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Gott schweigt.

Warum machen scheinbar immer nur die anderen tolle Erfahrungen mit Gott?


Es muss im frühen Grundschulalter gewesen sein. Ich saß in meinem Kinderzimmer auf dem Teppich und forderte Gott zu einem Gespräch heraus. Ich sagte laut: „Hallo, Gott!“ und lauschte … und lauschte … und versuchte es noch einmal, diesmal mit mehr Nachdruck: „Hallo, GOTT!“ Doch Gott antwortete nicht. Etwas irritiert schickte ich hinterher: „Hör mal, wenn es dich gibt, warum sagst du dann nichts?“ Aber wieder erntete ich nur Stille. Schließlich gab ich das Experiment auf und saß frustriert und allein in meinem Zimmer. Weitere Versuche zu späteren Zeitpunkten ergaben dasselbe Ergebnis, sodass ich schließlich zu der Erkenntnis kam: Wenn Gott nicht antwortet, liegt es wohl daran, dass es gar keinen Gott gibt. So verlor ich mit sieben oder acht Jahren meinen Kinderglauben.

Zu einem sehr viel späteren Zeitpunkt gab ich Gott eine neue Chance. Voller Zweifel, ob es ihn überhaupt gibt oder ob ich mir von all den Christen, die angeblich so eng mit ihm in Kontakt standen, nur einen Riesenbären habe aufbinden lassen. Ich tat das, was man geheimhin „beten“ nennt, „verbrachte Zeit mit Gott“ und wartete sehnlichst darauf, dass er laut und deutlich zu mir sprach. Dabei kam ich mir wieder vor wie damals auf dem Kinderzimmerteppich: Ich rief ins große, unbekannte Irgendwas hinaus, aber es kam nichts zurück. Mehrfach war ich kurz davor, das Ganze wieder zu beenden. Wenn Gott uns alle angeblich so überschwänglich liebt, dann würde er doch antworten, wenn man ihn direkt fragt. Oder?

Wenn Gott uns alle angeblich so überschwänglich liebt, dann würde er doch antworten, wenn man ihn direkt fragt. Oder?

 

Die Verbindung kommt nicht zustande

In der Gemeinde, auf Veranstaltungen, in Medienberichten – ständig stieß ich auf Menschen, die strahlend erzählten, wie unglaublich geliebt sie sich von Gott fühlten. Oder sie berichteten von Dingen, die Gott konkret zu ihnen gesagt hatte. Von Eindrücken, Heilungen, Wundern. Ich erlebte von all dem nichts, obwohl ich es mit Beten, Bibel lesen & Co. versuchte. In mir nagte das Gefühl, etwas Grundlegendes falsch zu machen. Alle anderen schienen eine Standleitung zum Allerhöchsten zu haben, aber ich war anscheinend schon zu blöd, die richtige Nummer zu wählen. Dabei wünschte ich mir sehr, Gott einmal so richtig eindrücklich zu erleben und bat ihn: Mach doch endlich mal was Krasses! Etwas Übernatürliches, das richtig knallt! Aber Gott schwieg.

Nachdem ich mich lange Zeit darüber geärgert hatte, dass ich Gott nicht hörte, dämmerte mir allmählich mein Fehler: Vielleicht erwartete ich das Falsche? Ich hatte durch meine Beobachtungen von den Christen um mich herum zu dem Glauben verleiten lassen, dass ein Lebensweg mit Gott mit ständigen intensiven Gefühlen, Eindrücken und am besten noch Wundern gepflastert sein müsste. Dass eine Beziehung zu Gott nur dann „gut“ sei, wenn sie zu jeder Zeit besonders innig ist. Ich glaubte, ich müsste von Gott ein Gefühlsspektakel erwarten und war enttäuscht, dass es nicht eintraf. Wie Elia in der Bibel wartete ich auf die versprochene Begegnung mit Gott. Doch sie fiel anders aus als erwartet.
 

