/ Anstoß - Gedanken zum Tag
Zweifel erlaubt?
Gedanken von Markus Baum zum Bibeltext Judas 1,22.
Und erbarmt euch derer, die zweifeln;
Ist Zweifel erlaubt oder verwerflich? Wer sich ernsthaft mit dem Buch der Bücher auseinandersetzt, bekommt manchmal mehr als nur eine Antwort auf so eine Frage und ist dann auch nicht direkt schlauer.
Im hinteren Teil der Bibel finden sich in direkter Nachbarschaft der Jakobusbrief und der Judasbrief. Beim einen kommen die Zweifelnden nicht so gut weg – „Ein Zweifler ist unbeständig auf allen seinen Wegen“, heißt es bei Jakobus (Jak 1,8), weshalb dort die dringende Empfehlung steht: „Er bitte im Glauben und zweifle nicht!“ - Judas ist da entspannter; er empfiehlt den Gläubigen: „Habt Erbarmen mit denen, die zweifeln.“
Danke, lieber Judas, bin ich versucht zu sagen. Es gibt zwar Menschen, die völlig gutgläubig durch die Welt segeln und nie angefochten werden, aber die allermeisten kommen schon gelegentlich ins Grübeln. Wer zweifelt, will es genau wissen. Und nicht erst seit der Erfindung der „Sesamstraße“ weiß die Menschheit: „Wer nicht fragt, bleibt dumm.“
Zweifel um des Zweifels willen ist natürlich auch keine Option. Wer grundsätzlich alles und jedes in Frage stellt und keinen noch so triftigen Beweis gelten lässt, bringt sich um viele gute und wichtige Erfahrungen im Leben. Insofern bin ich durchaus auch auf Jakobus‘ Seite. Aber meine Sympathie liegt eindeutig bei Judas.
Einer der prominentesten Zweifler der Weltgeschichte – Thomas, ein früher Weggefährte und Schüler von Jesus – ist nicht als Skeptiker gestorben, sondern als Apostel Indiens. Auch deshalb, weil Jesus Erbarmen mit ihm hatte und seinen Zweifel restlos ausgeräumt hat. Erbarmen mit den Zweifelnden dieser Welt gewinnt mehr Seelen als verurteilender Rigorismus.
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