. Oder ausgelassen einen Wiesenweg entlang rennen und dabei vor Freude schreien. Es gibt viele Möglichkeiten, jenes Kindhafte in sich zu entdecken und auszuleben. Ich bin mir sicher, Sie haben mich längst verstanden. Deshalb wünsche ich Ihnen einen Jesus-kindlichen Tag.

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Kommentare (2)

Christian R. /

Der heutige Bibeltext passt für den morgigen Weitkindertag ( bin gerade mit meiner Ehefrau in Bad Frankenhausen/Thüringen) am Mittwoch ist hier ein Feiertag, Halleluja

Susanne B. /

Ich denke, Gott gefällt es sehr, wenn wir uns um unsere Kinder kümmern und sie nicht als Last empfinden. Oft erlebe ich in meinem Umkreis Kinder, die sich so sehr danach sehnen wenigstens mehr