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Schuld, Gericht und Gnade in Israels Geschichte (2)

Volker Hoof über Psalm 78,32–55.

Vorschaubild: Psalm 78

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Psalm 78

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„Wir wollen dir doch nur zum Guten“, diesen Spruch meiner Eltern habe ich heute noch im Ohr, wenn ich an meine Kindheit zurückdenke. Ich habe es meinen Erziehungsberechtigten sicherlich nicht einfach gemacht und sie sind oft an ihre Grenzen gestoßen. Ich habe es immer wieder geschafft, von den Regeln abzuweichen, die mir meine Eltern vorgegeben hatten. So ähnlich geht es Gott auch mit seinem Volk Israel. Immer wieder zweifeln Juden an Gott, wenden sich anderen Göttern zu und setzen andere Prioritäten, als ihrem Schöpfergott nachzufolgen.

John Bellett, ein irischer Erweckungsprediger im 19. Jahrhundert, setzt über diesen Psalm die Überschrift: „Gottes Gnadenwege und Israels verkehrte Wege“. Der Psalm gehört zu den großen Liedern der Geschichte Israels. Kernaussage ist, die Vergangenheit nicht aus dem Blick zu verlieren, sondern aus ihr zu lernen. Zum einen, damit wir Fehler nicht wiederholen, zum anderen, um uns daran zu erinnern, dass Gott auch in schwierigen Situationen immer bei uns ist. Das sehen wir nämlich oft erst, wenn wir Lebens- oder Glaubenskrisen nochmal rückblickend betrachten.

Und so blendet Asaf zurück in die Zeit, als sie Sklaven in Ägypten waren. Gott verspricht seinem Volk: ich bringe euch da heraus, ich mache euch frei!

Ich bringe euch in ein Land, wo ihr Ruhe findet, wo es euch an nichts mangeln wird.

So flieht Israel unter dem Schutz des Herrn in die Wüste in Richtung des Landes Kanaan. Gott lässt viele Wunder geschehen, er versorgt das Volk mit Wasser und Nahrung. Er erneuert seinen Bund am Berg Sinai. Trotzdem nörgelt Israel an vielem herum. Kundschafter werden ausgesandt, um das verheißene Land zu erkunden. Als sie nach 40 Tagen zurückkommen, berichten sie dem Volk nicht nur von der Fruchtbarkeit des Landes, sondern auch von den Bewohnern, die stark sind und in befestigten Städten leben. Israels Zweifel an der Verheißung Gottes überwiegen wieder. Dabei hätten sie nur Gott vertrauen müssen und das Land einnehmen. Wegen dieses Unglaubens straft Gott sie, indem sie 40 Jahre in der Wüste umherirren. „Er ließ ihre Tage dahinschwinden ins Nichts und ihre Jahre in Schrecken“, so schreibt Asaf. Von Zeit zu Zeit straft Gott das Volk. Dann besinnen sich die Leute und wenden sich Gott wieder zu. Der Glaube hat aber nur eine kurze Halbwertszeit: es dauert nicht lange, da lebt jeder wieder vor sich hin. Die Anbetung kommt nicht mehr von Herzen, es sind nur Lippenbekenntnisse. Die Mächtigen der Welt lieben solche Schmeicheleien, aber Gott, der Herr, sieht unser Herz und weiß, wenn wir nicht aufrichtig sind. An diesem Punkt sollten wir auch unsere Nachfolge hinterfragen: sind wir ehrlich, wenn wir beten, diese oder jene schlechte Angewohnheit zu unterlassen oder weiß ich von vornherein: „Das funktioniert sowieso nicht“, oder: „Ich will das eigentlich nicht aufgeben.“ Dann kämpfe ich auch nur halbherzig ohne Gottes Kraft dagegen an.  Diese Haltung ist Gott zuwider. Eine Beziehung mit Gott soll eine reine Herzensangelegenheit sein, die von Grund auf ehrlich ist.

In der Geschichte mit Israel hätte Gott allen Grund, Gericht zu üben. Aber Gott bleibt barmherzig und vergibt viele Rückfälle. Gott weiß, wie schwach der Mensch ist. „Ein Hauch, der dahinfährt und nicht wiederkommt“, wie Asaf schreibt.

