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Vom Fischnetz

Martin Seltmann über Matthäus 13,47–52.

Vorschaubild: Matthäus 13

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Matthäus 13

Wiederum gleicht das Himmelreich einem Netz, das ins Meer geworfen wurde und Fische aller Art fing. [...] (Mt 13,47-52; LUT)

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Ich finde es immer wieder beeindruckend, wie nahe Jesus mit seinen Vergleichen den Zuhörern war. Am Anfang des Kapitels steht, dass sich Jesus an den See setzt und Gleichnisse erzählt. Und auch wenn er im Verlauf des Kapitels nicht mehr am Wasser sitzt: Er war im Umfeld des Sees Genezareth (der auch „Galiläisches Meer“ genannt wurde). Viele seiner Zuhörer lebten vom See, vom Fischfang – nicht nur die Fischer selbst, auch ihre Familien, die Handwerker der Reparaturbetriebe, viele Zwischenhändler und Verkäufer. Und jeder konnte sich das gut vorstellen, was Jesus hier als Beispiel brachte: Ein volles Fischernetz. Da sind ja die unterschiedlichsten Fische drin. Vielleicht gab es auch ungenießbare Fische, einige waren einfach zu klein zur Weiterverarbeitung; manches andere war dazwischen – auch stinkende, tote Fische vielleicht. Kurzum: Nach dem Fang waren die Fischer mit dem Aussortieren beschäftigt. Die wirklich lohnenden kamen in dafür vorgesehene Gefäße.

Wenn im Erzgebirge Pilzsaison ist, erleben meine Frau und ich öfter: Ein freundlicher Mensch bringt uns fast jeden Tag Pilze vorbei, und meine Frau ist mit dem Sortieren beschäftigt. Es ist wichtig, zu kontrollieren, ob vielleicht doch ein ungenießbarer oder wurmstichiger mit dabei ist; faulige oder nicht verwertbare Teile werden abgetrennt und in den Abfall geworfen.

Vielleicht hätte Jesus hier in unserer Gegend, in der weit und breit kein See ist, die Pilzsuche als Beispiel verwendet…

Doch zurück zum Fischernetz: Nun sagt Jesus, dieses volle Fangnetz gleicht dem Himmelreich. Nicht etwa das Gefäß, in dem am Ende die guten und genießbaren Fische drin sind; nein, das Himmelreich gleicht dem vollen Netz, in dem noch die schlechten und guten Fische zusammen drin sind. Alle, die irgendwie ins Netz geraten sind, sind dabei…

Und dann stelle ich mir vor, dass die Zuhörer beim nächsten Fischfang nochmal über diese Worte nachdenken, vielleicht als sie gerade ihren Fang sortieren: kann das wahr sein, dass auch dieser stinkende Fisch mit dazu gehört, und diese kleinen Dinger, die so bedeutungslos für den ganzen Fang sind. Was soll das?

Und doch macht Jesus in diesem Vergleich eine klare Aussage: Das Himmelreich auf Erden ist sehr bunt und vielfältig. Und wir haben nichts auszusortieren oder zu verurteilen.

Mir sind in diesem Gleichnis zwei Gedankengänge sehr wichtig geworden.

1. Immer wieder wollten Christen auf Erden eine reine Gemeinde schaffen, sozusagen ein Gefäß, in dem nur die „guten Fische“ drin sind. Auch aus dieser Motivation heraus entstanden und entstehen immer wieder neue Gemeinschaften oder Gemeinden. Gerade in unseren Tagen erlebe ich dieses Bestreben wieder sehr stark. Das hängt auch mit Spannungen und Spaltungen in der Gesellschaft zusammen, die vor der Kirche nicht haltmachen. Das Bemühen ist da, die „reine Gemeinde“ zu schaffen, in der wirklich nur eindeutig Bekehrte dabei sind, die alle auf die richtige Weise Gott loben, und gemeinsam das Selbe verurteilen oder gut finden. Doch oft treten dann auch in den sogenannten „reinen Gemeinden“ bald wieder ähnliche Probleme auf, spätestens in der nächsten Generation. Aber Jesus sagt eindeutig: Lasst sie alle zusammen! Aussortiert wird am Ende!!

Allerdings nicht von Menschen, sondern von Gott und seinen Engeln.

Für mich ist das eine überraschende, aber auch befreiende und entlastende Aussage. Als Jünger Jesu darf und soll ich die Netze auswerfen, d.h. ins Reich Gottes einladen. Aber ich kann es Gott überlassen, wie er letztlich die Fische beurteilt. Das gilt auch für meine Haltung gegenüber Menschen in meiner Kirche. Denn wie schnell ist Hochmut da und der Versuch, auszusortieren, einzugruppieren – unter Christen (Neulich hörte ich: die sind wirkliche Christen – und die anderen nur „christlich“). Nein, ich soll alle Fische im Netz annehmen und liebhaben, auch die, die mir Mühe machen, und die ich nur schwer als „schmackhafte Fische“ akzeptieren kann. Ich soll mir bewusst machen: Aussortieren ist nicht meine Aufgabe, das geschieht am Ende der Welt.

Ein 2. Gedanke, der mir im Text wichtig geworden ist: Am Ende werden die Bösen von den Guten unterschieden, und natürlich auch von Gott gerichtet. Da ich in meiner Bibel viel Platz für Notizen habe, kann ich zurückblickend erkennen, dass dieser Text schon mehrfach in den letzten 20 Jahren im September dran war, und einige Male genau am 11. September, dem Jahrestag des größten Terroranschlages der Neuzeit.

Da werde ich darauf verwiesen, dass Gott gesagt hat: „Die Rache ist mein.“ Am Ende der Welt wird abgerechnet. Wir Menschen haben die Rache selbst nicht zu vollziehen. Wir dürfen aussteigen aus dem Kreislauf der Rache, der Vergeltung, des Zurückschlagens.

Das gilt im großen Weltgeschehen genauso wie in unserem Miteinander in Familie, Nachbarschaft, Kollegenkreis, Kirchgemeinde… Nicht Rache, nicht Vergeltung! Wohl aber sind wir aufgerufen, den Schwachen zu schützen und dem Überfallenen Hilfe zu geben. Das ist manchmal eine Gratwanderung. Aber solche Gratwanderungen mutet uns Gottes Wort zu.

Am Ende vergewissert sich Jesus bei seinen Zuhörern, dass sie das Gleichnis verstanden haben. Sie bejahen es. Und deshalb betont Jesus, dass ein richtiger Schriftgelehrter derjenige ist, der zu seinem Jünger geworden ist. Er holt Altes und Neues aus seinem Schatz hervor. Er verachtet das Alte Testament nicht, aber er setzt es in Beziehung zur Verkündigung, zur Sendung Jesu. Er lernt vieles neu zu sehen, in einem neuen Licht … in der Weise, wie Jesus ihm seinen Vater vor Augen gemalt hat.

Er muss dazu nicht unbedingt die Schrift bis ins Letzte studiert haben (wie ein klassischer, jüdischer Schriftgelehrter). Wichtig ist, dass er die Gleichnisse Jesu mit der darin liegenden Botschaft verstanden hat.

Und es ist so schön, dass Jesus jeden anspricht, weil er in das Lebensumfeld seiner Hörer hinein predigt (z.B. vom Fischfang).

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Kommentare (1)

Hans-Rainer P. /

In eine Gemeinde dürfen "alle Fische" kommen. Aber aus einer Gemeinde muss man aussteigen, wenn ein falsches Evangelium verkündigt wird.