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Geliebte Fehlkonstruktion

5 Hindernisse auf dem Weg zu mehr Selbstannahme und wie wir sie überwinden können.


Mein Mann und ich schauen uns an, wir lächeln milde und er bemerkt trocken: „Fehlkonstruktion“. Ich nicke, schmunzle und trotzdem macht sich ein bitteres Gefühl in mir breit. Denn es geht nicht um ein technisches Gerät oder einen Ikea-Schrank – es geht um mich. Um meinen Körper.

Ich kann mich kaum an Zeiten erinnern, in denen ich vollständig gesund war. Es ist keine schwere chronische Krankheit, die mich quält; es sind die vielen kleinen Wehwehchen, die diversen körperlichen Schwachstellen, die die Ärzte ratlos den Kopf schütteln lassen und mir den Eindruck vermitteln: „Bei mir hat Gott irgendetwas falsch gemacht. Ich bin eine absolute Fehlkonstruktion.“

Alles an mir ist zu empfindlich: Mein Immunsystem, mein Magen und nicht zuletzt mein Nervenkostüm. Und vielleicht ist es daher auch verständlich, dass ich mit mir selbst nicht zufrieden bin. Dass ich oft schmollend in der Ecke sitze, Gott anschweige und mir denke: „Wenn du mich nur ein bisschen besser gemacht hättest, würde das mit der Selbstannahme schon klappen.“
 

Einfach nicht genug

Doch dabei war ursprünglich nicht meine Gesundheit das Problem. Solange ich mich erinnern kann – zumindest ab meinen Teenagerjahren – war da dieses tiefe Gefühl in mir, nicht richtig zu sein. Sicherlich hatte es etwas damit zu tun, dass ich in meiner Schulklasse nicht beliebt war, ja sogar gemobbt wurde. Doch auch später, als ich tolle und tiefe Freundschaften aufgebaut hatte, blieb diese Unzufriedenheit. Ich dachte: „Wenn ich erst einen Partner habe, bin ich zufrieden.“ Und tatsächlich war es nicht leicht zu warten, bis ich mit Ende 20 endlich meinem heutigen Mann begegnete.

Aber auch jetzt – Jahre später – bleibt die Unzufriedenheit. Ich habe einen Job, der mich erfüllt; einen Ehemann, der mich liebt; eine tolle Gemeinde und wirklich großartige Menschen an meiner Seite. Doch ich bleibe unzufrieden. Ich werde das Gefühl nicht los, nicht zu genügen – und das auch in Zeiten, in denen meine Gesundheit mir keine Probleme bereitet.

Vielleicht geht es auch dir so. Du hast eigentlich ein super Leben! Du hast erreicht, was du erreichen wolltest. Trotzdem fehlt etwas: Nicht etwas Äußerliches, sondern etwas an und in dir. Wenn es dir so geht wie mir, dann lass dir gesagt sein: „Ja, es gibt Hindernisse, die uns beständig davon abhalten wollen, mit uns und unserem Leben zufrieden zu sein. Aber du und ich – wir können diese Hindernisse überwinden.“

Ein ganz typisches Hindernis in unserem Leben ist, dass wir Helden sein wollen. Wir messen unser Leben an dem Leben derer, die wir für Helden halten. Das können Menschen aus unserem eigenen Umfeld sein, aber auch fiktive Personen oder die bloße Vorstellung davon, wie ein Held zu sein hat.

Ich muss zugeben, ich liebe Heldengeschichten. Als Kind war mein größtes Hobby, mir Geschichten auszudenken. Mit meiner besten Freundin zusammen durchreiste ich in meiner Vorstellung fernste Länder, brachte die fiesesten Schurken zur Strecke und ging in romantischen Liebesgeschichten auf. Sicherlich hat dieses Hobby meine Kreativität und Vorstellungskraft gefördert. Doch wenn ich mein Leben ständig daran messe, was ich in meiner Fantasie erleben könnte, wird mein Alltag immer unbefriedigend sein.

Trotzdem sprechen auch viele christliche Ratgeber unseren Wunsch an, etwas Besonderes zu sein. Immer wieder werden wir als Christen daran erinnert, dass wir Königssöhne und –töchter sind. Daran ist zunächst nichts falsch. Wir sind ja tatsächlich als Christen Gottes Kinder. Aber wenn ich mir selbst auferlege, aus eigener Kraft heraus ein Held zu sein, bin ich schnell überfordert. Wenn alles in meinem Leben besonders sein muss − besonders geistlich, abenteuerlich, intensiv –, dann wird mir mein schnöder Alltag unzureichend erscheinen.

Wenn alles in meinem Leben besonders sein muss − besonders geistlich, abenteuerlich, intensiv –, dann wird mir mein schnöder Alltag unzureichend erscheinen.

