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Klage über die Zerstörung Jerusalems

Ulrich Tesch über Psalm 79.

Vorschaubild: Psalm 79

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Psalm 79

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Als Hintergrund dieses Psalms lässt sich am ehesten die Zerstörung Jerusalems und des Tempels durch die Babylonier im Jahr 587 v. Chr. vorstellen. Die Truppen des babylonischen Großkönigs Nebukadnezar haben den Tempel entweiht und in Brand gesteckt. Vor den Toren der Stadt wurden unzählige Menschen hingeschlachtet und ihre Leichen unbestattet der Verwesung überlassen, was als ein besonderer Frevel galt. Damit nicht genug: das am Boden liegende Volk wurde von den umliegenden Völkern schadenfroh verspottet.

Diese traumatischen Erfahrungen haben sich tief in der Erinnerung des Volkes Israel eingeprägt. In mehreren geschichtlichen und prophetischen Büchern des Alten Testaments kann man davon lesen. In diesem 79. Psalm nun wird das Geschehen in einem Gebetstext zum Ausdruck gebracht. Darin bietet der Dichter Asaph den verstörten Menschen Worte für das unsagbar schreckliche Erleben an. Und er sucht Antworten auf die Frage, wie und was man jetzt noch glauben kann.

Damit ist dieser Psalm gar nicht weit weg von Fragen heutiger Menschen, die etwa körperliche Gewalt oder starken psychischen Druck erleben. Oder die die Erfahrung schreiender Ungerechtigkeit machen, die es auch in unserem Land geben kann. Wer selbst nicht betroffen ist, der hört doch beinahe täglich durch die Nachrichten von Unterdrückung und Zerstörung in vielen Teilen der Welt. Dieses Übermaß ist selbst aus der Distanz schwer zu ertragen. Die einen stumpfen ab, andere schalten ab und viele sind sprachlos. Auch ratlos, was man beten soll. Wie und was kann man unter solchen Umständen noch glauben?

Als erstes spricht Asaph die schrecklichen Ereignisse aus. Er tut das sehr sachlich und schildert keine Details. Obwohl ihm selbst vielleicht auch die Bilder von geschändeten Menschen noch immer sehr deutlich vor Augen stehen. Ein erster, wichtiger Schritt: Aussprechen, was geschehen ist. Scham überwinden. Das Erlebte einem Menschen zu erzählen, der bereit ist, wirklich zuzuhören. Nicht allein zu bleiben mit den schlimmen Erfahrungen. Und sie auch vor Gott beim Namen zu nennen.

Als Zweites stellt Asaph Gott eine Frage: „Wie lange noch, Herr?“ Ein klagender Seufzer aus tiefster Seele: Es ist so schwer. Ich halte es kaum noch aus. Wie lange noch? Wieviel kann ein Mensch, kann eine Ehe, kann eine Gemeinschaft, kann die Menschheit ertragen? Wie lange noch? Ein Stoßseufzer. Auch Stoßseufzer sind Gebete. Manchmal geht gar nicht mehr. Und muss es auch nicht: „Wie lange noch, Herr?“ So können wir auch heute noch beten – und tun es vielleicht auch manchmal.

Vielleicht sollten wir es noch öfter tun, anstatt nur vor anderen über eine unerträgliche Situation zu klagen. Es gibt ja immer wieder mal solche Gespräche, wo man sich gegenseitig alle Übel dieser Welt klagt, und am Ende hat keiner eine Idee, wie sich daran etwas ändern ließe. Es kann einen nur noch mehr runterziehen als der Konsum von permanenten Negativ-Nachrichten es eh schon tut.

Asaph bleibt nicht beim Lamento stehen. Er wendet sich an Gott mit seiner Frage „Wie lange noch?“ Wenn wir Menschen keine Antwort mehr finden, dann bleibt immer noch die Möglichkeit, uns an Gott zu wenden.  

Gewalt- und Unrechterfahrungen machen wütend. Und führen nicht selten zu Gegengewalt und Hass. So verständlich diese Reaktion ist, so zerstörerisch wirkt sie doch auf den, der sich darin buchstäblich verzehrt. Darum heißt es auch an anderer Stelle warnend: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden!“ Aber wie denn mit der Wut über erfahrene Ungerechtigkeit umgehen? Die Zähne zusammenbeißen? Das funktioniert nicht wirklich.

Asaph nimmt auch die Wut mit in sein Gebet: Gott, gieß deinen Zorn doch aus über die Völker, die dich nicht anerkennen. Lass uns noch erleben, wie du das Blut deiner Diener an den Feinden rächst! Sie haben dich beleidigt und verspottet. Zahle es ihnen siebenfach zurück!

Haben Sie schon einmal so gebetet? Darf man das überhaupt: Darum bitten, dass anderen Menschen Leid an Leib und Seele zugefügt werden soll?

Nun, wer selbst schon große Ungerechtigkeit erlebt hat oder wem Menschen schweres körperliches oder seelische Leid zugefügt haben, dem sind solche Gedanken zumindest im Ansatz nicht unbekannt. Der Wunsch nach Vergeltung kann aber auch Ausdruck eines tiefen menschlichen Gerechtigkeitsempfindens sein. „Da darf ein Täter doch nicht mit durchkommen! Es muss doch eine Art von Wiedergutmachung geben!“ In unserer Zeit gibt es Gesetze und Gerichte, an die wir uns wenden können. Seit einigen Jahrzehnten gibt es auch den Internationalen Strafgerichtshof in den Haag, vor dem Kriegsverbrecher angeklagt und verurteilt werden können. Auf diese Weise erfüllt sich zumindest manchmal die Bitte Asaphs nach Vergeltung, nach Gerechtigkeit.

Aber auch heute noch können wir Gott als Richter anrufen und ihn um die Wiederherstellung von Gerechtigkeit bitten. Und dürfen auch Wut und Rachegelüste vor ihm ausdrücken. Das ist eine gesündere Möglichkeit, sie auszuagieren, als selbst Menschen Schaden zuzufügen. Und: Auf diese Weise bleiben wir immer noch mit Gott in Kontakt.

Asaph hat die schrecklichen Dinge beim Namen genannt. Er hat Gott gefragt: Wie lange noch? Und er hat seine dunklen Gefühle vor ihm ausgeschüttet. Und dann schließlich spricht er auch die Schuld seines eigenen Volkes an. Das steht nicht am Anfang und lässt sich auch so ohne Weiteres nicht auf jeden Leidenden übertragen. Aber im Gespräch mit Gott kann sich auch unsere Perspektive verändern. Erkennen wir womöglich auch eigene Anteile, eigene Fehler und Sünden. Asaphs Worte kommen später wörtlich im Vaterunser vor: „Vergib uns unsere Schuld.“

Nach diesem intensiven Gebet voller Emotionen wirkt der Schluss wie die Abendsonne nach einem Tag voller Unwetter: Dennoch sind und bleiben wir dein Volk, Gott. Du bist und bleibst doch der gute Hirte, der die Gebeutelten und Gedemütigten in seinen Armen birgt. Gott hat das Gebet Asaphs übrigens nicht so erhört, wie der sich das vorgestellt hatte. 48 Jahre nach der Zerstörung Jerusalems wurden die Babylonier ohne nennenswertes Blutvergießen von den Persern besiegt. Und wenige Jahre später gab der persische König Kyros die Erlaubnis zur Rückkehr der Israeliten und zum Wiederaufbau von Stadt und Tempel.

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