Und Gott spricht doch – nur anders

Da antwortete ihm der HERR: „Komm aus deiner Höhle heraus und tritt vor mich hin! Denn ich will an dir vorübergehen.“ Auf einmal zog ein heftiger Sturm auf, riss ganze Felsbrocken aus den Bergen heraus und zerschmetterte sie. Doch der HERR war nicht in dem Sturm. Als Nächstes bebte die Erde, aber auch im Erdbeben war der HERR nicht. Da kam ein Feuer, doch der HERR war nicht darin. Danach hörte Elia ein leises Säuseln. (1. Könige 19, 11-13)

Ich habe meine Erwartungen geändert. Seitdem ich mich nicht mehr über das ausgebliebene Spektakel ärgere, höre ich hin und wieder dieses leise Säuseln, das Elia erlebte. Schließlich machte ich dann doch die Erfahrung, dass Gott sogar deutlich spricht, wenn es notwendig ist. In Krisenzeiten, zum Beispiel, oder an Wendepunkten in meinem Leben. Als eine Angehörige schwer erkrankte und nur wenig später mein Vater plötzlich starb, erlebte ich, dass Gott auf eine Art und Weise sprach, die ich als „übernatürlich“ bezeichnen würde. Aber wieder war es nicht das strahlende Feuerwerk, sondern ein kleines, flackerndes Licht. In dunklen Zeiten kann auch ein unspektakuläres Licht genügend Erleuchtung bringen. Es muss nicht zwangsläufig auch knallen und puffen (kann es aber).

In dunklen Zeiten kann auch ein unspektakuläres Licht genügend Erleuchtung bringen. Es muss nicht zwangsläufig auch knallen und puffen (kann es aber).

 

Der Druck ist raus

Warum aber erlebt der eine Mensch spektakuläres Reden Gottes am laufenden Band, während der andere jahrelang auf ein einziges Wort warten muss?
Gott liebt alle Menschen gleich. Deshalb begegnet er nicht allen gleich, sondern so individuell, wie er jeden einzelnen geschaffen hat. Die einen führt er sehr nah und steht in engem Austausch mit ihnen. Andere begleitet er eher still und setzt Akzente in ihrem Leben. Problematisch wird es, wenn Menschen ihre Erfahrungen mit Gott verallgemeinern und auf andere übertragen, oft mit den besten Absichten. Sie schüren die Erwartung, dass Gott auf eine ganz bestimmte Weise sprechen müsste, nämlich so, wie sie ihn selbst intensiv erleben. Das mag für andere Menschen aber gar nicht die Art sein, wie Gott sich ihnen mitteilen will. Das führt zu Enttäuschung und Frust und letztlich sogar von Gott weg.

Gott liebt alle Menschen gleich. Deshalb begegnet er nicht allen gleich, sondern so individuell, wie er jeden einzelnen geschaffen hat. Die einen führt er sehr nah und steht in engem Austausch mit ihnen. Andere begleitet er eher still und setzt Akzente in ihrem Leben.

 

Ich habe mir immer einen schickes, kleines Stürmchen gewünscht, durch das Gott zu mir spricht. Aber Gott geht lieber säuselnd an mir vorbei. Offenbar ist er der Ansicht, dass das besser zu mir passt. Seitdem ich das akzeptiert habe, ist der Druck raus. Seitdem erlebe ich, dass Gott mit mir kommuniziert. Allerdings an ganz anderen Orten als denen, wo ich ihn zuvor gesucht habe. Mittlerweile sitze ich nicht mehr auf meinem geistlichen Kinderzimmerteppich und stelle trotzig Fragen. Ich vergleiche mich nicht mehr mit anderen Christen und ihren persönlichen Erlebnissen mit Gott. Stattdessen freue ich mich, wenn ich nach Zeiten des Schweigens etwas von Gott höre. Leise, unaufdringliche Wegmarken in einer Welt, die so auf Stürme, Erdbeben und Feuer fixiert ist.


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