Israels Hauptproblem – und sicherlich auch das Problem vieler Menschen heute – ist fehlendes Vertrauen in die Kraft Gottes. Wieviel mehr würde Gott in meinem Leben bewegen, wenn ich alle meine Angelegenheiten unter Gottes Macht stellen würde. Das schreibt auch der Evangelist Matthäus in seinem 13. Kapitel über Jesus, der gerade in Nazareth unterwegs war: „Und er tat dort nicht viele Machttaten um ihres Unglaubens willen.“

Israel erinnert sich auch nicht mehr an die Taten Gottes in den Tagen, an denen Gott sie aus der Gefangenschaft in Ägypten errettet hat. In den hebräischen Schriften wird dieser Auszug Israels als Demonstration von Gottes Macht bezeichnet. Im neuen Bund ist es die Auferstehung von Jesus, die ein Beweis für die Macht Gottes ist.

Asaf schreibt über die Errettung aus der Gefangenschaft in Ägypten. Sicherlich gab es noch viele andere große Taten, durch die Gott seinem Volk beigestanden hat. Aber gerade bei den Plagen, die Ägypten trifft, demütigt er das Herrschervolk, indem er sich als Gott erweist, der über den Göttern Ägyptens steht, als Gott, der die Macht über seine ganze Schöpfung hat.

Der Psalmbeter listet sieben der zehn Plagen auf, die nicht chronologisch sortiert sind. Die ersten sechs Plagen stehen mit ägyptischen Gottheiten in Verbindung, wie der Gott der Fruchtbarkeit, der Geburt, der Medizin, der Ernte, des Himmels und der Beschützer des Nils. Gott erweist sich hier stärker als jeder Götze und von Menschen erdachter Gott.

Mit der letzten - zugleich schlimmsten - Plage nimmt Gott den Ägyptern die Erstgeborenen, weil der Pharao Gottes Erstgeborenen, das Volk Israel, nicht freigibt. Nach dieser Katastrophe wollen die Ägypter die Israeliten nur noch loswerden und lassen sie ziehen. Und Gott führt sie wie der gute Hirte von Ägypten weg, lässt ihre Feinde im Schilfmeer ertrinken und führt sie zum Berg Sinai.

Die letzten beiden Verse unseres Abschnittes sind wie ein Zeitraffer über 40 Jahre. Gott führt sein Volk ins verheißene Land und ist an ihrer Seite, als sie das Land erobern.

Durch den Psalmbeter erinnert Gott an seine großen Taten, die aus Liebe zu seinem Volk entstanden sind. Gott ist so geduldig mit seinem Volk, er hätte an jeder Stelle seines Weges die Reißleine ziehen und Israel vernichten können.

Wir leben in der Gnadenzeit. Und das ist gut so. Wie oft greife ich daneben, schweife in meiner Nachfolge ab, versuche mein eigenes Ding zu machen. Wie oft versuche ich, Probleme nach meinem Ermessen alleine zu lösen. Gott zeigt mir seine Geduld und weicht mir nicht von der Seite. Ich sehe ihn nicht, weil ich ihn nicht sehen will. Aber Gott ist da.

In den Situationen, in denen ich nicht mehr weiterweiß, in denen ich denke, Gott hat mich verlassen. Dann denke ich an die Zeiten, in denen Gott mich gefunden hat und mich liebevoll in den Arm genommen hat. In denen er mich geführt hat. Um beim Bild des Schilfmeeres zu bleiben: oft stand ich an den Ufern eines Gewässers, hinter mir der Feind, ich konnte weder nach rechts noch nach links flüchten. Da ging nichts mehr und Gott zerteilte das Meer vor mir und eröffnete mir neue Wege.

Mir hilft es im Glauben, mich zu erinnern an diese Zeiten. Ich gehe ruhiger in die nächste Situation. Diesmal mit Gottes Hilfe.

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Kommentare (1)

Christoph D. /

Hängengeblieben bin ich an zwei Stellen:
- "Ich konnte nicht flüchten, Gott teilte das Meer vor mir und eröffnete mir neue Wege." Für die Israeliten war der Weg durch die Wüste auch nach der "Gasse" mehr