 

Ich kann nur verlieren, wenn ich mir diese Bürde auferlege. Auch Gott verlangt das nicht von mir. Ein Blick in die Bibel zeigt das. Denn dort werden nicht – wie wir manchmal denken – Heldengeschichten erzählt. Vielmehr sind die Menschen der Bibel geradezu erschreckend menschlich. Der einzige Superheld der Bibel ist Gott. Immer dort, wo Menschen das verstanden haben, wirkt Gott durch sie und macht auch sie damit ein Stückweit zu Helden. Wo aber Menschen vor allem auf ihre eigene Kraft vertrauen, kommt es zum Scheitern. Wenn das schon in Bibel so ist, wieso sollte es in meinem Leben anders sein? Ich kann also endlich aufhören, den Helden zu spielen, und stattdessen Jesus den Held meines Lebens sein lassen.
 

Eine Sache, die uns Menschen immer wieder zutiefst unglücklich macht, ist, dass wir unseren Blick mehr auf unsere Begrenzungen richten als auf unsere Stärken. Es ist für uns so schmerzhaft zu sehen, was wir nicht sind, haben und können, dass wir gänzlich den Blick dafür verlieren, welche Schätze Gott uns mitgegeben hat. Das erste Urteil, das Gott über uns Menschen fällt, ist „Sehr gut“. Er erschafft die ganze Welt und ist schlicht begeistert (vgl. 1. Mose 1,31). Wir sind nämlich keine Fehlkonstruktion, selbst wenn wir uns manchmal so fühlen.

Ja, wir alle haben Begrenzungen. Wir sind nicht perfekt und wir werden es auch nie sein. Doch daran können wir nur wenig ändern. Die meisten meiner Begrenzungen und Schwächen werde ich niemals ausmerzen können. Trotzdem verschwende ich viel Energie darauf, meinen Blick genau auf diese Dinge zu richten. Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, geht nicht wenig meiner täglichen Kraft dafür drauf, an meinen Schwächen herumzudoktern. Aber diese Form der Lebensgestaltung wird uns immer unglücklich und unzufrieden zurücklassen. Es ist ungesunder Perfektionismus, wenn ich meinen Blick vor allem auf das richte, was mir fehlt.

In Jesaja 53, 4 steht ein wunderbarer Satz: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen.“ Dieser Satz zeigt mir: Jesus ist nicht nur für unsere Schuld gestorben, er nimmt am Kreuz auch alles andere auf sich, was an mir schwach, krank und unperfekt ist.

Jesus ist nicht nur für unsere Schuld gestorben, er nimmt am Kreuz auch alles andere auf sich, was an mir schwach, krank und unperfekt ist.

 

Deshalb darf ich mich befreit umso mehr meinen Stärken zuwenden. Ich darf sie ausbauen, sie feiern und besingen. Ich darf wegschauen von meinen Schwächen; von dem, was mich an mir selbst stört und betrübt. Wenn ich erst mal diesen Blickwechsel vornehme, ändert sich vieles. Ich sehe dann wieder, was ich kann, wo Gott mir einzigartige Fähigkeiten geschenkt hat.
 

Wir alle wurden im Leben schon einmal verletzt. Unser Leben ist voller Wunden und Narben. Auch das ist etwas, was wir uns nur ungern eingestehen. Doch wenn wir heil werden wollen, dürfen wir den Blick vor unseren Wunden nicht verschließen.

Denn unsere Verletzungen prägen unser Leben, sie prägen unser Denken über uns selbst und über andere. Manche dieser Wunden liegen vielleicht lange zurück und wir glauben, sie sind längst verheilt. Notdürftig haben wir ein Pflaster draufgeklebt und sie danach nicht mehr angeschaut. Doch unter dem Pflaster hat sich Eiter gebildet. Neid, Selbsthass und Verbitterung können die Folge sein. Um nun wirklich heil zu werden, müssen wir das Pflaster abziehen und uns unsere Wunde anschauen, sie endlich wirklich behandeln lassen − und zwar von Jesus. Dafür müssen wir unsere Verletzungen ans Licht bringen – und allein das kann schon extrem schmerzhaft sein.

Gott will mit Liebe dem begegnen, wo unsere Bedürfnisse übergangen, wir missachtet und unsere Seele mit Füßen getreten wurde. Aber das ist nur möglich, wenn wir ihn lassen; wenn wir vor ihm offenlegen, an welchen Stellen wir verletzt wurden.

