/ 45:47 Min. / ERF Mensch Gott
Gefangen in der Zwangsprostitution
Lilliana hofft auf ein besseres Leben und landet in der Zwangsprostitution.
Lilliana verlässt mit 17 Jahren ihre Familie, um in Deutschland als Kindermädchen zu arbeiten und Geld nach Hause zu schicken. Vermittelt hat ihr die Stelle eine ältere Frau aus der Dominikanischen Republik, die sie aus einem Supermarkt in ihrer Nachbarschaft kannte. Am Flughafen Frankfurt wartet jedoch keine Gastfamilie, sondern ein Mann, der sie zwei Tage später in ein Bordell bringt und zur Prostitution zwingt. Erst Jahre später, als sie durch starken Drogenkonsum schwer krank ist und mit 36 Kilogramm um ihr Leben fürchtet, findet sie einen Weg heraus: über die Karte einer spanischsprachigen christlichen Gemeinde, ein Gebet auf offener Straße und eine Frau namens Anja, die sie über Jahre begleitet. Heute ist Lilliana wieder verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder, eine theologische Ausbildung sowie eine Ausbildung im Pflegebereich abgeschlossen und sagt über sich: „Ich habe keine Bitterkeit in meinem Herz.“
Warum sie dem Zuhälter jahrelang glaubte, erklärt sich aus ihrer Herkunft: Sie wuchs mit Gewalt vor der eigenen Haustür auf – in den 90er-Jahren, in einer Zeit, in der laut Lilliana schon ein falscher Blick aus dem Fenster tödlich enden konnte. Als der Mann ihr droht, ihre Familie umzubringen, falls sie etwas erzählt, nimmt sie diese Drohung ernst. Dazu kommt wirtschaftlicher Druck: Ihre Mutter arbeitete in den Minen, das Geld für die Miete fehlte regelmäßig, und Lilliana hatte das Gefühl, für ihre Familie verantwortlich zu sein. Genau dieser Druck holt sie später noch einmal ein. Ihre Geschichte zeigt, wie Menschenhandel funktioniert – über ein glaubwürdiges Versprechen, über Schulden, über Angst – und wie lange es dauern kann, sich innerlich zu befreien, auch wenn die äußere Gefangenschaft längst vorbei ist.
Wie werden Frauen in die Zwangsprostitution gelockt?
Bei Lilliana geschah es über ein glaubwürdiges Jobangebot aus dem eigenen Umfeld. Eine bekannte, freundliche Frau aus der Nachbarschaft vermittelte ihr angeblich eine Au-pair-Stelle, organisierte die Reise und log über die nötigen Papiere. Nach der Ankunft wurde ihr eine hohe Reiseschuld vorgehalten, die sie abarbeiten sollte. Das ist Lillianas Erfahrung und beschreibt kein allgemeines Muster.
Warum holen Betroffene keine Hilfe, wenn sie telefonieren dürfen?
Weil Kontrolle nicht nur körperlich funktioniert. Lilliana durfte mit ihrer Familie telefonieren – aber nie allein, und ihr war gedroht worden, dass ihre Familie getötet werde, wenn sie etwas sage. Als ihre Großmutter am Hörer merkte, dass etwas nicht stimmte, sagte Lilliana trotzdem, es gehe ihr gut.
Warum fühlen sich Menschen nach sexueller Ausbeutung wertlos?
Lilliana beschreibt, dass sie beim Blick in den Spiegel dachte: „Wer will mich haben?“ Komplimente von Kunden änderten daran nichts, weil sie ihren Körper als Ware erlebte. Dieses Gefühl blieb auch nach dem Ausstieg – und wurde in ihrer ersten Ehe von ihrem Mann noch verstärkt. Der Weg zurück zum Selbstwert dauerte bei ihr Jahre.
Warum gelingt der Ausstieg oft nicht beim ersten Versuch?
Bei Lilliana war der Grund finanziell. Sie hatte bereits aufgehört, verdiente mit Wäschewaschen und Kochen aber zu wenig, um die Miete ihrer Mutter zu bezahlen – und die Familie wurde bedroht. Sie kehrte zurück in die Prostitution. Erst Jahre später kam der endgültige Ausstieg.
Was hilft Menschen in einer solchen Situation wirklich?
Bei Lilliana war es eine Beziehung ohne Bedingungen. Anja, eine Frau aus dem Hauskreis, verurteilte sie nicht und stellte keine Forderungen, sondern sagte immer wieder nur: Komm trotzdem. Auch als Lilliana in die Prostitution zurückkehrte, blieb die Einladung dieselbe. Diese Beständigkeit nennt Lilliana als entscheidend.
Warum ist es besser, Kindern die eigene schwierige Vergangenheit nicht zu verschweigen?
Lilliana hat ihrer Tochter auf direkte Nachfrage die Wahrheit über ihre Vergangenheit gesagt. Die Reaktion war Nähe, nicht Ablehnung: „Mama, heute liebe ich dich mehr als früher.“ Ihre Überzeugung daraus: Wenn Eltern lügen, um ihre Kinder zu schützen, entfernen sie sie eher von sich. Das ist ihre persönliche Erfahrung.
Wo finde ich Hilfe?
Erleben Sie Zwang, sexuelle Ausbeutung, Gewalt oder eine Suchterkrankung? Es gibt Beratungsstellen, die kostenlos, vertraulich und auf Wunsch anonym weiterhelfen. Eine Anfrage verpflichtet zu nichts. Beim ERF kannst Du dich jederzeit an das Gebets- und Seelsorgeangebot wenden: Gebet beim ERF. Bei akuter seelischer Not erreichst Du die Telefonseelsorge rund um die Uhr kostenfrei unter 0800 1110111 und 0800 1110222.
Ihr Kommentar
Kommentare (1)
sehr bewegende und ermutigende Geschichte! Vielen Dank überhaupt für die ganze Sendereihe MenschGott - klasse Format. Und prima, davon regelmäßig auf Instagram zu erfahren! Unbedingt weiter machen!