Manche Wunden sind auch zu Narben geworden. Die Wunde selbst ist zwar verheilt, aber da ist eine Narbe geblieben. Damit müssen wir umgehen lernen. Solange wir nicht akzeptieren, dass diese Narbe nun zu uns gehört, werden wir immer unzufrieden bleiben. Ein Seelsorger kann hier eine große Hilfe sein, um die eigenen Verletzungen und Wunden zu erkennen und sich damit zu versöhnen.
 

Der dänische Theologe Sören Kierkegaard hat einmal den weisen Satz gesagt: „Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.“ Leider stimmt dieser Satz. Sobald ich anfange, mich mit anderen zu vergleichen, kann ich eigentlich nur schlecht abschneiden. Denn wir alle neigen dazu, beim anderen nur das zu sehen, was uns fehlt: Die glückliche Ehe, die tolle Karriere, die wohlerzogenen Kinder. Dieses Vergleichen hängt eng zusammen mit unserem einseitigen Blick auf unsere Schwächen und unserem überhöhten Anspruch, der Held unseres Lebens sein zu wollen.

Doch das Vergleichen ist noch auf einer anderen Ebene Gift für gesunde Selbstannahme, denn es trennt uns von unseren Mitmenschen. Es baut eine Mauer zwischen uns und den anderen auf. Diese Mauer ist dick und unnachgiebig, denn andere schauen oft mit genau derselben Haltung auf mich. Sie beneiden mich, ich beneide sie und wir alle sind unglücklich und zutiefst einsam.

Daher ist ein ganz wichtiger Schritt zu mehr Selbstannahme, diese Mauer einzureißen und uns gegenseitig unsere Begrenzungen und Verletzungen zu zeigen. Dann erkenne ich plötzlich, dass beim anderen auch nicht alles in Butter ist, dass auch sein Leben von Schwächen und Verletzungen geprägt ist. Wir wachsen dann zu einer Gemeinschaft zusammen, statt uns mit Mauern voneinander abzuschotten. Wir fangen an, uns gegenseitig zu helfen, und sprechen uns damit gegenseitig Wert zu. Auch das heilt und befreit.
 

Selbst wenn ich mich beherzt all diesen Hindernissen gestellt habe, bleibt in meinem Leben oft ein Rest Unzufriedenheit, ein Rest Unfriede mit mir selbst. Das ist ganz normal. Jetzt wirst du eventuell mit dem Kopf schütteln und dich fragen, wieso du diese ganzen schwierigen Prozesse überhaupt durchlaufen sollst, wenn du am Ende immer noch nicht zufrieden mit dir selbst bist.

Ganz einfach: Selbstannahme ist ein Weg. Kein Mensch von uns ist fähig zu bedingungsloser Liebe, auch nicht zu bedingungsloser Liebe uns selbst gegenüber.

Selbstannahme ist ein Weg. Kein Mensch von uns ist fähig zu bedingungsloser Liebe, auch nicht zu bedingungsloser Liebe uns selbst gegenüber.

 

Wir alle werden im Laufe unseres Lebens immer wieder Momente erleben, wo wir am liebsten vor uns selbst davonlaufen würden, wo wir uns selbst nicht leiden können, wo wir an unseren Schwächen verzweifeln und alte Narben aufbrechen.

Aber es ist möglich, dass wir uns etwas mehr lieben, unsere Schwächen etwas leichter akzeptieren und manche Verletzung schneller überwinden, wenn wir die Fallen kennen, in die wir so leicht tappen. Die Angriffe auf unser Selbstwertgefühl werden nie aufhören, solange wir leben. Doch wir können uns ihnen stellen. Wir können die Gemeinschaft mit anderen suchen, wenn Neid in uns hochkocht. Wir können uns unsere Stärken aufzählen, wenn wir wieder einmal enttäuscht von unseren Begrenzungen sind. Wir sind dem Gefühl der Wertlosigkeit, das uns der Teufel immer wieder einreden will, nicht schutzlos ausgeliefert. Wir wissen, wie wir dem begegnen können.

Und nicht zuletzt haben wir Gott auf unserer Seite. Gottes Liebe zu uns ist die größte Waffe gegen unsere Minderwertigkeitskomplexe. 

Gottes Liebe zu uns ist die größte Waffe gegen unsere Minderwertigkeitskomplexe.

 

Gott spricht uns immer wieder neu zu: „Ich habe dich je und je geliebt, darum habe ich dich zu mir gezogen aus lauter Güte.“ (Jeremia 31,3) Diese Worte wird er uns so lange sagen, bis wir sie wirklich begriffen haben. Das ermutigt mich jeden Tag aufs neue, mich meinen eigenen Selbstzweifeln zu stellen.

 


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Von Bettina am .

Psalm 139, 14: "Herr, ich danke dir dafür, dass du mich so wunderbar und einzigartig gemacht hast. Großartig ist alles, was du geschaffen hast - das erkenne ich." ......


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